Bis um 1840 war der Gebrauch von Papier zum Abwischen blanker Luxus.
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Die aktuell wohl erstaunlichste Folge des Virus Sars-CoV-2 und der durch ihn ausgelösten Atemwegserkrankung Covid-19 war der Run aufs Toilettenpapier. Selbst in wohlhabenden Vororten von Hamburg oder Stuttgart oder in Berlin-Zehlendorf standen Regale leer, gab es die peinlichsten Szenen von Papierraub, genauso in Großbritannien, den Niederlanden oder den USA.

Und der sympathische Internetklatsch, dass „die Franzosen“ zuerst einmal guten Wein und Delikatessen gebunkert hätten, wurde durch eine Blitzrecherche bei Freunden als Fake News entlarvt: Auch zwischen Straßburg, Paris, Brest und Marseille wird zunächst einmal Toilettenpapier gehortet.

Blanker Luxus

Die Stabilität der Massen-Psyche vor allem in den Industriestädten und -staaten hängt offenbar wesentlich vom Wohlbefinden des Hinterns nach dem Geschäft ab. Was kaum erstaunt: Die Industrialisierung, das Wachstum der Metropolen, die öffentliche und private Hygienepolitik und der Gebrauch von Toilettenpapier, sie wurden zusammen groß.

Bis um 1840 war der Gebrauch von Papier zum Abwischen blanker Luxus, es musste teuer aus Lumpen und Altpapier hergestellt werden. Außerdem war die Entsorgung nicht leicht, WCs gab es nicht, es musste wie bis heute in vielen südeuropäischen Ländern ein eigener Behälter neben dem Klo stehen.

Billig, nutzerfreundlich zugeschnitten

Außerdem war Papier wenig komfortabel. Entsprechend dienten die unterschiedlichsten Hilfsmittel, in der römischen Antike etwa ein Stäbchen, an dem ein weicher, nasser Schwamm oder ein Lappen befestigt waren, die zur Desinfektion in einen Becher mit Essig getaucht wurden. Das Modell gab es auch im 18. Jahrhundert noch.

Aber 1843 erfand der Sachse Friedrich Gottlob Keller das Holzschliffverfahren, um Papier aus Holz in fast unbegrenzten Mengen herzustellen. 1857 erhielt dann der US-amerikanische Fabrikant Joseph Gayetty ein Patent für eine Toilettenpapiersorte, die billig, nutzerfreundlich zugeschnitten und hygienisch einwandfrei verpackt wurde, sich aber vor allem im Wasser auflöste.

Das „weiche“ Papier des Westens

Um 1880 entwickelte sich, wahrscheinlich in Deutschland, die Toilettenpapierrolle mit einem Pappkern als Zentrum und perforierten Einzelblättern. Damit war die Gefahr, dass die gerade erst entstehenden Abwassersysteme der westlichen Metropolen wie New York, Chicago, Paris, London oder Berlin am Einsatz von Toilettenpapier zusammenbrachen, wenigstens gemindert. Es handelte sich schließlich noch um einlagiges Papier ohne großes Quellvermögen, wie es in der DDR und im Ostblock bis 1990 genutzt wurde.

In der alten Bundesrepublik dagegen führte die Firma Hakle 1974 zweilagiges Papier ein, 1977 zart angefeuchtetes und 1984 gar dreilagiges Papier. Es war ein Standard erreicht, der für das 17. Jahrhundert für den chinesischen Kaiserhof nachgewiesen ist: parfümiert und weich, in schier unendlicher Masse erhältlich und mit eindeutiger sozialer Botschaft – bis 1990 wurde das „weiche“ Papier des Westens gerne auch als Geschenk mit „in den Osten“ genommen.

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Reinigung als peinlicher Teil des Notwendigen

Der Besitz eines Wasserklosetts und die Benutzung von WC-Papier waren immer auch Mittel der sozialen Abgrenzung, signalisierten Fortschritt und bessere Gesundheitsversorgung. Schon die erste erhaltene Nachricht über Toilettenpapier ist zugleich auch eine über gehobene Bildung: Man könne doch nicht, so der Philosoph Yan Shitui im Jahr 598, die Schriften der chinesischen Klassiker für den Hintern nutzen.

Entscheidend für die Verbreitung von Toilettenpapier wurden aber die sexual- und körperfeindlichen Vorurteile des viktorianischen Zeitalters, die mit dem Kolonialismus ihren Siegeszug um die Welt antraten. Das direkte Berühren von Körperteilen unterhalb der Gürtellinie erklärte das bürgerliche 19. Jahrhundert zum privatesten Schambereich, seine Reinigung zum peinlichen Teil des nur Notwendigen. Die per Hand vorgenommene Säuberung von Vagina, Penis und Anus konnte durch das raue Toilettenpapier vom Ruch der Masturbation befreit werden, die mit Irrsinn und Untergang der Nation verbunden wurde.

Von der Rolle

Verbrauch: Jede einzelne Person in Deutschland verbraucht im Schnitt etwa 3650 Rollen Toilettenpapier im Leben. Das sind pro Jahr 46 Rollen, etwa 20.000 Blätter oder 15 Kilogramm Papier. Die Spanier benutzen etwa die Hälfte dieser Menge, die Schweden das Doppelte (Quelle: www.ps- hygiene.de, Zahlen von 2016). Das liegt an kulturellen Traditionen, die etwa zum Knüllen oder zum Falten des Papiers führen.

Erfindung: Toilettenpapier ist seit der chinesischen Antike überliefert und kam in den westlichen Industrienationen in den 1860er-Jahren
auf. 1857 erlangte der amerikanische Erfinder Joseph Gayetty das Patent für spezielles Papier, das sich im Abwasser auflöst. Um 1880
wurde wohl in Deutschland die Toilettenpapierrolle erfunden, 1972 in der Bundesrepublik das zweilagige und 1984 das dreilagige Toilettenpapier eingeführt.Ersatz: 1973 ist die erste Toilettenpapierpanik in Japan und im US-Bundesstaat Hawaii überliefert. In Kriegszeiten wurden Zeitungen und als überflüssig betrachtete Buchseiten genutzt: Sie wurden in kleine Blätter zerschnitten, an einer Ecke gelocht und mit einem Bindfaden an einem Nagel aufgehängt oder auf einen Haken gespießt. In armen Gegenden etwa Südamerikas existiert diese Praxis noch immer.

Menschlicher Kot war lange kostbar

Und es konnte klar markieren, wer Ober- und wer Unterschicht war: Vorderhäuser erhielten WCs, Hinterhäuser lange nur Hoftoiletten, Bauern mussten mit Hütten vorliebnehmen. Trotz des schnell sinkenden Preises waren die Armen der Welt oft bis weit in die Nachkriegszeit angewiesen auf Torf, Lumpen, trockene Moose, pflanzliche Blätter, zerrissenes Zeitungspapier, unbrauchbare Buchseiten und vor allem auf die Hand an sich, um sich zu reinigen.

Außerdem war der menschliche Kot lange viel zu kostbar, um mit Papier vermischt zu werden: Bauern nutzten ihn und nutzen ihn bis heute als Dünger, vor allem in vegetarischer ausgerichteten Kulturen als der westeuropäischen. Langsam verrottendes Papier ist da nicht nur ein ästhetischer Mangel auf Feldern und Wiesen, sondern auch ein ärgerliches Hindernis für das Wachstum.

Immer war das Hinternabwischen mit Papier deswegen auch ein hochpolitisches Thema: Ungezählt sind die Karikaturen, die seit der Reformation – der ersten Hochzeit des westlichen Papierverbrauchs – zeigen, wie Protestanten die Erlasse des Papstes, Katholiken die Schriften Luthers, französische Revolutionäre die Brandbriefe von Monarchisten, Nationalisten die Flugblätter anderer Nationalisten, Sozialisten die von Reaktionären und vice versa entsprechend nutzten.

Schlichtweg unhygienisch

Trotzdem ist noch heute ein großer Teil der Menschheit davon überzeugt, dass die von Europäern und Amerikanern seit etwa 1950 zum Standard gemachte Erfindung des Toilettenpapiers schlichtweg unhygienisch sei. Schon im 9. Jahrhundert verwies ein Enzyklopädist darauf, dass „die Chinesen“ sich „nicht mit Wasser waschen, wenn sie ihr Geschäft verrichtet haben, sondern sich nur mit Papier abwischen“.

Genau die gleiche Kritik an der mangelnden Hygiene von Toilettenpapiernutzern – allerdings nun bezogen auf Christen und andere Religionen – findet sich heute in kleinen Heftchen, die man in Moscheen Istanbuls erhält. In ihnen wird mit großer Detailfreude dargestellt, wie Mann und Frau ihre Geschlechtsorgane und den Anus sauber halten sollten. Und im Vorwort ist zu lesen, wie sehr sich doch diese vom Islam durch den Gebetsritus geforderte Reinlichkeit in der Welt und vor Gott auszeichne. Von Papier ist dabei keine Rede: Die Hand im Wasser und dann das gründliche Händewaschen sind die Mittel der Wahl, Bidets und WC-Spülen werden als deren technische Modernisierung angepriesen – so, wie sie sich heute in jeder Luxuswohnung auch des Westens oder Chinas befinden.

Es könnte durchaus sein, dass die Geschichte des Toilettenpapiers mit der Corona-Krise einen letzten Höhepunkt erlebt.