Provoziert nicht erst seit gestern: Till Lindemann
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Ich bin selber Schuld. Habe ich doch die Hand gehoben, als in der Redaktion die Frage aufkam, wer etwas zur aktuellen Debatte um Till Lindemann schreiben möge. Ich wollte auch, wirklich. Ungefähr fünf Minuten lang. Bis ich angefangen hatte, mich einzulesen und festgestellt habe – sorry, falsche Debatte.

Aber zurückgespult, worum geht es eigentlich? Till Lindemann ist Sänger der Rockband Rammstein. Den Job macht er gut, keine Frage, die Band ist unglaublich erfolgreich. Sie interessiert mich nur nicht sonderlich, und ich würde niemals über Till Lindemann schreiben, hätte sich nicht herausgestellt, dass wir ein gemeinsames Interessensgebiet haben: Lyrik. Ich lese. Er schreibt.

Lindemann ist nämlich auch Dichter. Nicht erst seit gestern, seit Jahren schon. Nun hat eines seiner Gedichte in den sozialen Netzwerken für Empörung gesorgt. Und in den sozialen Netzwerken entgeht mir nichts.

Die Debatte, die der Empörung nun folgt, ist die gute alte Kunstfreiheitsdebatte, die wir gefühlt alle 14 Tage führen: Ein heterosexueller, weißer - meist alter - Mann veröffentlicht etwas, das am Rande oder gern auch einfach voll und ganz rassistisch, frauenfeindlich oder anderweitig diskriminierend ist und nennt es Kunst. 

Till Lindemann: Vergewaltigung als Gedicht

Das Gedicht, das der Stein des Anstoßes ist, trägt einen harmlosen Namen. "Wenn du schläfst". Der Text aber hat es in sich. „Ich schlafe gern mit dir, wenn du schläfst. Wenn du dich überhaupt nicht regst. Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe. Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst. Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß.) Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas). Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.“

Diese Zeilen sind eine Vergewaltigungsfantasie. Sie beschreiben einen hoch strafbaren Akt. Sie sind aber auch: ein Gedicht. Ein Gedicht ist Kunst und Kunst darf bekanntlich alles. Und so bügelt auch Lindemanns Verlag Kiepenheuer & Witsch jede Kritik damit ab, das hier das „lyrische Ich“ spreche und nicht der Autor selbst.

Das „lyrische Ich“ ist ein Argument, das ich respektiere. Genauso wie die Kunstfreiheit. Kunst darf alles, finde auch ich, sie darf auch Tabus brechen und verletzen. Doch die Argumentation hier hat zwei Haken.

„Wenn du schläfst“: Wenig Kunst, viel Provokation

Zum einen hat niemand Till Lindemann unterstellt, dass er als reale Person gerne Frauen betäube und vergewaltige – die Kritik entzündet sich daran, dass hier eine Straftat beschrieben wird, ohne Kontext, ohne Einordnung, nicht subtil, sondern brachial direkt. Es gehört nicht viel Interpretationsfähigkeit und auch kein großartig literarisches Talent dazu, um zu verstehen, was hier steht: „Ich bin ein Mann. Du bist eine Frau. Ich setze dich unter Drogen und vergewaltige ich. Das ist geil.“ Es tut dabei recht wenig zur Sache, ob hier der Autor selbst oder sein „lyrisches Ich“ spricht. Das ist sexistischer Dreck. Und der bleibt sexistischer Dreck, auch wenn er sich reimt.

Zum anderen muss ich nicht erst die literaturwissenschaftliche Brille aufsetzen, um festzustellen, dass es auch mit hoher Kunst in diesen Zeilen nicht weit her ist. Jeder zweite Debattenbeitrag zum Thema ist literarisch anspruchsvoller als dieses Gedicht selbst. Mag ja sein, dass sich diese Zeilen im Tschingderassabum eines Rammstein-Songs versenden. Leise gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln sind sie schlicht – platt und ekelhaft.

Wo bleibt die Frage an Till Lindemann, den Rammstein-Star?

Vor allem aber sind sie ein Stöckchen, über das ich wirklich nicht springen möchte. Ehrlich, wenn ich provoziert werden soll, dann bitte ein wenig smarter.  Till Lindemann schreibt seit Jahren Gedichte. Seit Jahren sind sie ähnlich platt, derb, grenzüberschreitend wie dieses. Müssen wir uns nun wirklich ausgerechnet an diesem offensichtlichen Gedicht darüber streiten, ob ein paar dahingerotzte Zeilen Kunst sind? Eine solche Debatte hilft vor allem einem: Dem Autor selbst. Auch negative Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit.

Wer in dieser Debatte auf der Strecke bleibt, das sind die Menschen, die ganz real erlebt haben, über was wir hier kunstvoll streiten. Die Opfer sexueller Gewalt. Ihnen wird eine Diskussion um Kunstfreiheit nicht gerecht.

Viel wichtiger als die Frage nach Till Lindemann, dem Dichter, ist doch eigentlich jene nach Till Lindemann, dem Musiker – nein, nach Till Lindemann, dem Weltstar. Rammstein füllt zu Konzerten ganze Stadien mit Menschen – ich habe noch nie jemanden sagen hören, das sei ja nicht Till Lindemann, sondern das „lyrische Ich“, das dort Erfolge feiert.

Ginge doch diese Debatte nun endlich über die der Kunstfreiheit hinaus und würde die wirklich wichtige Frage gestellt: Jene nach der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, die ein solcher Weltstar im Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt trägt. Trotz seiner Texte. Wegen seiner Texte. Vor allem: Ganz real – ganz unabhängig von der Kunst.