Der Künstler Timm Ulrichs spricht bei der Inbetriebnahme seiner Installation „wir-kl-ich“ 2019 im Sprengel-Museum.
Foto: Ole Spata/Dpa

BerlinMan sollte genau hinschauen auf die Foyerwand oben an der Treppe vor der Ausstellungshalle in der Akademie der Künste. Dort steht, kleingedruckt und als Raster gesetzt, das Wort „Raster“. Über mehrere buchstäbliche Mutationen hinweg erstarrt es am Ende zu „Starre“. Neben dieser „Raster – Starre“ steht das Wort „Stücke“, in Serie gereiht, jedoch in Stücke zerstückelt. Auch das ergibt ein Bild mit großem Eigensinn, absurd, ironisch, mit Tiefgang. Fehlt nur noch der Satz: „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“, mit dem der Künstler Timm Ulrichs sich, als Blinder verkleidet, einst im Jahr 1975 auf die Kölner Kunstmesse stellte und sich selbst zum Kunstwerk machte.

Wortspiele wie diese gehören längst zu den Klassikern in dem reichen Œuvre dieses Kunstarbeiters, der lange unter dem Radar des Kunstbetriebs agierte. Obwohl er es mit Chuzpe und viel Dada im Blut immer wieder verstand, als sprudelnder Ideenbrunnen auf sich aufmerksam zu machen. Schon kurz nach seinem Abitur 1959 fand Ulrichs seine Marktlücke im Kunstbetrieb: die Selbstausstellung. 1961 druckte er sich Visitenkarten mit der Aufschrift „timm ulrichs – erstes lebendes kunstwerk“ und erklärte sich zum „Totalkünstler“.

In einer Vitrine sitzend konnte er diese radikale Idee jedoch erst 1966 in der Frankfurter Galerie Patio realisieren. Ein erster Versuch in Berlin 1965 für die Juryfreie Kunstausstellung war am Bürokratismus der Verantwortlichen gescheitert. 1966 erklärte er das Wort „Bild“ zum Bild, rahmte es ein und hängte es auf. In einem anderen Rahmen notierte er schon 1962 für alle gut lesbar: „Am Anfang war das Wort Am.“ und vervielfältigt es 1971 als Siebdruck. Zu sehen sind sie jetzt in der Schau.

Totalkünstler in der Vitrine

Vielleicht lag es einfach an der Zeit, in die Timm Ulrichs 1940 in Berlin hineingeboren wurde, dass er zu früh dran war. Vielleicht auch an Hannover, der „Provinz“, wohin es ihn, nachdem die Familie Anfang 1945 evakuiert und nach Bremen gezogen war, zum Architekturstudium verschlug. Und wo er seitdem „wohnHaft erdverbunden“ ist (so der Titel einer Objektarbeit). Vielleicht lag es an den 50er-, 60er-Jahren, als Dichter wie Eugen Gomringer an der Konkreten Poesie schnitzten, die Ulrichs inspirierte, wie er eloquent mäandernd erzählt, bevor auf den Punkt kommt: zum Ende.

Sein eigenes, „the end“, ließ er sich 1970 aufs Augenlid tätowieren und designte bald darauf seinen Grabstein mit der Inschrift „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ Für den Kunstmarkt war er wohl nicht kommerziell genug, sagt er. Ein Glücksfall und die absolute Ausnahme sei eine Einzelschau in Krefeld gewesen, 1970 im Haus Lange, damals die Nr. 1 unter den Museen für aufstrebende Künstler, auch aus den USA. 1977 nahm er an der Documenta teil. Ulrichs Leben aber bleibt eine Dauerperformance – mit Geistesblitzen, Geniestreichen, Land-Art und Ego-Satire.

In dem auch immer Ideendiebe auflauerten und sich Nachahmer bedienten. Auch das macht er zum Thema. Man kann ihn sich gut als inspirierenden Lehrer vorstellen, immerhin war er von 1972 bis 2005 Professor für Bildhauerei und Totalkunst an der Kunstakademie Münster. Jetzt bekommt dieser muntere, bald 80-Jährige mit dem leicht zerzausten Schütterhaar über der hageren Stirn und dem ernsten, zum Schmunzeln neigenden Blick hinter randloser Brille also den 60. Käthe-Kollwitz-Preis von der Akademie der Künste verliehen.

Foto: dpa
„timm ulrichs – erstes lebendes kunstwerk“

Timm Ulrichs druckte mit dieser Aufschrift 1961 Visitenkarten und setzte sich dann fünf Jahre später in der Galerie Patio in Frankfurt am Main tatsächlich zur Öffnungszeit in eine Vitrine.

Die Jury aus Ute Eskildsen, Wulf Herzogenrath und Gregor Schneider begründet ihre Entscheidung mit der „absoluten Notwendigkeit, den Preis an einen Totalkünstler wie Timm Ulrichs zu überreichen“: Er führe eine unangepasste Existenz jenseits von Mainstream und Kunstmarkt. Sein Weg schließe an eine Utopie der Moderne an, in der sich Leben und Kunst vereinen.

Sein politisches Agieren diene einer jüngeren Generation als Vorbild. Sein Werk ist mithin – so der Kollwitz’sche Anspruch: wesentlich. Und wie lautet Ulrichs’ eigene Begründung? Nach drei geehrten Frauen (Katharina Sieverding 2017, Adrian Piper 2018 und Hito Steyerl 2019) war wieder mal ein Mann dran. Ernst schmunzelnd.

Späte Ehrung für den Künstler in seiner Geburtsstadt Berlin

In der Preisträger-Ausstellung geht es „Weiter im Text“, so der Titel. Ulrichs’ Schriftbild-Werk bildet darin die Klammer seines Œuvres, in dem so unsagbar viel passiert. So kann die Schau nur einen viel zu kleinen Ausschnitt zeigen. Denn sein sprachanalytisches und sprachphilosophisches Spiel von Anfang und Ende materialisiert Ulrichs mal als Assemblage, mal als Mappenwerk, als Tätowier-Bild, Aktion im öffentlichen Raum oder Fotoserie.

Die „Tautologie“, hier zu sehen in der Urfassung von 1970, ist eine leuchtende Laufschrift, eine Hommage an Gertrude Steins „Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Die Anagramme „Augen – Genau“ und „image – magie“ sind Bilder, „Kino – Ikon“ ein 16-mm-Film, der in rasanter 5-Sekunden-Abfolge knattert. Dem gegenüber kann man sich in „Das Literarische Geamtkunstwerk“ mit Band 3, 19 und 38 vertiefen. Doch ein Streich auch dies, denn ein Band ist hier nicht gleich Buch.

Vielmehr sind es die Farbbänder einer alten Schreibmaschine, konkret die von des Künstlers Mutter, die als Stenotypistin gearbeitet hat. Seit 1968 schreibt Timm Ulrichs jährlich jeweils ein Band voll. Räumlich ausufernd ist in der Ausstellung tatsächlich nur das Environment „… aus Gedankenfluss und Bewusstseinsstrom …“. Über die halbe Ausstellungshalle breitet sich eine Sandfläche mit Treibholz und Strandgut, das als Strahlenkranz die Form eines Schiffes nachzeichnet.

In dessen Mitte leuchtet, mit nautischer Sprache spielend, die eisblaue Neonschrift „in gedanken versunken – aus der erinnerung auftauchend“. Wunderbar. Es ist eine späte Ehrung für diesen Künstler in seiner Geburtsstadt Berlin, der seiner Zeit so oft voraus war. Und der wohl nie mehr durchs Raster fällt.

Akademie der Künste,

Hanseatenweg 10, Di–So 11–19 Uhr, bis 1. März