Keine andere Region in China steht so sehr für Boom und Wirtschaftswunder in den vergangenen vierzig Jahren wie das Perlflussdelta an der Südküste des Landes. Infrastrukturen wurden aus dem Boden gestampft und in kurzer Zeit Architekturen hochgezogen.

Die Nähe zu den Sonderwirtschaftszonen Hongkong und Macau machten aus der Provinz Guangdong nicht nur die „Werkbank der Welt“ mit Billiglohnkräften, sondern eine prosperierende Gegend, deren Gesellschaft in einem schwindelerregenden Tempo vom Bauernvolk zur aktuell weltweit größten Ballungsraumbevölkerung urbanisiert wurde. Sie transformierte zu einem Hybriden, in dem Gewinner wie Verlierer sich gleichermaßen tummeln. Diese Widersprüche, die kulturellen Eigenheiten und die internationale Vernetzung trieben denn auch die Popkultur zu renitenten Blüten.

Ein fast bescheidener Projektraum als Experimentierfeld 

Befördert durch die Einflüsse der Hongkonger Film- und Fernsehindustrie und des Showgeschäfts in Macau kulminierte sie in einer Bildkultur der Videokunst und mischt in den globalen Kunstszenen inzwischen ordentlich mit. Allein hierzulande poppt sie nur hie und da auf. Das sei zu wenig, sagten sich Kulturschaffende aus der Region und gründeten vor kurzem das Times Art Center Berlin, TACB, eine dem renommierten Guangdong Times Museum in Guangzhou zugeordnete Organisation – und zwar mitten im Galeriencluster an der Potsdamer Straße.

Was einen leichten Ruch von Kulturimperialismus – in diesem Fall von Ost nach West – in sich trägt, manifestiert sich in einem fast schon bescheidenen Projektraum, der künftig als Experimentierfeld für Ausstellungen, Forschung und Diskurse offen sein soll. Der erste Teil eines Ausstellungszyklus unter dem Titel „Episode I_Urban Explosion“ wurde nun mit Videokunst eröffnet.

Smoggetränkten Bilder

Die Arbeiten von 22 Künstlern flimmern parallel und nacheinander über Bildschirme und Projektionswände. Sie spiegeln die Entwicklung seit Mitte der 80er-Jahre wider. Pioniere waren die „Videotage“ in Hongkong und der „Southern Artists Salon“ in Guangzhou. Kollektive und Einzelkünstler schrieben deren Strategien fort: reflektierende Beobachtungen und Interventionen, um Raum für Kritik und Alternativen zu öffnen, mit Fokus auf die von unten nach oben wirkenden sozialen Kräfte.

Darunter befand sich die „Big Tail Elephants Working Group“, von deren Mitbegründer Chen Shaoxiong (1962–2016) hier „Ink City“ gezeigt wird. Mit gemalten, in Film gesetzten Stadtcollagen fragmentierte er den Trubel des Wandels zu Erinnerungsbildern. Künstlerinnen wie Cao Fei, 1978 in Guangzhou geboren, deren surrealistische Videoarbeit „Cosplayers“ von 2004 heute wie ein Flashback wirkt oder der Multimediakünstler Jiang Zhi, 47, entwickelten ihre Stoffe entlang der gesellschaftlichen Transformationen über die 90er Jahre hinaus weiter.

So auch Huang Weikai, 46, der zeigt, wie schnell etwas aus dem Ruder laufen kann. „Disorder“ von 2008 spiegelt brutale Alltagsvorkommnisse, die die Menschen verunsichern, aus ihren gewohnten Bahnen werfen oder gar Schweine auf die Straße. Die panischen Tiere hechten aus einem verunglückten Transporter über die Fahrbahn, viele liegen schon am Straßenrand, während Busse, Lkw und Autos vorbeirasen. Es nieselt und das Schwarz-Weiß taucht die smoggetränkten Bilder in eine schmutzige Atmosphäre.

Ein Rhythmus, der neben Irritation auch eine Art Schwarmbegeisterung hervorruft 

Auf einem kleinen Bildschirm gegenüber drängeln sich Menschenmengen durch die Straße. Das Meer von Köpfen wallt auf und ab, verschwimmt zur amorphen Masse, einzelne Köpfe tauchen auf, verpixeln jedoch immer wieder bis zur Unkenntlichkeit, als würde ein Stromstoß die Körper durchfahren.

Der Portugiese und Wahl-Hongkonger João Vasco Paiva, 39, verwendete in „Action Through Non Action“ seinen Körper als Störsensor. Bei jeder Berührung in der engen Menge zerhäckseln Ton und Bild, die Kollisionen mit Passanten generieren einen Rhythmus, der neben Irritation und Unbehagen auch eine Art Schwarmbegeisterung hervorruft.

Times Art Center Berlin, noch bis zum 13. April („Episode I“ bis 12.1.), Potsdamer Straße 87, www.timesartcenter.org