Unter allen männlichen Hollywood-Stars ist Tom Cruise wohl derjenige, der am härtesten arbeitet. Den komplizierten und seit der Post-Moderne gern verlachten Begriff „Authentizität“ setzt er schon dadurch wieder ins Recht, dass er seine Stunts meist selbst macht, und wer sich die älteren „Mission: Impossible“-Filme vor Augen führt, weiß, dass dies nie ein leichter Job war. Die Zuschauer danken Cruise diesen Einsatz in punkto Risiko-Management, der zugleich insgesamt für die Glaubwürdigkeit dieses Schauspielers im Kino steht.

Die Sache mit Scientology steht auf einem ganz anderen Blatt: Dass Cruise gewissermaßen die Rampensau der Sekte ist, interessiert in den USA kaum jemanden, wenn sich der Mann nicht gerade im Namen der Hubbard-Jünger zur Lachnummer macht, etwa indem er auf Talkshow-Sofas herumhüpft.

Traumpaar des Blockbusters

Aus ideologiekritischen Gründen werden auch deutsche Fans kaum auf den neuen Film von Thomas Cruise Mapother IV – so der vollständige Name – verzichten. Das ist niemandem vorzuwerfen: In „Mission: Impossible – Rogue Nation“ erweist sich Cruise einmal mehr als der am härtesten arbeitende und daher überzeugendste Hollywood-Star der Gegenwart. Im nunmehr fünften Film der „Mission: Impossible“-Reihe steigt Cruise als Agent Ethan Hunt gar in 1500 Metern Höhe aus einem Flugzeug aus, auf dessen Tragflächen er zuvor während des Starts gesprungen war, um Terror-Fracht unschädlich zu machen.

Mit spektakulären Szenen eröffnet Christopher McQuarrie seine neue Regiearbeit. Ohne Übertreibung kann man den US-Autorenfilmer, der „Jack Reacher“ inszenierte oder auch das Drehbuch zu „Edge of Tomorrow“ schrieb (beides Cruise-Vehikel), und den Schauspieler als Traumpaar des Hollywood-Blockbusters bezeichnen. Für „Mission: Impossible – Rogue Nation“ gilt dies indes nicht allein wegen der stürmischen Action-Sequenzen – vielmehr weiß McQuarrie, der zudem das Drehbuch verfasste, eine für die meisten Zuschauer anschlussfähige Geschichte zu erzählen. Nämlich eine aus der Arbeitswelt.

Ethan Hunt steht hier unter massivem Druck. Nach der schändlichen Auflösung seiner Spezialeinheit Impossible Missions Force (IMF) durch den US-Kongress wird der Agent von der CIA, aber auch von einer ominösen Geheimorganisation gejagt. In diesem Zwei-Fronten-Duell versucht Hunt nun, den Anführer dieses „Syndikats“ zu identifizieren, muss sich dazu aber der Unterstützung seiner alten Kollegen versichern. Die sind in alle Winde verstreut und werden überwacht.

Tollkühn in der Oper

Soziale Bindungen und Fragen der Loyalität spielen eigentlich die Hauptrolle in „M:I – Rogue Nation“, doch darüber vergisst McQuarrie keinesfalls seine Verpflichtung gegenüber dem Genre. Agentenfilme, zumal Blockbuster, bedürfen nicht allein brillanter Action, sondern auch globaler Schauplätze, und so kommt Ethan Hunt wieder mal ganz schön rum: Nach London, Havanna, Paris und Casablanca führt ihn die Jagd auf den mysteriösen Unbekannten.

Doch die tollsten Szenen spielen in der Wiener Oper: Während einer umjubelten Aufführung von Puccinis „Turandot“ kommt es im Schnürboden und in den Kulissen zu unterhaltsamen Zweikämpfen; irgendwo zufällig falsch gedrückte Knöpfe sorgen ebenso für Erheiterung wie eine Klarinette, die flugs zur Schusswaffe umgewidmet wird. So spannend kann also Klassik sein und so elegant die Verbindung von Pop- und Hochkultur!

Diverse Gags sind in diesem „Mission: Impossible“ ebenso geschickt eingebaut wie gedankliche Bezüge zwischen Hochtechnologie und Körperlichkeit. Mögliche Szenarien werden durchgespielt; herrlich absurd gerät eine Verfolgungsjagd durch Casablancas Gassen, als sich ihr immer mehr Parteien anschließen. Als geradezu genial erweist sich jedoch die Idee, dem Alpha-Star Cruise einen atypischen Kumpel an die Seite zu stellen: Der fuchsgesichtige, britische Komödiant Simon Pegg sorgt selbst dann noch für spaßige Lässigkeit, wenn Cruise als Hunt gerade nicht weiß, ob er wirklich drei Minuten lang ohne Sauerstoffzufuhr tauchen kann, ohne dabei jämmerlich zu verrecken.

Selbstironie bei Tom Cruise, der hier ungeachtet seiner einschüchternden Bizeps gern immer wieder mal angefressen guckt angesichts der an ihn gerichteten physischen Zumutungen – dass wir das noch erleben dürfen! Gleich zu Anfang muss der 53-Jährige in einem Folterkeller mit dem Kopf nach unten und dazu gefesselt eine Stange hochklettern. Da eilt ihm aber als vermeintliche Syndikatskillerin Ilsa schon die schwedische Schauspielerin Rebecca Ferguson zu Hilfe, die durch ihre gänzlich unpüppchenhafte, selbstverständliche Souveränität den ganzen Film noch einmal aufwertet – sodass wir das Kino am Ende hochzufrieden, ja sogar entzückt verlassen konnten.