Sind wir nicht alle gestresst von der Adventszeit, vom Geschenke-kaufen und den Weihnachtsmärkten, die an jeder Ecke lauern? Wäre es da nicht eine schöne Vorstellung, sich dem Trubel zu entziehen, und sei es nur für einen Lunch? So richtig weiß die junge Therese (Rooney Mara) zu Beginn von „Carol“, der Kinoadaption eines frühen, im New York der 1950er-Jahre spielenden Romans von Patricia Highsmith, nicht, wie ihr geschieht. Eben noch stand sie als Verkäuferin in der vorweihnachtlich geschmückten Spielzeugabteilung eines Kaufhauses – nun sitzt sie in ihrer Mittagspause einer Kundin und Zufallsbekanntschaft gegenüber.

In dem lauten, überfüllten Diner wirkt Carol in ihrem Pelzmantel, mit roten Lippen, roten Fingernägeln und gleichfarbigem Hut wie ein unwirkliches Wesen. Die schöne, wohlhabende Hausfrau möchte sich von ihren Mann scheiden lassen, wie sie Therese erklärt, und kämpft gerade um das Sorgerecht für ihre kleine Tochter. Gespielt wird Carol von Cate Blanchett mit der Lässigkeit einer Frau, die das Leben mit all seinen Tiefen und Untiefen bereits kennengelernt hat, es aber weiter herausfordern möchte.

Frauenbilder

Carol neigt den Kopf leicht zur Seite, sie fixiert ihr verschüchtertes Gegenüber, fährt sich mit der Hand durch die blonden Locken. Ist ihr Blick nur neugierig oder auch flirtend? Ist die flüchtige Berührung von Thereses Hand zufällig oder eine erste Annäherung? Bei dem US-Regisseur Todd Haynes verwandelt sich die Kinoleinwand in eine aufgeladene Komposition mehr oder weniger verschlüsselter erotischer Codes. Und wer könnte oder wollte da widerstehen? Wie selbstverständlich übernimmt Therese die etwas eigenwillige Bestellung von Carol: Pochierte Eier auf Spinat und dazu einen trockenen Martini.

Vielleicht ist „Carol“ ein Fantasyfilm der anderen Art. Anders als in Paricia Highsmiths Buchvorlage möchte Therese nicht Bühnenbildnerin, sondern Fotografin werden. Zu Weihnachten bekommt sie von Carol eine funkelnagelneue Kamera geschenkt, damit sich Therese selbst ein Bild machen kann: von ihrem neuen Leben in New York und von dieser fremden Frau, die sie nach ein paar Tagen fragt, ob man denn gemeinsam verreisen wolle. Es ist eine in jeder Hinsicht unbestimmte Reise, ohne Ziel und Zeitrahmen. Vielleicht ist Carol auf einer phantasmagorischen Ebene tatsächlich das Gestalt gewordene Wunschbild einer Frau, die sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlt, ihre Gefühle aber noch nicht einordnen kann.

Fließende Kamerabewegungen

Carol, das erfahrene, souverän agierende Gegenüber, schenkt Therese die Ruhe, gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Wenn die beiden Frauen im Auto sitzen, verzieht sich die Kamera nach draußen, nimmt fragmentarisch Lippen, Augen, verstohlene Seitenblicke wahr, verhaltene Gesten wie das Zudecken mit einem Mantel, wenn die andere friert. Manchmal – und dann immer öfter – lässt Carol ihre Hand auf den schmächtigen Schulter der introvertierten Jüngeren liegen. Diese zaghaften Annäherungen inszeniert Haynes mit fließenden Kamerabewegungen – mit einer Eleganz, die sich nicht fassen lässt, weil sie es nicht nötig hat, sich in den Vordergrund zu spielen. In diesen Momenten wird die Schönheit der Figuren, der Ausstattung, der ganzen Szenerie zum Bestandteil der Erzählung. Sie führt mitten hinein in die amerikanische Gesellschaft der 1950er, in der eine lesbische Beziehung kaum lebbar scheint.

Carols Mann schickt den beiden Frauen – inzwischen kann man sagen: Liebenden – einen Privatdetektiv hinterher, um Carol im Sorgerechtskampf „unsittliches Verhalten“ vorzuwerfen. Der Fantasyfilm wird zum Melodram, die Schönheit bleibt weiter narratives Element. Todd Haynes hat „Carol“ ganz im Stil der Zeit inszeniert. Die Originalfrisuren, perfekt geschnittenen Kleider, stilechten Limousinen, all die dekorativen Details fügen sich zu einem Sittengemälde jener Jahre, ihrer Bigotterie und moralischen Enge. Dabei gelingt Haynes eine Quadratur des Kreises: Die Ausstattung bis ins kleinste Accessoire zu zelebrieren – und sie zugleich als Korsett und Gefängnis zu zeigen.

Neuerfindung des Melodrams

Schon einmal, in seinem 2002 entstandenen Film „Dem Himmel so fern“, trat Todd Haynes in die Fußstapfen des großen Kino-Melodramatikers Douglas Sirk, entwarf mit der Geschichte einer „unmöglichen Liebe“ ein Sittenbild des prüden und spießigen Amerikas der 1950er. Auch diesmal zitiert Haynes das Melodram – und erfindet es neu. Denn entgegen den Regeln des Genres nehmen Carol und Therese ihr Schicksal selbst in die Hand. Zurück in New York wird sich Therese mit ihrer Kamera und ihrem besonderen Blick auf die Stadt eine eigene berufliche Existenz aufbauen. Zurück in ihrem gediegenen Vorortgefängnis wird Carol einen Kampf um ihr Begehren ausfechten – und zwar ganz unabhängig von ihren Gefühlen für Therese. Zwei Frauen machen sich auf den Weg, um einen gemeinsamen zu finden. Und darin liegt das eigentliche Wunder dieses Melodrams: Dass es seinen von den Dingen und Verhältnissen eingeengten Figuren dann doch in aller Schönheit einen Ausweg weist.