Auf einer Stuttgarter Demonstration für Tierrechte.
Foto: Eibner/Imago

BerlinDer Oktober ist Buchmessenzeit, da soll Corona machen, was es wolle – zu diesem Anlass eine kleine Tier-Bücher-Schau. Da wäre zunächst Revolution im Stall (Vandenhoeck & Ruprecht) zu nennen, die kürzlich mit dem zweiten Preis des Deutschen Studienpreises 2020 prämierte Dissertation der Bremer Historikerin Veronika Settele. Unfassbare Mengen an Materialien auswertend, zeichnet sie die Entwicklung der industriellen Tierhaltung in den beiden deutschen Staaten zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wende nach. Auf nahezu jeder Seite wird spürbar, wie die Lebendigkeit der Tiere, die ja Voraussetzung dieser landwirtschaftlichen Produktivität ist, sowohl deren Rhythmen bestimmt, aber auch als Störfaktor bei der Produktion dazwischenfunkt sowie ansatzweise gebändigt, bezwungen, eingetaktet wird.

Doch obwohl das Buch das Wort „Revolution“ im Titel trägt, enthält es sich jeder politischen Bewertung, und andernorts beurteilt die Historikerin die Entscheidung gegen das Tiere-Essen mit leicht despektierlichem Zungenschlag als „für postmoderne Individuen auf moralischer Sinnsuche hochattraktiv“.

Ganz anders der Berliner Philosoph Bernd Ladwig, dessen Buch den nüchternen Titel Politische Philosophie der Tierrechte (Suhrkamp) trägt, das aber durchaus als Baustein einer Revolution für eben diese Tierrechte anzusehen ist. Mit ihrem vielbeachteten Zoopolis hat das kanadische Autor:innenpaar Will Kymlicka und Sue Donaldson 2011 eine demokratische Vertretung von Tieren gefordert. Ladwig arbeitet nun das Fundament der Tierethik  sorgfältig durch, ist in den politischen Konsequenzen zwar minimal gemäßigter als Zoopolis, macht durch diese beiden Schritte Widerspruch aber nahezu unmöglich. Anders gesagt: Für jemanden, der bereits für Tierrechte argumentiert, ist die Lektüre vielleicht optional. Alle anderen aber, die Tierrechte und deren politische Vertretung anzweifeln, kommen an Ladwigs Buch künftig schlicht nicht vorbei.

Zum Schluss sei eine dritte Neuerscheinung kurz vorgestellt: Edward Posnetts Die Kunst der Ernte (Hanser-Verlag), das stellvertretend für den seit Jahren zu beobachtenden Trend zum Nature Writing stehen mag. Um reines Naturerleben handelt es sich nicht, denn wo kann noch „unberührter“ Natur begegnet werden? So geht das Nature Writing oft Verbindungen ein mit den Genres Reiseliteratur und Sozialreportage, und so auch hier. Beeindruckend ist die dichte, sinnliche Beschreibung des Erlebten. Dabei treibt den Autor eine bestimmte Sehnsucht an, denn er hofft, in anderen Teilen der Welt traditionelle Produkte zu finden, die in Kooperation mit der Natur, nicht durch Ausbeutung derselben gewonnen werden. Er erforscht die oft grausamen Geschichten, die hinter Daunen, hinter dem Duft der Zibetkatzen, hinter kostbarer peruanischer Wolle stehen.

Wäre vielleicht eine Suche nach pflanzlichen „friedlichen“ Produkten weniger absehbar zum Scheitern verurteilt gewesen? Und muss man wirklich am anderen Ende der Welt in Höhlen steigen, um festzustellen, dass der eigene Küchenschrank Dinge beherbergt, die sich grausamer Käfighaltung verdanken? Doch Bücher sind nun einmal die fliegenden Teppiche, mit denen wir Heutige die Welt bereisen, und in diesen Corona-Zeiten daher nötiger denn je.