Schon in den Siebzigerjahren mischte der Pop die Wahrnehmung vermeintlich festgelegter Identitäten auf; David Bowie war der erste Post-Gender-Popstar, Disco repräsentierte als erstes Pop-Genre die schwarze Queer Community, Prog-Rock fusionierte den vormals als Anti-Establishment-Geräusch fungierenden Rock n‘ Roll mit komplexem Klassik-Pomp und machte ihn so selbst zum Establishment, gegen welches sich dann wiederum der Dilettantismus des Punk auflehnte und so nebenbei die Musikindustrie nachhaltig veränderte.

Die Gesellschaft braucht Hits

Vom Punk vielleicht abgesehen, bediente sich Jeff Lynne, Songschreiber und Kopf der Band Electric Light Orchestra (kurz: ELO), bei all diesen Strömungen – allerdings, um daraus einen Gegenentwurf zur aufregenden Instabilität seiner Zeit zu formen: eine fragmentierte Gesellschaft braucht Hits, Hits, Hits, um zueinanderzufinden! Und Lynne lieferte Hits, die zwar akkordreiche Streichersätze, Disco-Grooves und knautschig testosteronlose Männergesangsharmonien verwendeten – aber nie, um aus irgendeinem dieser Bestandteile den eigentlichen Inhalt eines Stückes zu machen, sondern eben nur, um qua Groove -und Harmonieverständnis zu allgemeingültigen Texten in Hausfrau und Counter-Culture-Kind gleichsam ein wohliges Mitsingbedürfnis zu triggern.

Dass Lynne und sein ständig fluktuierendes Personal dabei schon zu ihrer Blütezeit wie Rock-Dinosaurier aussahen, konnte ihnen herzlich egal sein – sie hatten ja die Hits! Und Jahrzehnte später lässt sich feststellen, dass ihr Einfluß in der Popmusik erheblich ist – zahlreiche Elektropop-Künstler sampleten ELO, und Daft Punks Vocoder-Minisymphonien lassen sich oft als Verneigungen vor Lynne und seinem langjährigen Keyboarder Richard Tandy verstehen.

Brillante Akustik

Tandy ist seit der vor einigen Jahren erfolgten Auferstehung der Band auch wieder dabei, und als Jeff Lynne‘s ELO (so heißt die Band heute, nachdem der ehemalige Schlagzeuger Bev Bevan in Folge der Bandauflösung Ende der Achtziger unter dem Namen ELO Part II musizierte) am Mittwochabend in der bestuhlten Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gastierten, hielten Tandys Synths und Vocoderpartien wie ehedem den Bandklang zusammen, nirgends mehr als in „Sweet Talking Woman“, wo allerdings Lynnes Stimme gelegentlich etwas unterging.

Das war aber auch schon das einzige Manko an diesem Konzert, das entgegen der sonst schwierigen Akustik der Mehrzweckhalle erstaunlich brilliant klang. Ansonsten gaben Lynne und seine zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die perfekte Mischung aus Muckertum und Selbstdisziplin. Alles war sehr angenehm „eins zu eins“, selbst die auf fünf Videoleinwänden projizierten Begleitvisuals: „Beim ersten Stück „Standin‘ in the Rain“ sah man Regentropfen, bei „Turn To Stone“ hingegen Meteoriten, und beim letzten Stück vor der Zugabe, dem fulminant galloppierenden „Mr Blue Sky“, gar blauen Himmel!

Mit viel Wumms, aber ohne Schnickschnack 

Sehr gut auch Lynne, ganz der unbeirrbare Dinosaurier in tradiertem Sonnenbrillen- und Pudelhaar-Look, eins der prachtvollsten, gleichsam gelassensten Exemplare seiner Spezies. Bei der Bandvorstellung leitete er dann sogar die einzige Meta-Ebene des Abends ein: er stellte seinen „musikalischen Direktor“ Mike Stevens vor, damit dieser wiederum die Band vorstellen solle, Stevens sei nämlich „richtig gut darin“. Vielleicht hatte Lynne sich nicht die Namen aller Musiker gemerkt? Egal, die Band spielte mit sichtlicher Freude, alle, inklusive Lynne, ordneten ihr Können dem Dienst am Hit unter. Und zwar mit viel Wumms, aber ohne Schnickschnack – mit Ausnahme der Zugabe „Roll Over Beethoven“, da ging es Lynne dann doch etwas durch in Richtung Klassik-Rock-Exzess.

Und was für Hits! Ob die effizient glissierenden Streicher (hier: zwei Celli, eine Geige) im Stück „Showdown“, ob die mit begeistertem Szenenapplaus aufgenommenen Zungenbrecher-Harmonien im Refrain des bereits erwähnten „Turn To Stone“, oder der genial doofe Hau-drauf-Disco-Boogie „Don‘t Bring Me Down“ - das Publikum hielt es schon bald nicht mehr auf den Stühlen, manchmal, bei ruhigeren Stücken, setzte man sich zwar auch wieder, aber nur, um bald wieder aufzustehen. Wie in der Kirche!

Auch wir leben in instabilen Zeiten, und viele von uns haben keine Kirche mehr. Zum Glück sind Jeff Lynne und sein Orchester noch da. Wir wollen hier ja nicht allzu wertkonservativ werden, aber ab und zu hat so ein Dinosaurier etwas sehr beruhigendes. Und die Laser-Show war auch sehr schön.