Tod von Gerard Mortier: Die Welt könnte doch besser sein, als sie ist

Baron Münchhausen oder Kugelblitz waren seine Spitznamen in Salzburg, wo er an den Tischen des Cafés „Bazar“ gelegentlich eine Erscheinung vorzunehmen geruhte. Wobei „geruhen“ eben das falsche Wort ist. Denn Baron Münchhausen nannte man ihn nicht, weil er einem Lügen auftischte, sondern weil er unvermutet an einem vorbeisauste wie auf einer Kanonenkugel und meistens geschliffene Aperçus auf den Lippen hatte, mit denen er die Herumstehenden in irgendeiner der vier Sprachen, die er fließend beherrschte, verblüffte. Junge Assistenten hingen an seinen Rockschößen, um mit ihm Schritt halten zu können, denn als Intendant der Salzburger Festspiele hatte er Entscheidungen zu fällen, Aufträge zu erteilen, Unterschriften zu leisten. Gerard Mortier aber war schwer fassbar, dem aktuellen Arbeitsstand immer schon um Jahre voraus – zumindest gedanklich.

Den Bäckersohn aus Gent, am 25. November 1943 geboren, zog es früh zu jener Sphäre, die heute politisch als „Hochkultur“ von allen Seiten gemobbt wird. Nachdem man ihm 1981 die Leitung des Théâtre de la Monnaie in Brüssel übertragen hatte, machte Mortier gemeinsam mit seinem Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling ein Musiktheater, das Gegenwartsbezug haben und nicht nur alteingesessene Zielgruppen erreichen sollte.

Der Ruf eines intellektuell funkelnden Intendanten

Er verpflichtete Regisseure wie Peter Stein, Luc Bondy, Peter Sellars, Patrice Chéreau, Karl-Ernst Herrmann und Ruth Berghaus, durch deren Arbeit das Brüsseler Opernhaus plötzlich wieder eine gesamteuropäische Relevanz erhielt. So erwarb sich Mortier den Ruf eines intellektuell funkelnden Intendanten, der mit Geld umzugehen verstand, aber mit Kunst erst recht. Man holte ihn 1991 nach Salzburg, wo es ihm gelang, die Festspiele für ein jüngeres Publikum zu öffnen und der zeitgenössischen Kunst größeren Anteil zu geben.

Als er seinen Vertrag über 2001 hinaus nicht verlängerte, machte man sich in Berlin Hoffnungen, Mortier könnte die Geschicke der Opernstiftung in der deutschen Hauptstadt leiten. Daraus wurde nichts. Was er selbst von dieser Institution hielt, ließ er die Berliner 2009 bei einer Podiumsdiskussion wissen: Die Opernstiftung sei völlig nutzlos, weil sie die Verantwortung von den Kulturdezernenten auf die Stiftungsdirektion verschiebe und damit nichts als ein Puffer zwischen Politik und Kunst sei.

Mit diabolischer Lust an der Provokation plädierte Mortier für die Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper, die Verschlankung der Orchester auf zweimal 96 Musiker und des Chores auf 130 Sänger. Da zeigte sich ein Technokrat und Ästhetizist, der lokale Bindungen des Publikums an Häuser und Orchester für Sentimentalitäten hielt, die dem Fortbestand von Kunst unter verschärften ökonomischen Bedingungen im Wege stehen. Freunde hat er sich mit solch gezielten Verletzungen nicht überall gemacht.

Kampf gegen den Krebs verloren

Gerard Mortier war im vergangenen Jahr an Krebs erkrankt, und die Comisión Ejecutiva des Teatro Real in Madrid, wo er als wagemutiger Intendant ebenfalls provoziert hatte, nutzte die klinische Behandlung, um Mortier auf schäbige Weise zu entlassen. Um sein Amt und seine Gesundheit hat er bis zuletzt gekämpft. Jetzt ist er im Alter von siebzig Jahren gestorben.

In seinem Buch „Dramaturgie einer Leidenschaft“, dessen deutsche Fassung er am 23. März eigentlich noch selbst in der Berliner Akademie der Künste präsentieren wollte, hat er sein Berufsverständnis formuliert: „Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität infrage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist. Theater machen ist also eine Sendung, ein priesterliches Amt beinahe, ohne darum eine Offenbarungsreligion zu sein. Das Theater ist eine Religion des Menschlichen“.