„Ich bin wirklich gar nicht so wahnsinnig geil auf Karriere“: Sarah Kuttner.
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HamburgSchlagfertig war Sarah Kuttner (41) schon bei Viva und MTV. Nun darf die NDR-Satireshow „Extra 3“ von ihrem losen Mundwerk profitieren: Die Moderatorin und Autorin wird durch 18 Ausgaben der Sendung führen. Thematisch geht es bei ihr um den „Irrsinn des Alltags“. Kuttner raucht E-Zigarette, als sie uns an ihrem neuen Wirkungsort Hamburg von dem Irrsinn ihres Lebens erzählt.

Frau Kuttner, wie sind Sie zur „Extra 3“-Moderatorin geworden?

Ganz klassisch per Casting. Ich war geil eingeschnappt, um ehrlich zu sein.

Weil Sie vorsprechen mussten?

Ja, ein Teil von mir war wirklich so: „Hey, ihr wisst doch, was ich im Fernsehen mache. Guckt euch das doch gefälligst an und nehmt mich einfach so!“ Aber es war jetzt auch nicht so, dass ich da mit 20 anderen Sarah-Kuttner-Verschnitten in einer Reihe stand, sondern ich kam an einem Tag, wo sonst keiner da war.

Wie war’s dann für Sie?

Ich hatte wahnsinnigen Spaß. Ich war selber ein bisschen überrascht über mich, weil ich schon lange nicht mehr vor einer klassischen Fernsehkamera in einem Studio mit Publikum und festem Ablauf stand. Ich bin ja eigentlich eher so Freestyle. Und es war toll zu sehen, dass ich das noch drauf habe.  

Und als Sie gingen, waren Sie sich sicher, dass das klappt?

Ehrlich gesagt, ja. Der Chef hat noch so getan, als müsse man noch überlegen, aber die Herzchen hat man in den Augen schon gesehen.

Moderatorin Sarah Kuttner im "Extra 3"-Studio. Die 41-Jährige wird durch 18 zusätzliche Ausgaben der Sendung führen. 
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Sie werden ab dem 12. Februar durch 18 zusätzliche Ausgaben der Sendung führen – immer dann, wenn Christian Ehring in der gleichen Woche mit „Extra 3“ im Ersten auf Sendung ist. Wie wird sich Ihre Variante von seiner unterscheiden?

Christians Sendung ist partei-politisch. Da habe ich weder Ahnung noch wirkliches Interesse daran. Wir konzentrieren uns auf den Irrsinn des Alltags, also auf Phänomene, auf Alltagssatire, wir gucken im Kleinen genauer hin. Und der Stempel wird sein: Ich, weil ich da rumstehe und keine klassische Fernsehschönheit im Paillettenkleidchen bin. Ich wasche mich, ich putze mir die Zähne, es kommt Make-up drauf. Aber es wird eine Menge Turnschuhe und Doc Martens geben, ich sag’s gleich.

Warum haben Sie keine Samstagabend-Show?

Ich glaube, ich bin zu speziell dafür – laut und immer sehr ehrlich, was toll klingt, aber nicht immer von Vorteil ist, weil man damit schnell aneckt bei Leuten, die davon überfordert sind. Ich habe noch nicht einmal das Bedürfnis nach einer Samstagabend-Show. Erfolg fetzt zwar, aber ich bin wahnsinnig wenig ehrgeizig. Ich will befriedigt werden von meinem Job, und ich hätte auch gerne das ein oder andere Geld fürs ganze Hundefutter.

Ist es Ihnen gar nicht wichtig, präsent zu sein?

Es gibt nie Momente, wo ich denke: Oh, ich muss mal wieder mehr stattfinden. Ich komme zur Arbeit, dann mache ich den Kram, den ich gut und lustig finde, und dann gehe ich wieder. Ich gucke es mir danach noch nicht mal an. Vielleicht bin ich kein guter Fernseh-Promi.

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Zur Person

Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin-Friedrichshain geboren, ihr Vater ist der Radiomoderator Jürgen Kuttner. Bekanntheit erlangte sie zunächst als Moderatorin bei Viva („Sarah Kuttner – Die Show“) und MTV („Kuttner“). Es   folgten zahlreiche weitere Formate, etwa das Magazin „Bambule“ bei ZDFneo oder „Kuttners Kleinanzeigen“ in der ARD.

Auch als Autorin machte sich die 41-Jährige einen Namen. Ihr vierter Roman „Kurt“ über eine Patchwork-Familie, die ihren Sohn verliert, wird derzeit von Til Schweiger verfilmt. Der NDR zeigt die erste Ausgabe von „Extra 3“ mit Sarah Kuttner am heutigen Mittwoch um 22.50 Uhr.

Was ist denn der letzte Irrsinn, der Ihnen im Leben passiert ist?  

Mir passiert wahnsinnig viel Irrsinn. Ich habe einen sehr kleinen, sehr anstrengenden Hund, ein Hundemädchen, das viel bellt. Es ist nicht cool. Aber was auch nicht cool ist, ist, wenn du auf der Straße versuchst, mit dem zu trainieren, der Penny fängt an zu bellen, und es stehen Leute vor dir und sagen: „So macht man das nicht. Sie müssten…“, während der Hund komplett steil geht. Ich gehe davon aus, dass die Leute mir damit sagen wollen, dass mein Hund nervt und ich auch, und das mag ich immer am liebsten. Oder auch Leute, die sagen: „Ihr Hund bellt sehr viel.“ Dann frage ich mich, würde man je einer Mutter sagen: „Ihr Kind ist sehr laut“?

Schon mal Martin Rütter kontaktiert?

Nee, ich mache gerade eine Hundetrainerausbildung, ich weiß alles selber. Ich habe seit zehn Jahren Hunde. Ich habe alles über Hunde gelesen. Fragen Sie mich was, ich kann Ihnen sagen, wie Hunde ticken. Aber das umzusetzen bei so einer kleinen Wurst, wo man selber auch emotional drin hängt, ist ein bisschen schwieriger.

Wird da ein Projekt draus, ein Buch oder ähnliches?

Ich spiele tatsächlich mit dem Gedanken, mein nächstes Buch zu so einem „Wie man an seinem eigenen Hund scheitert“-Sachbuch zu machen. Irgendwie finde ich die Idee gut, ein Buch über jemanden zu schreiben, der sich auskennt und trotzdem an seiner eigenen Töle scheitert.

Langweilig wird’s bei Ihnen nie.

Ich hab auch so genug zu tun. Ich mache noch den Podcast „Das kleine Fernsehballett“ mit Stefan Niggemeier und habe eine Veranstaltungsreihe in Berlin. Mir reicht’s, ich bin wirklich nicht so wahnsinnig geil auf Karriere. Ich möchte ausschlafen, Zeit haben für die Tiere und zwischendurch ein bisschen Geld verdienen.

Da war sie noch bei Viva: Sarah Kuttner 2002 in Köln.
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Sie wohnen mittlerweile eher ländlich, oder?

Nee, ich wohne nach wie vor mitten in Berlin, habe aber auch ein Wochenendhaus auf dem Land in Brandenburg, wo ich im Sommer viel bin.

Was ist das Schönste daran?

Der Garten. Ich kann im Garten nicht ruhig sitzen und Zeitung lesen, ich muss dauernd irgendetwas abschneiden, umpflanzen, anstreichen, mir in den Bauch sägen. Ich bin nicht besonders begabt, aber sehr leidenschaftlich, was handwerkliche Sachen angeht, weshalb ich auch oft schwere Blutungen davontrage.

Das klingt jetzt wirklich nach Irrsinn.

Ich hab mir mal mit einem Akku-Bohrer in den Bauch gebohrt, weil ich ihn falsch herum gegen den Bauch gedrückt habe, um den Akku zu lösen. Ich hatte dann kurz so einen Schlitz-Schraubenzieher im Bauch.

Sie sind also nicht immer so geschickt wie im Fernsehen.

Nein, überhaupt nicht. Aber ich mag es, mich dreckig zu machen. Man muss nicht niedlich dabei aussehen, man kann einfach seinen Quatsch machen.  

Haben Sie sich als Frau mal herabgesetzt gefühlt?

Ich bin ein großer Fan von Feminismus, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde: „Ach, was ich in diesem Leben schon an Männern gescheitert bin.“ Mein Leben lang war ich nie besonders weibchen- oder feenhaft. Ich war schon immer sehr, sehr rumpelig. Deswegen passiert mir das wohl weniger.

Durch Viva und MTV sind Sie bekannt geworden. Sind Sie noch viel auf der Piste unterwegs?

Gar nicht. Für Konzerte bin ich zu faul. Ich kann nicht so lange stehen, will die Musik in meiner Reihenfolge hören. Ich trinke keinen Alkohol, das macht dann auch keinen Spaß, dann stehste zwischen lauter Besoffenen und zu lauter Musik… Ich war nie das, was alle immer dachten, was ich bin. Ich war schon immer ein muffeliger, soziophober älterer Herr.

Aber mit Kritik können Sie umgehen?

Es kann sehr gut passieren, dass zehn Leute im Internet sagen: „Richtig gut, Sarah Kuttner!“ und eine Person sagt: „Alter, ist das scheiße!“ Und raten Sie, bei welcher Person ich die ganze Nacht hängen bleibe? Ich denke: Warum findet der Eine mich doof? Ich habe doch nichts falsch gemacht. Als ich das vor etwa zehn Jahren entdeckt habe, habe ich aufgehört, alles über mich zu lesen.

Tatsächlich?

Ja, ich werde verletzt, wenn Leute mich scheiße finden. Ich bin nicht schlau genug, um zu sagen: „Sarah, das sind fremde, traurige Menschen.“ Ich bin nicht sicherer als andere Menschen. Ich muss nur immer so tun, das ist sehr anstrengend.

Verfilmt Kuttners Roman "Kurt": Til Schweiger.
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Ihr Roman „Kurt“ wird verfilmt. Sind Sie in die Dreharbeiten involviert?

Gar nicht. Ich liebe es, nicht involviert zu sein. Ich freue mich, dass Til Schweiger mein Buch sehr liebt – und jetzt soll er damit machen, was er will. Bei der Verfilmung meines ersten Buches haben die mich am Drehbuch mitarbeiten lassen. Ich habe gemerkt: Ich weiß nicht, wie Film funktioniert. Das geht nach ganz anderen Regeln. Diesmal habe ich gesagt: „Til, dir gefällt das. Sehr gerne, Pinke-Pinke her, hier ist das Buch. Ich bin sicher, dass du irgendetwas daraus machst, bei dem ich weinen muss.“ Wenn Til Schweiger eines kann, dann die Leute zum Heulen zu bringen.

Für viele ist er wohl gerade deshalb ein rotes Tuch.

Nicht für mich. Null. Ich glaube jedenfalls, er ist einfach ein guter Mensch, der wirklich oft auf den Sack kriegt dafür, dass er Eins-a-superglatte Filme macht. Bei jedem seiner Filme muss man weinen, sie sind alle wunderschön gefilmt. Und er geht immer an Themen, die auch Relevanz haben. Ich meine, so ein totes Kind wie in „Kurt“ – das musst du dich erst mal trauen zu verfilmen.