Eine Rolltreppe auf dem Frankfurter Messegelände.
Foto: Arne Dedert/dpa

Ein paar Jahre danach war fast alles wie zuvor. Im Oktober 2001 war die Frankfurter Buchmesse das erste kulturelle Großereignis, das nach dem terroristischen Angriff auf das World Trade Center in New York abgehalten wurde. Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und lange Warteschlangen beim Einlass auf das Messegelände waren nur die sichtbare und zu erlebende Folge.

In den Hallen aber war das Gedränge wie eh und je groß. Auf Dutzenden Podien wurde das anbrechende Zeitalter der terroristischen Gefahr und die für viele verblüffende Rückkehr der Religionen debattiert. Ansonsten gehörte es weiterhin zu den paradoxen Erfahrungen eines jeden Messebesuchs, dass immer größerer Aufwand betrieben werden musste, um mit Büchern, um die es hier doch gehen sollte, die Aufmerksamkeit des Publikums zu binden. Das Geschiebe in den Gängen signalisierte gesteigertes Interesse, aber es war flüchtige Neugier, die sich hier wie eine schwerfällige Raupe vorwärts bewegte.

Das Ereignis „Frankfurter Buchmesse“ findet nicht statt

Die Bilder, die nun aus Frankfurt gesendet werden, zeigen eine traurige Choreografie sorgsam auf Abstand gehaltener Stuhlreihen. Das Ereignis findet nicht statt, vielmehr geht es in dieser Szene darum, den Eindruck einer aufgeschobenen Normalität zu vermitteln. Die Reden, die dazu gehalten werden, sind verhalten optimistisch. Es wird nicht mehr so werden, wie es einmal war, heißt es, als gehe es darum, nostalgische Gefühle abzuwehren. Niemand möchte sich jetzt dabei ertappen lassen, bloß rückwärtsgewandt und sentimental zu sein. Tatsächlich scheinen alle bemüht, sich wirtschaftlich und kommunikativ neu aufzustellen. Das Homeoffice als Adventserlebnis.

Den Soundtrack dazu hatte Tocotronic bereits 1995 geliefert. „Digital ist besser“ lautete der Titel des ersten Albums der Hamburger Band, dessen gleichnamiger Song auch eine Antwort auf das Gefühl einer Antiquiertheit des Menschen zu sein schien. „Auf der Straße denken Leute: ‚Wie sieht der denn aus?‘/Dass Leute doof sind, setze ich als bekannt voraus/In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt/In einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg“. „Digital ist besser“ war gar nicht so optimistisch und der Zukunft zugewandt, wie es klang.

Was durch die Corona-Pandemie beschleunigt wird, ist der gesellschaftliche Abschied von jener nach Aristoteles benannten Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Das Bedürfnis, nichts zu verpassen wird verdrängt von der aufgezwungenen Einsicht: Es geht vielleicht auch ohne.