Es ist schon ein bisschen her, da sang Tom Petty in seinem Song „The Waiting“ davon, wie schwer ihm das titelgebende Warten fällt. „The waiting is the hardest part“ und so weiter und so fort. Er war da gerade dreißig, sah halb so alt aus und hörte sich doppel so alt an. Nun, das Warten hat sich gelohnt. Zum ersten Mal, seit er im Geschäft ist, also seit 38 Jahren, notiert er in dieser Woche mit einem Album an der Spitze der US-Charts.

Für ihn kommt der Verkaufserfolg in einem Moment, da er ihn überhaupt nicht mehr nötig hat. Charts hin, Charts her, der kleine Mann aus Gainsville in Florida, gern als Giftzwerg unterwegs, ist längst ein Gigant der Popmusik. Er muss das nicht mehr beweisen, zum Glück aber tut er es hin und wieder doch. So zum Beispiel mit seiner neuen LP „Hypnotic Eye“, die seine besten Seiten zum Jinglen und Janglen bringt.

Nach dem eher schwerblütigen Vorgänger „Mojo“, der sich bisweilen arg im Bluesigen verlor, hat sich Tom Petty mal wieder ein Herz gefasst und und ein Dutzend richtige Rocksongs geschrieben. Von Riff bis Refrain vergehen meistens keine zwei Minuten. Überhaupt ist kaum ein Song länger als vier Minuten. Und wenn hier schon vom Herz die Rede ist, dann natürlich auch von The Heartbreakers, die ihn seit 1976 mal mehr, mal weniger begleiten. In diesem Falle wieder mehr.

Gemeinsam mit dem Gitarristen Mike Campbell spielt Tom Petty seit Kindertagen zusammen, der eine weiß schon, was kommt, ehe der andere das Plektrum ansetzt. Bei „American Dream Plan B“, dem symptomatischen Eröffnungsstück der Platte, kommt ein Motiv, das auch Freunden von AC/DC gefallen dürfte. „I’m gonna make my way through this world someday. I don’t care what nobody say.“ Ja, da ist er wieder der alte Griesgram, der sich von niemandem nichts sagen lässt. Aber statt darauf herumzubeißen, liftet er sein Lamento zum Chorus: „I got a dream I’m gonna fight til I get it. I got a dream I’m gonna fight til I get it right.“

Vor 38 Jahren ein Hit

So schlechte Laune in so schöne Melodien fließen zu lassen, das ist eine ganz eigene Kunst, und Tom Petty beherrscht sie wie kaum ein anderer. Es wird dann sogar noch besser. „Fault Lines“ basiert auf einem hektischen Groove, der jazzbandmäßig unter einem wiederum knackigen Refrain liegt und „Red River“ ist das, was man vor 38 Jahren einen „Hit“ genannt hätte.

Beim herbstlichen „Full Grown Boy“ zeigt sich die Kompetenz der Band im melancholischen Rollenfach, bevor das Tempo dann wieder anzieht. Es nützt gar nichts, sich jetzt Track für Track durch das Album zu loben, wer möchte, kann es sich ja selbst anhören und wird dann am Ende auf das grandiose „Shadow People“ stoßen, dessen nachdenklich stimmende Zeile „I feel like a shadow’s falling over me“ mit einer kleinen Pointe gekontert wird, die hier nicht verraten wird.

Vor zwei Jahren war Tom Petty zu ein paar Konzerten in Deutschland, das erste Mal nach zwanzig Jahren. Jetzt ist er dreiundsechzig. Behält er sein Tempo in etwa bei, kommt er das nächste Mal, wenn er achtzig ist. Das Warten könnte sich lohnen.

Tom Petty: „Hypnotic Eye“, Warner