April 2018: Sir Tom Jones singt in der Royal Albert Hall.
Foto: Sunday Times/PA Wire/dpa/Andrew Parsons

BerlinAls Thomas John Woodward am 7. Juni 1940 zur Welt kommt, ahnt noch keiner, dass aus dem kleinen walisischen Jungen mal ein schillernder Entertainer werden würde, ein Sänger, der die Frauenherzen und die Glitzerwelt von Las Vegas im Sturm erobert. Wie viele große Musikerkarrieren ist auch die von Tom Jones nicht ohne Brüche und Flops. Doch der „Tiger“ – ein Spitzname, der ihn seit seinen Anfängen als tingelnder Clubsänger begleitet – überbrückt auch schlechte Zeiten. Er schafft es, sich immer wieder neu zu erfinden und dabei nie albern zu wirken. Ein cooler Typ, fand auch Königin Elizabeth II. und schlug ihn 2006 zum Knight Bachalor. Die Geheimrezeptur einer großen Popkarriere – wir haben sie pünktlich zu seinem 80. Geburtstag entschlüsselt.

Die Haftung am Boden: Glaubwürdigkeit und Authentizität – das schwitzt Tom Jones mit jeder Pore aus. Der Grund dafür ist sein eisernes Arbeitsethos: Geboren wurde er als Thomas John Woodward in dem walisischen Dorf Treforest, der Vater war Bergarbeiter, die Mutter Hausfrau; Jones verdingte sich zuerst als Bauhilfsarbeiter, Staubsaugervertreter und sogar in einer Handschuhfabrik. Diese proletarische Grundierung blieb dem kernigen Lockenkopf mit Brusthaar und Goldkettchen stets erhalten. Noch in Las Vegas – wo sich in den besten Zeiten die echte Arbeit am Falschen in schönster Künstlichkeit vollendete – überstrahlte seine robuste Lebenstüchtigkeit den Talmi-Glamour.

Brusthaar raus: Tom Jones (rechts) 1980 in der Mike Douglas Show.
Foto: Imago Images

Die virile Ausstrahlung: Tom Jones die Hotelzimmerschlüssel und den einen oder anderen Schlüpfer auf die Bühne zu werfen, gehörte lange zum guten Ton und zur geübten Routine bei den vornehmlich weiblichen Fans. Jones pflegte sein Image eines vor Männlichkeit nur so strotzenden Sexsymbols. Er trug offene Hemden, die den Blick auf das für viel Geld versicherte und stets akkurat gekämmte Brusthaar freilegten. Die Hosen saßen so eng, dass es einem schon beim Zusehen die Luft nahm. Irgendwann aber, das musste ein ergrauter Tiger einsehen, war es an der Zeit für eine Korrektur. Aus dem Hemd wurde ein Rollkragenpulli. Und die Damen wurden darum gebeten, doch bitte keine Slips mehr zu werfen. Das sei „beleidigend“.

Die nachsichtige Ehefrau: Als seine Jugendliebe Melinda Trenchard von ihm schwanger wird, sind Tom Jones und sie gerade 16 Jahre alt. Sie heiraten, der gemeinsame Sohn Mark wird kurz nach der Hochzeit geboren. Die Ehe mit Linda hält bis zu ihrem Tod 2016, also fast 60 Jahre. „Ich habe in meinem Leben nichts Schlechtes gemacht“, befand der „Sexbomb“-Sänger 2015 im britischen Magazin The Big Issue. Nun ja, schlecht ist ein dehnbarer Begriff, und gewiss geht die lange Lebensdauer der Ehe in großen Teilen auf die Nachsicht seiner Frau zurück, die seine zahllosen Affären meist großzügig duldete, ja, sie nach seiner Darstellung sogar verstand: „Wir haben uns immer geliebt. Liebe sieht darüber hinweg.“ Wäre auch eine tolle Songzeile.

Die Kneipenwunder-Kehle: Um diese Stimme beneidete ihn sogar sein großes Vorbild Elvis Presley. Tom Jones’vollkehliger Bariton gewann in walisischen Arbeiterkneipen seine kräftige Statur. Hier, in einer durch keine Castingshow vorzubereitenden Nahkampfsituation, lernte er, sich mit seinen Soul- und Bluesweisen auch gegen ein volltrunkenes Publikum durchzusetzen. Das muss man können wollen. Doch geht von seiner Stimme auch ein sanfter, verführerischer Zauber aus – ein zuckersüßer, tremolosatter Crooner-Schmelz. Und der ist nicht nur ein Verdienst, sondern auch ein Talent, für das sich der Künstler bei wem auch immer bedanken kann. Ein musengeküsstes walisisches Kneipenwunder!

1968 in Las Vegas: Tom Jones, Elvis Presley und dessen Frau Priscilla. 
Foto: UPI/dpa 

Die Distanz zum Betrieb: Tom Jones hat Witz. Und der erlaubte ihm mitsamt seiner stupenden Könnerschaft sowie seiner walisischen Bodenhaftung gewisse Freiheiten. Was für ein Glück: In den 80ern etwa wirkte sein viril-rustikaler Charme allzu überlebt, weshalb sich der Künstler neu besinnen wollte und dafür eine Neuinterpretation des quietschfidelen Falsettkunstwerks „Kiss“ von Prince riskierte. Und siehe da, der 1988 mit dem Electronic-Avantgardisten Art of Noise eingespielte Song brachte den Popsenior zurück ins Geschäft. Hinzu kamen bizarr schöne Auftritte wie in der Zeichentrickserie „The Simpsons“ (1992) oder der Science-Fiction-Komödie „Mars Attacks!“ (1996). Jones Selbstironie machte ihn wieder cool.

Sehr cool: Tom Jones in der Simpsons-Folge „Marge Gets a Job“.
Foto: Imago Images/20th Century Fox

Die gute Gesundheit: Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Nun, für Tom Jones galt die ewige Trias der Popkultur nur bedingt. „Drogen haben mich nie interessiert. Ich wollte nichts nehmen, durch das ich mich komplett anders gefühlt hätte. Na, vielleicht hatte ich auch ein wenig Angst“, bekannte der Sänger vor vier Jahren in einem Interview. Alkohol war von dieser Abstinenz allerdings ausgenommen – der floss reichlich und gehörte für Jones zum glamourösen Lebensstil dazu. Ein Hoch auf seine Leber – und den Verzicht auf harte Drogen, der ihn vor dem selbstzerstörerischen Weg anderer Musikerkollegen bewahrte. Inzwischen achtet Jones nach eigenem Bekunden verstärkt auf seine Gesundheit. Wein gibt’s nur noch zum Abendessen!