Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Rick McPhail sind: Tocotronic.
Foto: Universal Music/Michael Petersohn

Berlin32 Grad, Sonne, Schweiß: Es ist einer der heißeren Tage in Berlin-Mitte. Jan Müller und Dirk von Lowtzow von der Band Tocotronic sitzen im Volkspark am Weinberg. Im Restaurant „Nola’s“ bestellen sie Cola und Wasser. Von Lowtzow kommt gerade aus dem Freibad, Müller aus dem Proberaum in Wedding. Seit über zehn Jahren leben sie in Berlin. In Kreuzberg haben sie ihr erstes Berlin-Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ aufgenommen, in Neukölln dann das Werk „Kapitulation“, die zwei folgenden Alben in Tempelhof.

Ihr drittes Bandmitglied, Arne Zank, zog bald nach. Nur der vierte, Rick McPhail, wohnt noch in Hamburg. Jener Stadt, die man am häufigsten mit Tocotronic assoziiert – „obwohl die Mitglieder der Band länger in Berlin leben, als dass sie in Hamburg waren“, sagt von Lowtzow, der selbst aus Offenburg stammt.

Und dennoch ist die Hansestadt, wo sich die damaligen Studenten Zank, von Lowtzow und Müller 1993 trafen, für die Band identitätsstiftend. In Altona gründeten sie Tocotronic, ihre ersten Konzerte spielten sie in der Sternschanze. Da wurden sie Teil der berüchtigten Hamburger Schule. Lange 27 Jahre liegt dieser Gründungsmoment zurück. Insgesamt 12 Alben, zahlreiche Kompilationen und EPs sind seither erschienen. Stücke wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ und „Pure Vernunft darf niemals siegen“ gehören heute zu Klassikern des deutschen Diskursrocks.

Auf dem jetzt erscheinenden Album „Sag alles ab“ sind alle Hits noch mal chronologisch versammelt. In einer Pressemitteilung heißt es, es sei die Werkschau zum Bandjubiläum. Je nachdem, welche Edition man kauft, finden sich außerdem unveröffentlichte Livemitschnitte wie „Aber hier leben, nein danke“ mit Jan Gorkow von Feine Sahne Fischfilet oder etwa eine Piano-Version von „Drüben auf dem Hügel“. Eine schöne Sammlung ist das, aber bei weitem nicht die erste. Und streng genommen feiern Tocotronic ja gar kein Bandjubiläum, oder?

Ein weiteres Tocotronic-Album ist bereits aufgenommen

Jan Müller, der an seiner Cola nippt, sagt, dass sie sich das eben so zusammengerechnet hätten –„25 Jahre Debütalbum, 27 Jahre Tocotronic“. Von Lowtzow ergänzt, dass sie einfach mal wieder eine „Rückschau“ machen wollten. Das Album sollte ursprünglich im Rahmen von zwei Festivals präsentiert werden: In Hamburg hätten sie im Stadtpark den ersten Teil der Rückschau geplant – mit jenen Alben, die dort entstanden – und im Waschhaus in Potsdam dann den zweiten Teil mit den Berlin-Werken. Wegen der Corona-Pandemie fielen beide Veranstaltungen aus. Fans müssen sich bis nächstes Jahr gedulden.

Müller und von Lowtozw finden dies zwar schade, aber nicht tragisch. „Es waren die einzigen Auftritte, die wir dieses Jahr geplant hatten“, sagt von Lowtzow. „Für uns stand die Aufnahme eines neuen, noch kommenden Albums an, und einzig diese mussten wir von Mai auf Juni verschieben.“

Die mit Streichern verzierte Ballade „Hoffnung“, die schon Mitte April veröffentlicht wurde und auch auf der Werkschau „Sag alles ab“ auftaucht, ist der erste Vorbote dieses vermutlich im Herbst 2021 erscheinenden Albums. Das Lied, in dem von Lowtzow traurig über Einsamkeit, Musik und Hoffnung sinniert, passte zu den Umständen der Pandemie so gut, dass sie es früher veröffentlichen wollten. „Die Albumversion wird dann mit komplettem Schlagzeug eingespielt sein“, verrät von Lowtzow.

Die restlichen, noch kommenden Stücke sollen sich um das „Bewusstsein einer allgemeinen Verwundbarkeit und einer existenziellen Einsamkeit“ drehen. Ein Konzeptalbum sei es jedoch nicht, zumal das Werk schon vor der Corona-Krise entstanden sei. Dass es persönlich wird, ist hingegen gewiss. „Verwundbarkeit, Einsamkeit - das sind ja alles Themen, die man nicht abstrakt behandeln kann“, sagt von Lowtzow.

Tocotronic waren in den Hansa Studios

Wenn Tocotronic an einer Platte arbeiten, entstehen zuerst die Texte. Wenn von Lowtzow spazieren geht, was er übrigens gern tut, und ihm Zeilen einfallen, spricht er sie auf sein Smartphone ein, zu Hause wird dann anschließend weiter dran gefeilt. Ist ein Song fertig, wird er erneut auf dem Handy eingespielt und den Bandmitgliedern präsentiert. „Wir sprechen dann sehr viel darüber – über die Texte, erste Arrangements, Ideen. Und dann kommt auch schon recht bald unser Produzent ins Spiel“, verrät Müller.

Nur eine Viertelstunde mit dem Auto vom Volkspark im Weinberg entfernt liegen die Hansa Studios, wo Pop-Ikonen wie David Bowie und Iggy Pop einst Songs aufnahmen. Tocotronic haben dort zuletzt gearbeitet und zählen ja auch zu den Helden – zumindest der deutschen Rockgeschichte. Wenn man die Augen zukneift, kann man sich gut vorstellen, wie Tocotronic dort ihre Hits produzieren. Nämlich so ähnlich wie bei einem sommerlichen Treffen auf eine Cola bei Nola’s: heiß und schwitzig. Und zwischen den Zeilen schwebt ein faszinierender Blick auf die Dinge der Zeit.

Tocotronic –„Sag alles ab – The Best of 1994–2020“  (Vertigo Berlin/Universal Music)