Die Berliner Spree in der Rolle des Canal Grande von Venedig. 
Foto: Raumundzeit.art

BerlinEigentlich hätte man in diesen Tagen durch das schillernde Leben der Ruth Berlau im Berliner Ensemble streifen sollen: hoch talentierte Künstlerin und tragische Brecht-Geliebte zwischen dänischem Exil, New York und Berlin. Die ausgeklügelte 360-Grad Installation des Künstlerkollektivs Raum+Zeit samt VR-Brillen lagen schon bereit, als die Theater schlossen. Geschoben auf nächstes Jahr. Aber die findige Truppe um Regisseur Bernhard Mikeska und Autor Lothar Kittstein, die sich seit mehr als 15 Jahren bereits mit immersiven Theaterformen befasst und immer neue Eins-zu-eins-Situationen kreiert, haben umdisponiert und mit Thomas Manns morbider Liebes- und Pestnovelle „Tod in Venedig“ einen viruskompatiblen Audio-Spaziergang im Freien entworfen.

Venedig und Berlin? Kein einfaches Geschäft für die Überblendungsfantasie. Aber Wasser gibt es zum Glück überall, weshalb ein Wanderweg in Spreenähe den Zuschlag bekam. Und noch passender: Das Nikolai-Viertel mit seiner falschen Mittelalterlichkeit bildet den flirrenden Ausgangspunkt für Gustav von Aschenbachs Reise in den Tod. So sitzt man nun also, nachdem man die Audiodatei auf sein Smartphone geladen hat, mit Kopfhörern an dem überformten Georgsdenkmal, schaut über das Ufergeländer auf das Ribbeck-Haus und lässt sich von einer blasierten Männerstimme in die Gedankenwelt des großbürgerlichen Literaten Aschenbach ziehen.

Kittstein hat uns die Einfühlungsarbeit schon so gut wie möglich abgenommen, indem er im perfekt imitierten Satzgirlandenstil Thomas Manns zwischen Ironie und Weltmüdigkeit, teils auch mit zitierten Passagen aus der Novelle, einen Aschenbach zu Wort kommen lässt, der im Selbstgespräch mit sich – das heißt uns – nun tatsächlich im heutigen Berlin gelandet zu sein scheint, dabei aber ganz der alte geblieben ist. Oder ist es ein Traum? Langsam bemerkt er Anzeichen einer sich verändernden Umwelt, Ordnungskräfte tauchen auf, eine Epidemie muss vertuscht werden, dennoch verguckt er sich in eine imaginierte makellose Jungenerscheinung. Und wir lassen uns mit ihm bis auf den Friedhof der Klosterkirche ziehen.

Das Perspektivspiel klappt durchaus, weil der Verschmelzungstext handwerklich gut gemacht ist, aber die reale Gegenwart arbeitet einfach immer zu stark gegen den literarischen Verwandlungsgang. Denn sie kommt nie wirklich mit hinein in den Text und seine Vorstellungswelt, nicht mal per Zufall. Der alternde, eitle Dichterfürst bleibt mit seinem hundert Jahre alten Weltekel und seiner elitären Formverliebtheit dem Hier und Jetzt unendlich fern. Und trotzdem wandert man hier mal eine gute halbe Stunde schöner aus der Zeit als am zeittötenden PC.

Anleitung, Download und Startpunkt unter: raumundzeit.art