Beim Interview im Berliner Hotel Ritz Carlton lacht Tom Hooper, obwohl er fünf Minuten zuvor schlechte Nachrichten erhalten hat. Weder er selbst noch sein neuer Film „The Danish Girl“, der an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, wurden für die Golden Globes nominiert. Doch der britische Regisseur freut sich, dass zumindest seine Hauptdarsteller Eddie Redmayne und Alicia Vikander die Chance haben, einen der Preise mit nach Hause zu nehmen.

Hooper kann sich über zu wenig Ehre ohnehin nicht beklagen: 2006 gewann er den Emmy für seinen TV-Zweiteiler „Elizabeth I.“; fünf Jahre später folgte der Oscar für den Spielfilm „The King’s Speech“. Seine Kinoadaption des Musicals „Les Misérables“ wurde 2013 mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Hoopers neuer Film „The Danisch Girl“ erzählt von der wohl ersten Geschlechtsumwandlung: Der Künstler Einar Wegener lässt sich in den 1920er-Jahren zur Frau, zu Lili Elbe umoperieren. Seine Ehefrau Gerda unterstützt ihn.

Mr. Hooper, „The Danish Girl“ ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe, aber auch ein Film über Transsexualität. Welcher Aspekt war für Sie wichtiger?

Die Liebesgeschichte, die mich zu Tränen rührte, als ich das Drehbuch las. Im Kern handelt mein Film von einer Ehe, die eine grundlegende Veränderung erlebt. Die Tatsache, dass Gerda Wegener ihren Mann so sehr liebt, dass sie bereit ist, ihn durch seine „Transition“ zur Frau zu begleiten, selbst wenn ihr dabei ihr eigentlicher Ehepartner abhanden kommen wird – das ist für mich in dieser Bedingungslosigkeit etwas ganz Außergewöhnliches.

Nun muss man dazu sagen, dass die wahre Geschichte weniger bedingungslos war: Gerda soll lange offen lesbisch gelebt haben, und anders als im Film blieben sie und Einar/Lili nicht bis zum Ende zusammen. War Ihnen das nicht romantisch genug?

Mein Film basiert in erster Linie auf dem gleichnamigen Roman von David Ebershoff, nicht auf der Realität. Dies ist kein Biopic – schon weil es keine Biografien über Lili Elbe oder Gerda Wegener gibt, auf die man sich zweifelsfrei berufen könnte. Auch medizinische Unterlagen existieren nicht mehr, weil die Klinik in Dresden, in der sich Einar operieren ließ, im Krieg zerbombt wurde. Es führte also kein Weg daran vorbei, dass wir die Geschichte fiktionalisieren. Wobei man sagen muss, dass sich Lucinda Coxons Drehbuch sogar näher an der Realität bewegt als der Roman. Im Roman heißt Gerda Greta und kommt aus Kalifornien statt aus Dänemark.

Keine zweite Liebesbeziehung war derart tief

Auch die Kunst, von der die Rede ist, war im Roman nicht die echte Kunst von Gerda und Einar Wegener. All das wollten wir ändern, denn mir war wichtig, dass jeder Zuschauer auf der Leinwand die gleichen Gemälde sieht, die er von den beiden auch bei Google findet. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass die Herangehensweise des Romans, diese komplexe Geschichte für ein breites Publikum zu erzählen, stimmig ist. Sicher, wir erzählen im Film nicht alles. Dass Gerda etwa später mit einem italienischen Diplomaten verheiratet war, der sie nach drei Jahren in Marokko um ihr Geld brachte, lassen wir aus. Aber solche Fakten ändern nichts daran, dass es sowohl im Leben von Gerda als auch von Lili keine zweite Liebesbeziehung gab, die derart tief war.

Sie klingen ein wenig aufgebracht …

Das war nicht meine Absicht. Tatsächlich bin ich genervt von diesem Mythos, der in letzter Zeit im Bezug auf Filme so viel Raum ein nimmt: Dass es nämlich so etwas gibt wie die „wahre Version“ einer Geschichte. Natürlich könnte ich einen Film drehen über die wahren Ereignisse meines gestrigen Tages. Dann würden Sie meine tolle Begegnung mit Wim Wenders sehen, der begeistert war von „The Danish Girl“. Doch erinnere ich mich an jedes einzelne Wort, das gesprochen wurde? Natürlich nicht. Und würde Wim das Treffen auf die exakt gleiche Weise verfilmen? Auf keinen Fall. Hier setzt die künstlerische Freiheit ein, die einer Geschichte trotzdem nicht ihre Wahrhaftigkeit raubt.

„The Danish Girl“ kommt zu einer Zeit ins Kino, da das Thema Transsexualität medial so präsent ist wie nie zuvor. Spürten Sie, dass etwas in der Luft liegt, als Sie sich erstmals der Geschichte widmeten?

Ich wünschte, ich wäre so hellsichtig. Manches hatte ich zunächst gar nicht mitbekommen. Von Caitlyn Jenner etwa hörte ich zum ersten Mal, als Annie Leibovitz im Anschluss an unsere Dreharbeiten Fotos von Eddie Redmayne und Alicia Vikander machte und mir erzählte, dass sie das inzwischen legendäre Vanity-Fair-Cover von Caitlyn fotografieren sollte. Ich bin begeistert von der Veränderung in Sachen Transsexualität. Als ich vor sieben Jahren anfing, mich mit „The Danish Girl“ auseinanderzusetzen, galt das Projekt in Hollywood noch als kaum abwägbares Risiko.

Sehen Sie die Gefahr, dass das Thema zum reinen Trend verkommt, der wieder verschwindet?

Die Thematik ist in der Popkultur derzeit ohne Frage populär. Doch ich hoffe, dass dies echte Veränderungen nach sich zieht. In der Gesetzgebung etwa: Es muss darum gehen, Transsexuelle vor Diskriminierung zu schützen, sei es am Arbeitsplatz oder in Fragen der Gesundheitsfürsorge. Aber auch allgemein in der Gesellschaft, wo Offenheit und Toleranz viel zu oft Mangelware sind. Und da sprechen wir noch nicht über jene Länder, in denen es unter Strafe steht, sich zur Transsexualität zu bekennen.

Kritk aus der Szene

Aus den Reihen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und und Transsexuellen weht „The Danish Girl“ auch Kritik entgegen. Unter anderem wird der große Raum kritisiert, den mit Gerda eine Cisgender-Figur einnimmt: also ein Mensch, dessen Geschlechtsidentität mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmt.

Wir haben zahlreiche Mitglieder der Trans-Community in die Arbeit am Film einbezogen, sei es in Nebenrollen oder als Berater – nicht zuletzt für Eddie Redmayne. Ich habe viel Wert gelegt auf das Feedback meiner Freundin Jennifer White, die bei „Les Miserables“ mein Musical Director war und selbst eine transsexuelle Frau ist.

Auch dass mit Redmayne ein Cisgender-Mann die Rolle dieser Transgender-Ikone spielt, als die Lili Elbe gesehen werden muss, stieß vielen auf …

Ich weiß, dass man sich als transsexueller Mensch von der Gesellschaft oft nicht wahrgenommen fühlt. Dieses Gefühl verstärkt sich, wenn selbst in den wenigen eigenen Geschichten, derer sich der Mainstream annimmt, die eigene Community nicht die Repräsentation übernimmt. Für mich war in diesem Fall trotzdem Eddie Redmayne die ideale Wahl, aufgrund seines Talents und seiner Prominenz. Und weil er auf dem Spektrum, das Gender ja letztlich ist, einen interessanten Platz einnimmt.

Ich bezweifle, dass derzeit ein transsexueller Teenager, der davon träumt, als Schauspieler Karriere zu machen, das gleiche Selbstbewusstsein wie ein Cis-Altersgenosse hat, es auch schaffen zu können. Leider. Aber ein Film wie „Tangerine“ von Sean Baker (dt. Kinostart im Frühjahr 2016, Anm. der Redaktion) und die Reaktionen darauf machen mir Mut, dass sich wirklich etwas ändert. Ohnehin halte ich diesen großartigen Film für den Beginn einer Revolution in Sachen Kino, mit der ich eigentlich schon viel früher gerechnet habe.

Sie meinen, weil „Tangerine“ komplett auf dem iPhone gedreht wurde?

Genau. Als ich als Jugendlicher begann, meine ersten Filme zu drehen, arbeitete ich mit einer 16-mm- Uhrwerk-Kamera. Jede Aufnahme, die ich machte, kostete Geld, das ich nicht hatte. Bis ich 16 Jahre alt war, drehte ich zum Beispiel nur Stummfilme, weil SyncSound zu teuer war. Kein Film war länger als drei Minuten, mehr hätte ich nicht bezahlen können. All das erscheint heute absurd, denn es gibt Telefone mit 2k-Kamera und SyncSound. Obendrein liefert jeder Apple-Laptop gleich noch die Schnitt-Software mit. Dass nicht schon viel mehr Filmemacher von dieser Demokratisierung des Filmemachens in der gleichen Weise profitiert haben wie Sean Baker, erstaunt mich eigentlich.

Radikaler Richtungswechsel

Was waren im Falle von „The Danish Girl“ Ihre visuellen Inspirationen?

In erster Linie die Kunst von Einar und Gerda. In seinen Bildern ist eine gewisse Trostlosigkeit spürbar, ein Gefühl von Beschränkung. Darin vermittelte sich für mich ein gewisses Verständnis davon, was es wohl für Lili bedeutet haben muss, als Einar zu leben. Obwohl es letztlich sehr wenig ist, was seine Gemälde über sein Seelenleben verrieten. Das Interessanteste im Blick auf seine Person ist ausgerechnet das, was seine Bilder gerade nicht zeigen. Für die Szenen in Dänemark waren sie mein Leitfaden – und eigentlich mehr noch die Bilder des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi. Später, für die Szenen in Paris, waren eher Art déco und Art nouveau mit ihrem Streben nach Schönheit wichtig, die auch Gerda in ihrer Kunst beeinflusst haben.

Diese Schönheit der Bilder, das Historische der Geschichten Ihrer Filme sind längst zu Ihren Markenzeichen geworden. Reizt es Sie nicht manchmal, sich solchen Erwartungen komplett zu widersetzen?

Interessanterweise habe ich selbst schon den Sprung von „The King’s Speech“ zu „Les Misérables“ als radikalen Richtungswechsel empfunden. Ein ungewöhnlicheres Projekt als ein Kinomusical kann man dieser Tage in der Filmbranche schließlich kaum angehen. Nicht zuletzt im Vergleich mit „The Danish Girl“ ist „Les Misérables“ für mich ein recht hässlicher, dreckiger Film über die ärmsten der Armen. Sicher, man könnte in allen drei genannten Filmen das Historische als gemeinsamen Nenner ausmachen. Aber thematisch stellten sie für mich jedes Mal eine komplett neue Herausforderung dar – genau das, wonach ich in meiner Arbeit suche.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.