Es braucht nicht mal einen kompletten Song von den Talking Heads, und schon ist Alan Clay sein ganzes bisheriges Leben um die Ohren geflogen. Frau, Haus, Status-Job – alles weg, während er noch die letzten Zeilen von „Once in a Lifetime“ rappt. Alan hat das Produktionsaufkommen einer großen Firma aus Kostengründen nach China verlegt und damit achthundert seiner amerikanischen Landsleute um ihre Existenz gebracht.

Das WLAN ist schwach

Dummerweise haben die Chinesen aber das Patent für jene Fahrräder geklaut, die sie für die Amerikaner herstellen sollten, und unter eigenem Label billiger vertrieben, was Alan wiederum um seinen Job brachte. Aber er bekommt noch eine Chance: Der König von Saudi-Arabien will in der Wüste eine künstliche Metropole mit allem Drum und Dran errichten lassen. Und Alan „kennt“ des Königs hochgeborenen Neffen, wenn auch nur flüchtig von einer Zufallsbegegnung auf der Toilette, was ihn aber zu seinem neuen Job verhilft: Er soll den Saudis eine innovative Hologramm-Kommunikationstechnologie verkaufen. Leider gibt es auch andere Anbieter, und das WLAN ist dummerweise schwach in der Wüste.

Das ist die Ausgangssituation in „Ein Hologramm für den König“, Tom Tykwers Kinoadaption des gleichnamigen Romans von Dave Eggers. Nach „Cloud Atlas“ führt dieser Film nun die Zusammenarbeit von Tykwer und Tom Hanks fort, und es ist ein wenig seltsam, Hollywoods Inkarnation des guten Menschen in einer Pose zu sehen, die man doch mit dem genialen Neurotiker David Byrne verbindet, Kopf der Talking Heads.

Als Alan hat Hanks einen Mann im Herbst des Lebens zu verkörpern, dem alles über den Kopf wächst. „Warum gehst du in die Wüste“, schilt seine Ex-Frau am Telefon, „deine Probleme sind hier!“ Eben darum. Das hier ist Alans letzte Chance. Doch ein US-Amerikaner hat es im arabischen Raum auch nicht so leicht, und damit aus dem Culture Clash auch genügend komisches Kapital geschlagen werden kann, wird Alan ein einheimischer Chauffeur beigeordnet. Yousef (Alexander Black) ist eine leicht chaotische Frohnatur mit fragwürdigem Musikgeschmack, aber sehr hilfreich, wenn es darum geht, Alan abzulenken und aufzuheitern.

Damit sind eigentlich alle Probleme angerissen, die der Film aufwirft, das tut er aber nicht zu hart. Westliche Welt und islamische Gebote, Moderne und Tradition, High-Tech und basal-menschliche Angelegenheiten. Selbst an der Globalisierung kann man immer etwas drollig finden, etwa Alans chinesische Mitbewerber. Vor Ort in der Wüste tut sich dann erst einmal gar nichts: Weder ist Alans saudischer Kontaktmann je anzutreffen in der mysteriösen Bauzentrale für die künftige Mega-City noch hat das provisorische Riesenzelt, in dem Alans Techniker-Stab untergebracht ist, eine dringend notwendige Klimaanlage, und zu essen gibt es auch nichts. Seit nunmehr 18 Monaten wird König Abdullah vor Ort erwartet und das täglich, aber immer hat er gerade woanders zu tun – genauso wie Alans Kontaktbereichsbeauftragter.

Jene Szenen, in denen Alan immer wieder vergeblich vorspricht, um Karim Al-Ahmad (Khalid Laith) zu trefffen, haben durchaus etwas Kafkaeskes. Und wenn er sich dann durchsetzt gegen die Empfangsdame, mit der Wut des Verzweifelten, glaubt man kaum, dass sich die Begegnung gerade tatsächlich ereignet. Plötzlich ist alles möglich: starkes WLAN und exzellentes Catering für die Mitarbeiter.

Bis hierhin hält man „Ein Hologramm für den König“ für eine interessante Art von Filmessay über den Stillstand, das Warten an sich und was es mit dem aussichtslos Wartenden macht, über die Machtlosigkeit angesichts von fortgesetzter Verzögerung essenzieller Entscheidungen. Doch wer das Buch kennt, weiß auch, dass Alan eines Tages eine ominöse Beule auf dem Rücken entdeckt, die medizinisch untersucht werden muss. Hier kommt eine schöne, unglückliche, saudische Ärztin (Sarita Choudhury als Zahra) ins Spiel. „Anhand dieser Begegnungen und der neuen kulturellen Eindrücke entwickelt sich Alan Clay vom zielstrebigen und erfolgsgetriebenen Salesman zu einer Person, die sich selbst Perspektiven sucht und für sich einen neuen Platz im Leben findet. So gerät für Alan immer mehr zur Nebensache, ob der König nun kommt oder nicht.“

Stillstand braucht Ruhe

So steht es im Pressematerial zum Film – man hätte es nicht treffender formulieren können. Womit wohl auch klar sein dürfte, dass einem die bei aller Menschlichkeitsbekundung doch vorhandene, nur eben latente Unverbindlichkeit des Films Kopfschmerzen bereitet. Man kann als Zuschauer nicht so recht andocken an diesem Film. „Ein Hologramm für den König“ ist eine solide Mainstream-Produktion für den Weltmarkt von jenem Regisseur, der das Publikum 1998 mit „Lola rennt“ verblüffte. 18 Jahre später fehlt Tom Tykwer die inszenatorische Ruhe, um den Stillstand, in dem sich Alan Clay so lange gefangen sieht, überzeugend zu zeigen.