Einen hübschen, pfiffigen Einfall hatte der US-DJ Skrillex am ersten Abend des Lollapaloozas. Mitten in seiner Bassmusik-Gemischtware, die er mit dem Hamburger DJ Boys Noize ausbreitete, legte er die alten Deutsche-Welle-Helden DAF auf. „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“ knödelte der EDM-Star lauthals, bevor er die Düsseldorfer Elektropioniere dazu auffordern ließ, wahlweise den Mussolini oder den Adolf Hitler zu tanzen. Hinter ihm strahlte fein beleuchtet der Nazibau, nach vorne hatte er jubelnde Menschen und das Flugzeugdenkmal der Luftbrücke im Blick, und dazwischen schien Skrillex großzügig, den gegenwärtigen EDM-Craze der USA mit deutscher Technopionierarbeit zusammenzuführen – Lollapalooza als eine Art musikalischer Rosinenbomber.

Der finanzielle und standortpolitische Erfolg gibt den Machern recht. Immerhin an die 40.000 Menschen wurden für die zwei komplett – also bis in die 500 Euro teuren Platinbereiche – ausverkauften Tage jeweils erwartet. Wobei auch die Gratiskontingente gut gefüllt waren. Ich stand gegen ein Uhr mittags fast anderthalb Stunden für mein Bändchen an. Das Frühprogramm war jedoch ohnehin bestückt mit Langweilern wie James Bay oder den Mighty Oaks, also von den Siebzigern mittelinspirierten Songwriter-Acts; flachen Elektrorockern wie MR MS, deren Sängerin in einem schicken grünschillernden Hosenanzug nicht tanzen konnte, Hau-Drauf-Synthpoppern wie Everything Everything, deren knalligste Idee ihre feuerwehrroten Blousons waren und den burlesken Synthswingern von Parov Stelar; dazu herrschte wohltemperierte Ibizaödnis vom australischen DJ Hayden James oder Fatboy Slim auf der DJ-Bühne „Perry’s Stage“, nach dem auch selbst dort wirkenden Festival-Initiator Perry Farrell.

Das Publikum war zufrieden. Zumal man sich die Musik ja nicht anhören musste, denn es gab ein breites Rahmenprogramm aus Gauklern, Akrobaten, begehbaren Kirmesräumen und anderem Zirkus wie sogenannte Streetart- und Fashion-Selbstdarstellungsgelegenheiten. Dort standen die Leute ebenso lange Schlange wie vor den zahllosen irgendwie modisch nachhaltigen Imbissbuden (und noch länger vor den überforderten Klos) und hielten fleißig die Bändchenchips hin. Bargeld gilt hier nirgends. Leichthin vergisst man den Alltag – und natürlich auch die ausgegebene Summe, bis der Chip wieder aufgefüllt werden muss.

Rund 50 Prozent der Besucher waren Touristen, die wohl vom Markennimbus angelockt wurden. 1991 organisierte Perry Farrell mit dem Rückenwind des Grunge-Erfolgs das erste Lollapalooza-Festival als Flaggschiff der „alternative nation“. Schon 1995 schrieb der US-Kritiker Robert Christgau, dass man „akzeptieren muss, dass Lollapalooza nicht mehr cool“ sondern „halt ein Inventarstück der Musikindustrie“ sei und zwei Jahre später wurde das Festival wegen allgemeinen Desinteresses abgeschafft. Seit 2005 findet die ehemalige Tourveranstaltung in Chicago statt.

Es gibt heute Schwesterveranstaltungen in Chile, Brasilien, Argentinien und nun mit Berlin auch einen europäischen Vorposten. Seit Kurzem gehört Lollapalooza, das pro Jahr um die 700 000 Leute anzieht, mehrheitlich dem US-Konzern Live Nation, dem Amazon unter den Veranstaltern. Ein weiterer Eigner ist die Künstler-Großagentur William Morris, die in den USA große Namen garantiert. Das Line-Up aus Chicago im vergangenen Juli liest sich tatsächlich wie ein sehr cooler Schnitt durch die aktuelle Poplandschaft von Mainstream-Größen wie Paul McCartney und Metallica zu abenteuerlichen Songwritern wie Father John Misty, Rappern wie A$AP Rocky und Elektro-Künstlern wie FKA Twigs.

In Berlin freute man sich am ersten Abend schon über die Alt-Dancepopper Hot Chip, zwei, drei gelungene Alt-Hits von Franz Ferdinand mit den Sparks, die ansonsten die ungelungenen Neu-Hits vorführten; über die bekannte, sympathische Bröckligkeit der nicht ferngebliebenen Libertines; und die immer energisch auf die Glocke treffenden Hamburger Theater-Elektroniker Deichkind. Am besten besucht war der Auftritt des an Harmlosigkeit kaum zu überbietenden Kinderrappers Macklemore.

Das war vielleicht bezeichnend. Denn das Seltsame war weniger der defensive Populismus dieses ersten Tages. Vielmehr wirkte das ganze Setting etwas regressiv – es gab auch ein Kinderbetreuungsareal – und erinnerte ans Pauschalreisen. Wo man hinkommt, ist ein bisschen wurscht, aber dafür spürt man kein Geld, wird permanent und zuverlässig zum Spielen animiert und beschäftigt, und wenn man sich doch langweilt, stellt man sich halt zum Essen oder Entleeren an.

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