Da begegnen sich eine Frau und ein Mann, und alles ist ganz wunderbar. In all ihren Bewegungen offenbart sich, wie sehr die beiden eins sind: Er umfasst sie zärtlich, während sie sich geschmeidig um seinen Körper windet. Und dann sind die beiden auch noch in Paris, der Stadt der Liebe! Voller Licht, Weite und Eleganz. Ineinander versunken lehnen Neill und Marina an einer der Brücken über der Seine. Und dann tänzelt sie, ihre kleine Tochter an der Seite, durch den Jardin du Luxembourg – er folgt ihr bezaubert mit seinen Blicken. Alles ist reine Gegenwart in diesen Momenten.

Der große US-amerikanische Regisseur Terrence Malick erzählt in seinem neuen Film „To the Wonder“ die Geschichte einer Liebe – vom Anfang bis zu deren Ende. Das ist im Kino kein so ungewöhnliches Thema, aber dies wäre natürlich auch kein Film von Malick, wenn es auf die gewohnte Weise, etwa dramatisch und handlungsorientiert, geschehen würde. Das darf der Zuschauer hier nicht erwarten. Und bereits in den ersten Szenen kündigt das hehre Innigkeitsgebaren des Paars an ewigen Orten ja auch einen hypnotisch fließenden, transzendierenden Film an.

Auf der Suche nach der Schönheit

„To the Wonder“ ist in seiner stark assoziativen und sehr choreographischen Inszenierung eine Zumutung. Ben Affleck spielt den US-Amerikaner Neill; die grazile Olga Kurylenko tanzt, schwebt, springt als ukrainisch-stämmige Französin Marina durch diesen Film, und es ist ungeachtet manch übertriebener Ballettpose eine Freude ihr dabei zuzusehen – so viel Anmut, so viel Schönheit! Schönheit kann es eigentlich gar nicht genug geben. Die Schönheit sucht Terrence Malick immer wieder in seinen Filmen – gewiss um ihrer selbst willen, aber er sucht sie auch als Gleichnis.

#video0

Und hier wartet die größere Zumutung auf das Kinopublikum, denn Malick ist ein ausgesprochen spiritueller Regisseur. Immer wieder haben sich Kritiker daran abgearbeitet, diese besondere Vergeistigung zu definieren, sie abzulegen in ihren eigenen Vorstellungsmöglichkeiten: Sind Malicks Filme nun geprägt durch Pantheismus, diffuse Religiosität oder doch durch jenes feste Christentum, dem nicht selten mit Aggressivität begegnet wird? In „To the Wonder“ geht auch ein katholischer Priester (Javier Bardem) um, der den Glauben verloren hat, aber seine Aufgaben in der Gemeinde weiter erfüllt. Eine weitere junge Frau taucht auf: Neills Jugendfreundin Jane (Rachel McAdams) hat den Tod ihres Kindes nicht verwunden und zitiert aus der Bibel.

Erfüllung ist vielleicht der Zugangsbegriff zu diesem Film, der einen theologischen Bogen spannt, indem er die Liebe zwischen den Menschen, zwischen Marina und Neill oder dem Priester und den Ratsuchenden um ihn herum nach ihrem Gelingen befragt. Und dabei in den Bezugsrahmen göttlicher Liebe stellt, die Barmherzigkeit und Gnade kennt. Inwieweit erfüllt die irdische Liebe das göttliche Gebot zu lieben? Denn dieses Gebot existiert. Wobei im christlichen Verständnis der Mensch an sich schon ein Abbild Gottes ist.

Überhöhung ist sinfonisch und total

Als Zuschauer sollte man sich vorher darüber im Klaren sein, ob einen solche Fragen überhaupt umtreiben – sonst könnte es gut sein, dass einem dieser Film in seinem Erzählgestus permanenter Erhabenheit gehörig auf die Nerven geht. Die Überhöhung ist nämlich sinfonisch (Musik: Hanan Townshend) und total. Noch eine Tankstelle ist hier ins Bild genommen und ausgeleuchtet, als wäre es eine Kathedrale. Und selbst die Schaulustigen bei einem Volksfest wirken, als würde sie gleich eine Offenbarung erwarten.

#video1

Dabei ist die Geschichte doch ganz einfach: Marina ist Neill in dessen Heimat, den Bundesstaat Oklahoma gefolgt mit ihrer Tochter. Wie es hier mit ihrer Liebe weitergeht, mag der Zuschauer selbst sehen. Zwischen Frankreich und den ländlichen USA wechseln also die Schauplätze, zwischen alter und neuer Welt, und sie gewinnen dabei in der Inszenierung durchweg transzendente Qualität. Ganz gleich, ob nun das Kloster Mont Saint-Michel, ein Supermarkt, Bisons in der Prärie oder eine Kirche in Bartlesville ins Bild genommen werden – Malick zeigt alles als Abbilder einer Schöpfung, deren Ursprung nun wieder interpretierbar ist. Es ist selbstredend kein Zufall, dass Malick seine Protagonisten auch immer wieder in die Natur schickt, sie nahezu verloren zwischen hohem Steppengras sich bewegen lässt oder auf jenem unsicheren, schlammigen Boden, den die Ebbe vor Saint-Michel frei gelegt hat. Wie bedroht die Schöpfung ist, wie verseucht etwa die Erde in Oklahoma – auch darauf verweist Terrnce Malick, wenn er selbst wie ein Gott über seinem schönen, fließenden Film herrscht.

To the Wonder USA 2012. Drehbuch & Regie: Terrence Malick, Kamera: Emmanuel Lubezki, Darsteller: Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem, Rachel Weisz u. a.; 112 Min., Farbe. FSK o. A. Ab Donnerstag im Kino.

Buchtipp: „Terrence Malick“ von

Dominik Kamalzadeh/ Michael Pekler; Schüren Verlag, 205 S., 19,90 Euro.