Wie pimpt man einen Schmetterling? Wie kann man ein derart zartes, leichtes und schillerndes Wesen für die Welt rüsten? Die unansehnliche Raupe, erklärt Kendrick Lamar zum Ausklang seines dritten Albums, verstehe, dass der Schmetterling zwar hübsch und beliebt ist, aber schwach. Daher sichere sie ihn im Kokon, gebe ihm Flügel, Anmut und Perspektive – aber im Grunde seien sie ein und dasselbe.

„To Pimp A Butterfly“ heißt Lamars neues Werk: Nachfolger von „good kid, m.A.A.d city“, seinem Major-Debüt, mit dem er 2012 zum größten Versprechen des HipHop aufstieg. In weitem Bogen erzählte er damals aus seiner Jugend in Compton, jener Vorstadt von L.A., die seit Ende der Achtzigerjahre für den Gangsta-Rap der Westküste steht. Doch unterschied sich nicht nur die Form der Erzählung und die vielschichtige Produktion von der sonstigen Gangsta-Ästhetik. „Werde nicht auf die harte Tour erwachsen wie ich“, ließ er in einem Song seinen Vater sagen. „Jeder kann einen Mann töten. Das macht dich nicht real. Real heißt Verantwortung.“

Und, Mann, ist der verantwortungsvoll geworden. Man hat schon „good kid“ mit „Illmatic“ von Nas verglichen, dem New Yorker Klassiker aus dem Jahr 1994, dessen dicht poetische, elegant performte und musikalisch aufregende Erzählung dem HipHop das erste „erwachsene“ Album bescherte, realistisch, düster, aber auch hoffnungsvoll und künstlerisch auf absoluter Zeithöhe. Mit „To Pimp A Butterfly“ hat Lamar nun tatsächlich so ein Album für die aktuelle Generation geschaffen.

Der Druck nach seinem Erfolg vor drei Jahren muss enorm gewesen sein. Das Unbehagen über diesen Status und die Erwartungen tauchen hier in den Raps immer wieder auf, als schuldbewusste und überforderte Reflexionen auf die Widersprüche zwischen Sozial- und Genre-Kritik, zwischen seiner Herkunft und dem Wohlstand, in dem er heute lebt, weil er über die Herkunft dichtet. Er nennt sich einen Heuchler, denkt in „The Cost of a Dollar“ über den Preis des Geldes nach und bricht am Ende von „These Walls“ schreiend vor Selbstverachtung im Hotelzimmer zusammen. Das entspricht natürlich einerseits dem Geschmack der Zeit, den wehen Gesangsraps von Drake oder den larmoyanten Ausbrüchen Kanye Wests. Aber das flatternde Selbst zu verkaufen, ist nur ein Aspekt des Schmetterlingspimpens.

Block Party für die ganze Community

Denn vor allem geht es hier darum, die Community zu stärken. „Every N**** is a Star“ sind die ersten Worte, die man hört, als souliges Soundtracksample eines ziemlich obskuren, gleichnamigen Blaxploitation-Films aus den frühen Siebzigerjahren, an deren Geist Lamar hier so deutlich anknüpft wie an die mittleren Neunziger. In kleinen Geschichten blickt er auf den Mikrokosmos der „Hood“ und lässt darin von Sklaverei bis zu Selbsthass, Gewalt und Feiermaterialismus, von ökonomischer Ungleichheit bis zu Rassenjustiz an großen Fragen nichts aus, was ihm zwischen „Compton and Congress“ auffällt. Er sei so „schwarz wie das Herz eines verdammten Ariers“ meint er in „The Blacker the Berry“ (ein der Harlem Renaissance der Zwanzigerjahre entlehnter Titel) und präzisiert: „Mein Haar ist kraus/ mein Schwanz ist groß/ die Nase rund/ ihr hasst mich/ ihr hasst mein Volk/ ihr wollt meine Kultur vernichten/ aber ich will, dass ihr wisst:/ ich bin ein stolzer Affe.“

Es ist in anderen Worten eigentlich kein Album für die weiße Mittelschicht – also für Leute für mich –, deren Angehörige sich aber gerade darum darauf stürzen, weil dieses Paradox – der Verkauf echten Zorns, Schmerzes, Zweifels und Stolzes – die Ökonomie des Blues seit je prägt. Vier Tage nach seiner Veröffentlichung steht „To Pimp A Butterfly“ jedenfalls schon an der Spitze der US-amerikanischen Charts und hält mit über 9 Millionen Zugriffen den bisherigen Allzeit-Rekord des Streaming-Portals Spotify.

Das liegt natürlich auch an der unglaublichen künstlerischen Vielschichtigkeit und Tiefe. Für jeden Text wählt Lamar eine neue Perspektive und Stimme; die Souveränität und unerschöpfliche Originalität seines Reimflusses, der Bilddichte, des Tons sind fantastisch. Es gibt wuchtige Gangsta-Momente, krächzenden Polithass und sprudelnd helle, leichtzüngige Kadenzen, a-capella-Passagen und frei schweifenden Jazz, weshalb ein US-Kollege sinnfällig Miles Davis’ Spiel als Vergleich heranzog.

Dem entspricht das musikalische Setting. Das Album wirkt wie eine Block Party für die ganze Community, in der die verschiedensten Geschmäcker unter einen Hut gebracht werden. Man hört dickste, mitreißende P-Funk-Bässe, Soulchöre und Siebzigergitarren, schwimmende E-Pianos und schlierige Keyboards, latinisierte HipHop-Beats und geschwätzige, post-boppige Souljazz-Nummern, für die Lamar sich zu kleinen Gastauftritten George Clinton und Dr. Dre geholt hat, Snoop Dogg und Pharrell Williams. Es gibt Samples von Fela Kuti, Sufjan Stevens und Radiohead, Produktionen vom Elektrojazzmeister Flying Lotus und großartige Jazzeinlagen vom Pianisten Robert Glasper und dem mit Flying Lotus assoziierten Saxofonisten Kamasi Washington. Bei all diesen auseinanderdrängenden, unübersichtlichen Motiven wirkt das Album dennoch wie aus einem Guss, in all seiner Bewegtheit von einem inneren Puls oder Vibe oder Swing zusammengehalten. Und in all seiner dunklen Komplexität und Widersprüchlichkeit ist es auf einzigartige, seltsame Weise upliftend, lebendig und frei.

Ich wüsste nicht, wann ich zuletzt ein derart komplettes, intelligentes, eloquentes, zungenbrecherisches und musikalisch reiches Rap-Album gehört habe. Man kann das natürlich auch kürzer sagen: Dies ist ein Meisterwerk.

Kendrick Lamar: To Pimp A Butterfly (Interscope/Universal)