„Stellt euch einen 130 Pfund schweren schielenden Albino mit einer sehr langen Flauschmähne vor, der die schneidigste Gitarre spielt, die ihr jemals gehört habt“: So stand es 1968 in einer Reportage des Rolling Stone über die texanische Blues- und Rockszene; und der schielende Albino mit dem flauschigen Haar wurde daraufhin über Nacht berühmt. Er hieß John Dawson Winter III und nannte sich aber natürlich nur Johnny. Geboren wurde er 1944 in Beaumont in Texas, seinem Vater gehörte jene Baumwollplantage, auf der sich im Jahrzehnt zuvor der Bluesmusiker Muddy Waters als Pflücker durchgebracht hatte – und dabei von den Folkloreforschern Alan Lomax und John Work entdeckt wurde.

So war der Ort, an dem Johnny Winter seine Kindheit verbrachte, eine der Geburtsstätten des Blues; die Wahrung und Weiterentwicklung dieser musikalischen Tradition wurde für ihn zur Lebensaufgabe. Mit seinem Bruder Edgar eignete er sich in einer Band schon zu Schulzeiten afroamerikanische Blues-Klassiker an. Zu seinen schwarzen Landsleuten, sagte er, habe er sich schon deswegen so hingezogen gefühlt, weil sie Außenseiter waren – so wie er wegen seiner weißen Haare. Trotz des in Texas grassierenden Rassismus hatte er denn auch keine Scheu, in ihre Clubs zu gehen: „Ich war ein ständiger Gast. Niemand hat mich dort angemacht. Ich fühlte mich immer willkommen.“

Viele Jahre schon war Winter als Bluesmusiker durch die Provinz getingelt, als die Rolling-Stone-Reportage ihm zu plötzlichem Ruhm verhalf. Er erhielt einen opulenten Plattenvertrag und trat in Woodstock auf, und auch wenn er nicht alle Erwartungen erfüllte – ein „neuer Hendrix“ wurde er nicht –, erregte er nicht zuletzt mit seinen wüsten Bühnenshows einiges Aufsehen. Aber auch mit seinem eigentümlichen Klang, der nicht einfach als traditionslastiges Folkloregedöns abzutun war.

Winter gehörte nicht zur harten Blues-Fraktion, das Blecherne einer Fender Stratocaster – der brachial-eruptive Hendrix-Sound – war nicht sein Klangideal. Stattdessen bevorzugte er eine Gibson Firebird: Sie produziert mit ihren beiden Doppelspultonabnehmern und dem nicht angeschraubten, sondern mit dem Korpus verleimten Hals einen zwar kräftigen, aber weichen und vor allem singenden Ton. Überdies zupfte der Gitarrist sein Instrument mit den Fingern an, dies ließ den ohnehin singenden Ton wie eine menschliche Stimme noch zarter, beinahe verletzlich klingen.

Doch kaum begonnen, war seine Karriere beinahe sofort wieder zu Ende: Wie viele zu schnell zu Superstars gewordene Musiker, verfiel Winter dem Heroin und verschwand schon 1971 für fast ein Jahr in einer Entzugsklinik. Mit dem Album „Still Alive And Well“ feierte er 1973 ein Comeback; danach übte er sich, abgesehen von einem Rückfall in den Neunzigerjahren, zumeist in weiser Beschränkung. In den letzten Lebensjahren wurde seine Gesundheit immer schlechter, aber obwohl er so schwach war, dass er auf der Bühne sitzen musste, hörte er nicht auf zu spielen. Für dieses Jahr hatte er noch viele Konzerte geplant. In der Nacht zum Mittwoch ist Johnny Winter unterwegs in Zürich im Alter von 70 Jahren gestorben.