Tobias Zielony „Jenny Jenny“ : Im Bodensatz der Welt

Jenny kauert auf dem Straßenpflaster. Sie hat langes goldblondes Haar, Prinzessinnenhaar. Sie dreht dem Fotografen den Rücken zu, lässt ihr Gesicht nicht sehen, kramt wohl in ihrer Tasche. Über ihr ist in der schwarzen Hauswand eine Lichtbox eingelassen, zusammen mit der hellen linken Schulter- und Rückenpartie des Mädchens der einzige Lichtblick in diesem beklemmenden Nachtbild.

Andere Farbaufnahmen – von dieser und einer zweiten Jenny – die der Fotograf Tobias Zielony jetzt erstmals in seiner überraschenden, berührenden Serie in der Berlinischen Galerie zeigt – die Schau hat Ulrich Domröse mit glücklicher Hand kuratiert – sind eindeutiger. Rotes Schummerlicht hängt über dem Bett, von der liegenden nackten jungen Frau sieht man nur Schulter, rechten Arm, das Profil des Gesichts und ihren Schatten auf dem hellen Laken. Angedeutet, aber unausgesprochen, was hier geschieht oder geschehen könnte.

Das gilt ebenso für ein nächstes Motiv, auf dem der Kopf der Kindfrau nicht zu sehen ist, sie steht, nur mit gemusterter Strumpfhose und BH bekleidet, auf einem Teppich neben einer mit einem Laken bedeckten Couch, die Hände hinter dem Rücken , die abwartend-gleichmütige Haltung hat etwas Statistisches. Gefühle ausgeschaltet.

Zweifel am Mythos Wahrheit

Es ist mehr als nur Ahnung: Es sind blutjunge Sexarbeiterinnen. doch völlig fließend sind in diesen Aufnahmen Realität und Fiktion, Wahrheit und Inszenierung. Zielony, Wahlberliner, geboren 1973 in Wuppertal, bis 2006 Meisterschüler von Timm Rautert an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, trennt mit Absicht nicht zwischen Realem und Fiktivem, es sind für ihn die zwei Seiten einer Medaille. Für ihn, sagt er, sei Foto-Dokumentation nie frei von Inszeniertem und die wahre Offenbarung des Wesens einer Person im Moment der Aufnahme hält er für einen Mythos, an den nur Idealisten glauben.

Es begann mit einem Zufall: Er habe, erzählt er, vor Monaten in der Berliner U-Bahn ein junges Pärchen angesprochen, um es zu fotografieren. Er erfuhr, dass das Mädchen auf dem Weg zum Straßenstrich war. Sie sagte es ungeniert, so als ginge sie zur Nachtschicht in einen Betrieb. Daraufhin entstanden 40 großformatige Fotos – höchst intim und doch zugleich mit gesellschaftlicher Zuschreibung. Für die junge Person, für die nächtlichen, mit dramatisierendem oder aber hart auftreffendem Kunstlicht ausgeleuchteten Orte, an denen das traditionelle Dogma des – bürgerlichen – Porträts nicht mehr gilt. Hier nämlich beginnt das verwirrende, verlogene, aber reizvolle Spiel mit Identitäten.

Moralische Wertung durch den Fotografierenden findet nicht statt. Vielmehr gab es für diese Bilder vom – vermeintlichen – Bodensatz der Gesellschaft eine Übereinkunft, einen Deal zwischen dem Fotografen und dieser „Jenny“ auf dem Straßenstrich oder der „Jenny“, die als Hure im rot ausgeleuchteten Etablissement posiert und die Fotos von Drogensüchtigen aus dem Buch „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Kamera hält. Ob sie nur spielt oder ob sie dieser geächteten Arbeit tatsächlich nachgeht oder ob sie sich, auf dem nächsten Foto, tatsächlich den Arm abbindet, um sich einen Schuss zu setzen, weiß man eben nicht, obwohl man es zu sehen glaubt.

Zielony jedenfalls wertet nicht und schreibt die Rollen seiner Modelle nicht fest. Ebenso wenig verrät er, wer die jungen Frauen wirklich sind, die er über Monate trifft, die ihm vertrauen. Denn er zeigt sie so, wie sie sich selbst in Szene setzen möchten, in unbestimmten Zwischenräumen, in Posen sinnlicher Illusion, dann wieder melancholisch, verloren, einsam, seelisch verletzt, auch mit körperlichen Blessuren und Narben. Wahr oder fiktiv: Zielony testet unsere Empathie für das, was zur Grauzone des Alltags auch in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft gehört.

Und doch geben diese Frauen nur das von sich preis, was sie tatsächlich preisgeben wollen. Sie sind – oder aber sie spielen – anonyme Wesen zwischen der alle Gefühle und alle Gewissheiten verschluckenden Schwärze der nächtlichen Straßen Berlins und dem Verlangen, Begehren, zugleich Abscheu weckenden Leuchten der Laternen und Neonlampen. Die jedenfalls können das Dunkel der Szenerien auch nicht durchdringen. Nicht einmal die ausgefransten roten Vorhänge in einem zwielichtigen abgeranzten Boudoir.

Über Zielonys Stil, diese rätselhaften, intimen, anteilnehmenden, doch zugleich distanzierten Bilder wird derzeit in der Fotoszene viel debattiert, schon allein deshalb, weil Zielony das Dokumentarische mit dem Inszenierten mischt, gar das in der Dokumentarfotografie fast heilige „Authentische“ missachtet. Ausgestellt ist auch die Serie „Trona“– von sich fast zu Tode langweilenden Jugendlichen aus der von Arbeitslosigkeit und Ödnis geplagten Wüstenstadt bei Los Angeles. Aber das ist nicht etwa „soziale“ Fotografie. Bei Zielony changieren die Motive verlockend oder schockierend zwischen Sein und Schein. Dabei fotografiert er oft aus ganz leichter Untersicht seiner Kamera. Das heißt, er macht seine Modelle vor sich selbst größer, gibt ihnen, was jeder Mensch verdient: Würde.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124, bis 30. September, Mi–Mo 10–18 Uhr.

Das Rahmenprogramm zur Schau: www.berlinischegalerie.de.

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