Der Suhrkamp-Verlag schickte die Meldung am Dienstagmittag betont wertfrei in die Welt: „Barbara Brecht-Schall, Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel, verstarb gestern Abend im Alter von 84 Jahren in Berlin“. Bald darauf folgte Claus Peymann als gralshütender Direktor des Brecht-Theaters namens Berliner Ensemble. Er drückt seine Bestürzung aus und würdigt Brecht-Schall als Wahrerin und Hüterin von ihres Vaters Erbe, als eine „wahre Jeanne d’Arc des Theaters“. Sie sei eine „konsequente und mutige und oft auch schwierige Verhandlungspartnerin“ gewesen. Ihre „Härte und Unerbittlichkeit, aber auch ihr Herz waren berühmt-berüchtigt.“

Und um ihr noch etwas nachzurufen, das nicht als Seufzer der Erleichterung missverstanden werden kann, schickt er dieses Postscriptum nach: „Auch ihre Backkunst werden wir übrigens vermissen. Die Direktion freute sich Jahr für Jahr auf ihren selbstgebackenen Weihnachtsstollen.“

Was hätte sie zu Lebzeiten in den Feuilleton-Debatten nicht alles über sich lesen müssen, wenn sie sich denn dazu herabgelassen hätte, die Schmierereien von uns Gegenwartszwergen zur Kenntnis zu nehmen − sie sei hart, starrsinnig, engherzig, ein „Zerberus von der Chausseestraße“. Sie reizte die Kulturberichterstatter mit den Aufführungsverboten bis aufs Blut und übte doch eine anstachelnde Faszination aus.

Auf ihr jüngstes Konto geht die schmerzliche Absetzung von Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung. „Das war Mord“, schrieb ich pathetisch, denn die Interpretation von Castorf, die beim Theatertreffen im Mai zum dritten und letzten Mal gezeigt werden durfte, war nicht nur sehr steuergeldteuer (mit echtem Hubschrauber im Bühnenbild von Aleksandar Denic), sondern schlicht großartig − sie fing den Geist von Brechts fiesem Genie Baal ein und auch den seines zähen Widergängers Castorf. Wieso durfte die Verstorbene das einfach so verderben?

In der wie auf Knopfdruck ausgelösten Debatte, bei der die Frage abgewogen wurde, welches Kunstwerk denn nun schützenswerter sei − das gedruckte, das man immer wieder in die Hand nehmen und nachlesen kann, oder das flüchtige, das mit der Gegenwart ohnehin sterbende − äußerte jemand den Wunsch, dass Barbara Brecht-Schall doch noch das Jahr 2026 erleben möge. Dann nämlich läuft, siebzig Jahre nach dem Tod ihres Vaters, das Urheberrecht aus und sein Werk wird gemeinfrei sein. Dieser Wunsch − bei dem unverhohlene Schadenvorfreude durchklang − geht nun nicht in Erfüllung. Und jetzt, da sie gestorben ist, schmerzt der Verlust, rührt sich auch die Furcht.

Ihre Widersetzlichkeit und Konsensfeindlichkeit sind selten geworden, ausgestorben fast im Kulturbetrieb und im Kunstschaffen. Wer wagt heute noch, sich mit einem klaren „Nein!“ ins mehrheitsbeschlossene Unrecht zu setzen? Wer hätte den Mut, dermaßen auf die öffentliche Meinung zu pfeifen? Und dabei so kampfesmunter zu bleiben, dass zu ihr abgeordnete Porträtisten und Interviewer ganz erschrocken guckten. Und was ist, wenn ihr Windmühlen-Kampf tatsächlich, vielleicht auch ex negativo, dem Werk ihres Vaters die Bedeutung erhielt, die ihm die schnoddrige Bedeutungsverdauerin Gegenwart schnell abgefressen und vergessen gemacht hätte?

Sie behauptete, eine schöne Kindheit gehabt zu haben mit einem Sonntagsvater, sie erlebte aus Kindersicht das Exil fast als Kleinfamilienidylle. Sie kam mit der Familie in die DDR, nach Berlin, wurde Schauspielerin, debütierte bei Wolfgang Langhoff, trat 1957 in Gerhard Kleins / Wolfgang Kohlhaases Defa-Film „Berlin − Ecke Schönhauser“ auf und spielte bis 1972 als Barbara Berg am Berliner Ensemble. 1961 − in einem dieser deutschen Schicksalsjahre − heiratete sie Ekkehard Schall, den profiliertesten Brecht-Schauspieler der DDR, also wohl der Welt. Die beiden lebten bis zum Tod von Ekkehard Schall, der ihr ziemlich genau vor zehn Jahren vorausging, in Bertolt Brechts Buckower Refugium am Schermützelsee. Der Tantiemen-Wohlstand konnte Barbara Brecht-Schall nicht den Blick für die Ungerechtigkeit dieser Welt trüben. Der hoch angesehenen Ehe entsprangen die Regisseurin Johanna Schall und die Kostümbildnerin Jenny Schall − Theaterleute, natürlich. . Jetzt geht das schwierige Nachlassverwalteramt an sie über. Wir bekunden unser Beileid, wünschen Kraft und gutes Gelingen.