Retro war immer. Nur die Abstände der rückwärtsgewandten Moden wurden immer kürzer. Je moderner ein Zeitalter, desto anfälliger ist es für nostalgische Fluchten in eine heimelige Vorgestrigkeit. Nicht von ungefähr fiel die industrielle Revolution im England des 19. Jahrhundert mit der eskapistischen Schauerliteratur und der märchenhaften Malerschule der Präraffaeliten zusammen.

Als Tim Burton in den frühen 1980er-Jahren als kleiner Animator des Disney-Studios seinen ästhetischen Kanon formte, fanden sich die für ihn so inspirierenden präraffaelitischen Gemälde noch häufiger in den Depots der großen Museen als an deren Wänden. Heute ist die romantische Kunst des 19. Jahrhunderts wieder allgegenwärtig – und findet täglich Nachahmer in den Welten von Gothic und Fantasy. Nicht zuletzt dank Tim Burton. „Dark Shadows“, der neue Film des somnambulen Kaliforniers mit Wohnsitz in London, kombiniert nun diese schaurige Eleganz mit einem Zeitstil, den Geschmackswächter seinerzeit nicht minder schauerlich fanden: der Mode der frühen 1970er. Auch wenn das Retro-Comeback von Lavalampe & Co schon so lange andauert, dass es eigentlich gar nicht mehr hip sein dürfte (wie viele Vorstelllungen feiert inzwischen „Mamma Mia?“), liegt Burton damit voll im Trend. „Dark Shadows“ ist so „retro“, dass es fast selbst wieder retro ist.

Dass sich kaum noch jemand an die Vorlage dieses Remakes erinnert, die damals an Deutschland vorbei gezogene Sitcom „Dark Shadows“ aus den Jahren 1966-1971, ist schon gar kein Problem: Dem Retro-Kult ist es inzwischen völlig gleichgültig, ob sich noch jemand an die genauen Referenzen erinnert. Im Zweifelsfall zählt das Dekor: Man muss nur die popkulturelle Mülltonne gründlich genug auskippen, irgendetwas passt auf jeden Fall. Und niemand fügt es so gekonnt zusammen wie der Ausstattungs-Fetischist Burton.

„Ästhetisch gesehen waren die 1970er-Jahre das schlimmste Zeitalter der Menschheitsgeschichte“, fluchte Johnny Depp dieser Tage auf einem amerikanischen Internetsender. Im kalkweißem Gruftie-Makeup des Untoten Barnabas Collins, den ein Bagger nach zweihundert Jahren unsanft aus seinem Sarg befreit hat, äußert sich Depp wesentlich gepflegter. Wenn er etwa zum ersten Mal einen Fernseher sieht, aus dem gerade Karen Carpenter ihren Pop-Hit „Top of the World“ trällert, gilt sein Unmut nicht der zuckersüßen Melodik – nein, für ihn ist die Kiste schlichtweg Zauberei: „Komm heraus, Du Zwergensängerin!“

Tatsächlich hat Collins’ eigenes Schicksal weit mehr mit Magie zutun als alle Errungenschaften der modernen Unterhaltungselektronik: Als junger Casanova hatte er den Fehler begangen, einer Hexe namens Angelique das Herz zu brechen. Und die von Eva Green als zeitlose Sexbombe verkörperte Magierin rächte sich bitter, indem sie Collins in einen Vampir verwandelte. Jetzt hat sie es abermals auf ihn abgesehen.

Beider erste intensive Begegnung inszeniert Burton als übersinnliche Sexszene: Verächtern des 70er-Jahre-Designs wäre sie aus der Seele gesprochen – ein ganze luxuriöse Zimmereinrichtung geht dabei zu Bruch. Auch Fans des Regisseurs erleben ihn hier von einer neuen Seite: Für gewöhnlich waren die strengen Altersfreigaben seiner Filme ja eher der Gewalt geschuldet; jetzt outet er sich als Meister der Erotik.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: Ein halbes Jahr ließ sich die ursprüngliche Fernsehserie Zeit, um ihr übersinnliches Thema einzuführen. Burton lässt die Katze gleich zu Anfang aus dem Sack, er spielt mit offenen Karten: Würde man etwa in einem Western eine halbe Stunde lang die Pferde verstecken! „Dark Shadows“ lebt nicht nur in seiner nostalgischen Ästhetik vom wohligen Gefühl des Wiedererkennens. Man durchschaut die Figuren sofort und verliebt sich gerade deshalb in sie: etwa die herrlich unwürdigen Collins-Nachfahren im Amerika des Jahres 1971, die materialistische Mutter (Michelle Pfeiffer, attraktiv wie immer), die Hausärztin, die gern selbst ein Vampir wäre und diesen deshalb zu Bluttransfusionen überredet (Burtons Lebensgefährtin Helena Bonham Carter). Oder die frühreife Tochter (Chloë Grace Moretz), die den coolen Vampir einfach für „stoned“ hält, worauf dieser sein Unverständnis in einer Weise äußert, die sich leider nicht synchronisieren lässt: „Man hat schon damals versucht mich zu steinigen.…“ Lieber noch ist dem Teenager allerdings der Glamrock-Star Alice Cooper, der sich in einem Gastauftritt selbst spielt – schließlich ist er sich in den vergangenen vier Jahrzehnten nur noch ähnlicher geworden. Collins konstatiert es mit angemessenem Befremden: „Miss Cooper ist das hässlichste Frauenzimmer, das ich jemals gesehen habe.“

Die schönsten Szenen allerdings sind einfache Panoramen der Handlungsbasen, des amerikanischen Küstenorts oder der familieneigenen Fischfabrik. Der französische Kameramann Bruce Delbonnel („Die fabelhafte Welt der Amélie“), der hier zum ersten Mal mit Burton arbeitet, trifft genau die satten Blau- und Rottöne des alten Technicolor. Burton verstärkt den Effekt noch, indem er den Arbeitern blaue Kittel und rote Handschuhe anzieht. Vielleicht beendet dieser Film tatsächlich die Retro-Welle. Aber nur deshalb, weil einfach niemand es besser könnte als Tim Burton.