Das alte Berlin, im Frühjahr 1813 in Aufruhr, erlebte die Stunden der revanchistischen Empfindung:

„Warte Bonaparte; Warte nur, warte Napoleon, Warte, warte, wir kriegen dich schon.“

So spottete Preußens Hauptstadt, wie wir aus Theodor Fontanes „Vor dem Sturm“ wissen, seinem „Roman aus dem Winter 1812 auf 13“. Echauffiert war der Bürger auch auf dem „Windmühlenberge“, damals noch vor den Toren der Stadt, heute im Bezirk Prenzlauer Berg. Erhitzt wie der Berliner war, war er gewillt zur nationalen Tat.

„An mein Volk“ hatte am 17. März der Aufruf des Königs gelautet und den Notstand ausgerufen. Dann, Ende März, gab Friedrich Schleiermacher in der Dreifaltigkeitskirche den Segen zur Massenerhebung. Gesattelt waren die Pferde, das steht so geschrieben in der einen oder anderen Geschichte, gleich hinter der Kirche, an deren Wänden (Außenwänden!) Flinten und Büchsen lehnten. Von der Kanzel aber hinab predigte der Theologe Schleiermacher, Lehrer an der Berliner Universität, Staatsdenker dortselbst, „Zum Besten der Auszurüstenden“.

In jenen Tagen wurde nicht der Grundstein zum deutschen Franzosenhass gelegt, der gründet tiefer, schon der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688 – 1697), mit den Exzessen der „verbrannten Erde“ durch die französische Generalität, verfertigte die Feindschaft; eine Folge des Erbfolgekriegs war die „Erbfeindschaft“. Eine weitere Etappe, ein entscheidender Schritt auf dem langen Marsch durch die Institution „Feindschaft“, auf dem Weg hin zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, waren die Märztage 1813. Beschworen wurde ein Volk mit Gott im Bunde; der Bündnisgott war ein deutscher Gott. Es ging dem Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche um die Trinität aus Vaterland, Soldatischem und heiligem Gemetzel.

„Andächtig war die Gemeinde gefolgt“, wird es später heißen, 65 Jahre später, in Fontanes großem Roman „Vor dem Sturm“. Fontanes Fiktion folgte Schleiermachers Worten. Für den Prediger schien mit dem Krieg die „Läuterung“ Preußens gewonnen. Prophezeit wurde der Befreiungskrieg als die große Katharsis.

Kein Zweifel, Napoleon hatte über Deutschland eine „schreckliche Verheerung“ (Schleiermacher) gebracht. Was die Große Armee bei den Besetzungen des Landes seit 1806, schließlich 1812 beim Durchmarsch durch Deutschland, Richtung Moskau, was wenige Monate später die geschlagenen Truppenreste auf dem Rückzug aus Russland an Not, an Hunger und Verwüstungen hinterlassen hatten, stürzte nicht nur in Hader und Trostlosigkeit, sondern provozierte – auch die Inbrunst für die Nation.

Napoleon wiegelte zum Widerstand auf, seine Niederlage vor Moskau schien günstig für den Gegenschlag, und wenn Preußens König, Friedrich Wilhelm III., auf den nationalen Befreiungskampf einschwor, auf dass „wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu sein“, dann appellierte er an alle Stände. Leidenschaft und Begeisterung rissen den Beamten ebenso mit wie den Bauern, den Tagelöhner und den Handwerker, den Adeligen oder den Knecht. Die Reaktion auf Napoleon war so etwas wie eine Volksfront. Ein Vaterland, dessen Landeskinder obrigkeitshörig waren wie nur was, wurde von Freiheitsdurstigen überrannt.

Die Opposition gegen Napoleon gab sich einem politischen Schauder hin, der Aktionsdrang war abenteuerlich. Theodor Körner, 22 Jahre jung, versprach mit keckem Bärtchen: „’s ist ein heil’ger Krieg.“ Schleiermacher sekundierte als Pfarrer, beschwor die Rückkehr zur Wahrheit, die Feier des freien Handelns in Aussicht stellend. Wer während der Predigt zur Kirchendecke aufschaute, sah sich im Bunde mit dem Heil des Himmels. Wer zum Altar schaute, verband mit dem Opfertisch das Vaterland. Was an Entbehrungen erlitten worden war, sollte durch Vergeltung im totalen Volkskrieg getilgt werden. Schleiermachers politische Predigt rief auf zum Landsturm. Das Echo auf Berlins Straßen blieb nicht aus.

Die Stimmung war vollends umgeschlagen, nicht nur bei den Dichtern und Denkern der Zeit. Die Franzoseneuphorie war verflogen, wer sich wenige Jahre zuvor noch die Parolen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufs Banner geschrieben hatte, sah sich verraten. Die Nationalisierung des Krieges, den Flugblatt und Pamphlet ansagten, Gedicht und Drama besangen, ließ in Preußen allein 28.000 Freiwillige ins Feld ziehen. Todesmutig, todessehnsüchtig, todestrunken.

Ende Februar 1813 wurde in Preußen die allgemeine Wehrpflicht verkündet, auch brachten die Befreiungskriege das „Eiserne Kreuz“ hervor. Das Lützowsche Freikorps, in dem Körner seine Lieder am Lagerfeuer vortrug, ließ in seinen schwarzen Uniformen mit roten Aufschlägen und goldenen Knöpfen, erregt durch die Legenden vom spanischen Guerillakrieg gegen Napoleon, keine Gelegenheit zu „schlechten Versen“ aus, wie Heinrich Heine spottete.

Die Dichter und Denker haben Napoleon aus freien Stücken verherrlicht – Hegel, in Jena seine „Phänomenologie des Geistes“ abschießend, sah in dem französischen Feldherrn, als er 1806 siegreich von dem Doppelschlachtfeld bei Jena und Auerstedt abzog, die Verkörperung der „Weltseele“ – des Weltgeistes zu Pferde, wie es später hieß. Der ultimative Vernunftphilosoph als Mythendenker.

1806 hatte der Habsburger Franz II. die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation niedergelegt – damit war es erloschen. Nicht erst seit 1806 hatte Napoleon seine Gegner drangsaliert, seit der Drei-Kaiser-Schlacht von Austerlitz Ende 1805 eine Politik der Demütigung zelebriert, mit schmachvollen Gebietsabtretungen und ruinierenden Reparationslasten.

Napoleon beendete die Agonie des alten Reichs, an dem anachronistische Illusionen hingen. Napoleons Gesetzbuch, der Code Napoleon, bestand auf der Gleichheit vor dem Gesetz und stärkte die Freizügigkeit des Individuums. Im Königreich Westfalen, mit seiner Hauptstadt Kassel, wo ein Tunichtgut von König (Napoleons „Bruder Lustik“) regierte, diktierte er seine Reformen: einen moderneren Verwaltungsstaat, die Abschaffung der Leibeigenschaft, des Zehnten, der Zunftordnung, die Emanzipation der Juden, die Einsetzung unabhängiger Gerichte. Die französische Hegemonie in Deutschland beharrte auf Reformbereitschaft und Reformfähigkeit, die, besonders augenfällig, die Hegemonie der Kirche und ihre bisherigen Privilegien bestritt und ihren Besitz enteignete.

Deutschland stand durch Napoleon an der Schwelle zur Moderne. Dafür haben Deutschlands Dichter und Denker Napoleon verherrlicht – und verdammt, blind für vielerlei, auch dafür, dass er für den Louvre die Museen in Kassel und Braunschweig plünderte, in München, Augsburg, Nürnberg, in Oldenburg oder in Schwerin. Anders als der napoleonische Beutezug in der Bibliothek von Wolfenbüttel, war das mit der Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Das war ein öffentlicher Affront. Den zeigten die Karikaturisten an.

Gründlich war die Dämonisierung aus Fremdenfeindschaft, einer wie der Turnvater Jahn wünschte sich allen Ernstes einen Urwald als tödliches Dickicht zwischen den deutschen Landen und Frankreich. Einer wie Ernst Moritz Arndt, ein weiterer fanatischer Antisemit unter den Vaterlandsaktivisten, gewann Deutungshoheit und formulierte mit seinem Pamphlet „Was bedeutet Landwehr und Landsturm“ die Theorie eines Guerillakrieges. Wo Waffen und Strategie fehlten, war ihm jede Heimtücke recht. Zum fanatischen Hass kam ein blinder Heroismus, und was der Fundamentalist törichter Todessehnsucht, Arndt, aussprach, dem widersprach nicht einmal ein Heinrich von Kleist, ganz im Gegenteil. Der Dramatiker der „Hermannsschlacht“ meinte: „Schlagt ihn tot! Das Weltgericht / Fragt Euch nach den Gründen nicht!“

Das war bereits 1809 gewesen, als Kleist den Aufruhr gegen die Fremdherrschaft lostreten wollte und die Ode „Germania an ihre Kinder“ schrieb. Patriotismus bis zur Raserei. Vier Jahre später (zwei Jahre nach Kleists Freitod), wurde die Reimerei als Flugblatt verbreitet.

1809 war das Jahr gewesen, in dem Napoleon im Zenit stand, er hatte über Österreich triumphiert. Auch der sanfte Clemens Brentano verstand sich auf die Zweckdichtung: „Bajonette / Um die Wette / Stoß die Kette / Nieder an dies Flusses Bette / Dass kein Deutschlands Feind sich rette.“

Wie ernst es den Dichtern war, wenn sie martialisch auftraten, zeigte ihre Kostümierung, wie Bettine Brentano, verheiratete von Arnim, schrieb: „Auch war es seltsam anzusehen, wie bekannte Leute und Freunde mit allen Arten von Waffen zu jeder Stunde über die Straßen liefen.“ Darunter war der „Philosoph Fichte mit einem eisernen Schild und langem Dolch“. Der Krieg kleidete die Dichter und Denker kurios ein. Der Ausnahmezustand mobilisierte bis in die letzte Faser.

In seinen Berliner Vorlesungen hatte Fichte die Deutschen als „Urvolk“ bezeichnet. Zur Demarkationslinie zwischen Geist und Gemüt, Ernst und Spiel war im Wintersemester 1807/08 wieder mal der Rhein geworden. Der fatale Satz „Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend“, hallte in der antinapoleonischen Opposition nach. In den Befreiungskriegen sah sich wohl auch „das Volk schlechthin“, wie Fichte die Deutschen fünf Jahre zuvor bezeichnet hatte, herausgefordert. Der „Zeitgeist“, den der Philosoph 1807 noch verdammt hatte, sah in den Deutschen mit einem Male so etwas wie ein auserwähltes Volk.

Das deutsche Sendungsbewusstsein ging aufs Ganze, mit Dolch und Schwert, Büchse und Schild. Die Erhebung gegen Napoleon wurde aufgeheizt von einem Weltbeglückungspathos. Maßlosigkeit überschlug sich, Maßlosigkeit erging sich in chauvinistischen Fantastereien. Mit Preußen, das Frankreich am 9. Oktober 1806 den Krieg erklärt hatte, machte Napoleon seitdem kurzen Prozess. Fünf Tage nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt wurde Berlin eingenommen, da hatte die Parole gelautet: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ Der Friedensschluss, der folgte, war ein Diktatfrieden, ein Akt der Demütigung. Der fremde Kaiser war eine einzige Provokation.

Wer wie er sagte, er habe „mit der Religion große Pläne“, hatte mit den Staaten noch ganz andere. Die Bevölkerung hatte unter seinem Krieg, den Durchmärschen und Einquartierungen, den Plünderungen und Vergewaltigungen gelitten. Napoleon erdrückte. Seine Modernisierung, die eine Kampfansage an die traditionellen Eliten war, wurde ebenfalls als Kriegserklärung verstanden. War die Aufgewühltheit seiner Gegner und Feinde auch eine Reaktion auf seine wahnwitzige Ruhelosigkeit und Hitzigkeit? Die Maßlosigkeit des Monarchen, seine auch rücksichtslose Brutalität hat das deutsche Nationalbewusstsein mobilisiert, mit ihm so typische Sekundärtugenden wie den unbedingten Gehorsam gegenüber dem Chauvinismus und seinem tödlichen Programm.

Heiliger Krieg, Kreuzzug – die Propaganda ließ nichts aus. Zwangsläufig erklärte sie Napoleon zum Antichrist, angesichts von Kirchen, die als Kerker oder Ställe missbraucht wurden, angesichts ihrer Plünderung und Zerstörung, verfingen die Schreckensvergleiche umgehend. Die Karikatur reagierte da besonders flott.

In Deutschland galt fortan ein fatales Entweder-Oder. „Wer nicht mit uns ist, ist wider uns“, war die Parole der Stunde, die der preußische Generalfeldmarschall Gneisenau ausgab. Gneisenau war als Heeresreformer zugleich hellsichtig genug, um zu wissen, dass das preußische Selbstbild eine Konstruktion durch Abgrenzung war; abhängig von einem Feindbild war es nicht souverän, sondern unselbstständig.

Die Nationenbildung Deutschlands durch Napoleon, eine ex negativo, brachte eine Alles-oder-nichts-Mentalität hervor und belästigte fortan die Welt mit furchterregender Nachhaltigkeit. Dazu gehörte eine Ideologie des Krieges als Offenbarung. Diese Verklärung des Kriegs als Offenbarung auch Jahrzehnte später, 1870/71, schließlich 1914, erneut gegen den „Erbfeind“ Frankreich, ist ohne die hechelnden Verrücktheiten und pompösen Rasereien von 1813 nur unvollständig zu begreifen.

Die Predigt Schleiermachers, die den Willen des Königs aufnahm, nicht zuletzt die Volkskriegparole der preußischen Generalität, hat Geschichte gemacht – und Literaturgeschichte geschrieben. Theodor Fontane hat sie in „Vor dem Sturm“, seinem „Roman aus dem Winter 1812 auf 13“ aufgegriffen. Was die Figur des Pfarrers Seidentopf hier predigt, trug Fontane den Vorwurf des Plagiats ein. In der Tat sind die 1:1-Übernahmen offensichtlich, sie betreffen, neben dem geharnischten Aufruf zum „heiligen Krieg“, den Glauben an dessen Läuterungsleistungen. Allein die schnöde Erbärmlichkeit einer Ansprache zum Landsturm, sicherlich Fiktion, zugleich Rekonstruktion dessen, wie es wohl zuging unter solch tumben Umständen, erzählt das Kapitel „Revue“.

Fontanes großes Anti-Kriegspanorama erschien 1878, sieben Jahre nach Gründung des Deutschen Reichs, das aus dem Krieg gegen Frankreich hervorgegangen war. Mit ihm war eine weitere Strecke abgeschritten auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg, für den deutsche Dichter und Denker erneut anhoben, um den Krieg als Opfergang zu feiern. Der Krieg als inneres Erlebnis, als Offenbarung, die Blutmühle als Katharsis – es war der Abklatsch von 1813.