Von den Spinnen lernen: Tomás Saraceno hat die Galeriehalle   in einen Denkraum verwandelt.
Foto: T. saraceno/ Foto: Andreas Rossetti/ Galerie Esther Schipper

BerlinMan geht auf Strümpfen durch das sanfte Netz-Labyrinth des in Berlin lebenden Argentiniers Tomás Saraceno. Man bringt die schwarzen Fäden zum Klingen und fühlt sich danach wie nach einer Stunde Tiefen-Meditation.  

Alle gehen ihm ins Netz. Abermals, wie vor einem Jahr im Pariser Palais de Tokyo. Und nun in der Berliner Galerie Schipper. Tomás Saracenos Installation gleicht Spinnweben, einem riesigen Spinnennetz – das Kunst-Universum des Argentiniers. Und er hat es zugleich als ungewöhnliches Saiteninstrument angelegt. Das Netz erklingt, sobald man sich darin bewegt.

Bei diesem Anblick, bei diesen Tönen spinne ich mir einfach mal was Unglaubliches zusammen: War etwa letzte Nacht die große bronzene „Spider“ der Louise Bourgeois, die vor Bilbaos Guggenheim-Museum steht, oder deren Zwilling aus dem Garten vorm Amsterdamer Rijksmuseum zu Gange in den Berliner Mercador-Höfen? In der Ausstellungshalle der Galerie Schipper? Alles ist zugesponnen, Riesenspinnen-Netze spannen sich (an robusten Wanddübeln befestigt) durch den Raum.

Neue Art von Sprache

Angedeutete Kokons aller Größen hängen als symbolische, poetische Behausungen in den Netzen. Frauen, Männer, Kinder gehen, kriechen, schleichen durch das Fädenlabyrinth, ziehen daran. Dunkle und helle Klänge ertönen, mischen sich zu einer seltsamen Melodie. An manchen Stellen vibriert der Hallenboden. „Wenn wir miteinander kommunizieren wollen, müssen wir eine neue Art von Sprache erfinden, eine andere Sensibilität“, sagt Saraceno.

Spinnen faszinieren ihn auch deswegen, weil sie ihre Netze dem Flug der Insekten anpassen und auf ihre Weise den Luftraum besiedeln. Er nennt seine Arbeit für Berlin bedeutungsschwer „Algo-r(h)i(y)thms“ und prägt dazu ein neues Schlagwort: „sym(bio)poetisch“. Ihm gehe es, erklärt er, um ein weiterführendes Bewusstsein dafür, mit wem und wie wir eigentlich zusammenleben.

Und wie die radikale Gegenseitigkeit der Dinge durch die Sprache der Schwingungen bestimmt wird. Simpler augedrückt: Dieser seit Jahren in Berlin lebende südamerikanische Künstler-Wissenschaftler führt mithilfe der nachgeahmten Intelligenz der Spinnen und der Mimesis vor, wie sehr alles in der Welt verbunden ist.

Netzarchitekturen

Saraceno hat in den letzten zehn Jahren  nicht nur biotechnologische Prozesse an renommierten Wissenschafts-Einrichtungen verfolgt und mit Forschern des MIT in Boston, der Nasa oder des Max-Planck-Instituts gearbeitet. Er hat vor allem auch aus nächster Nähe Spinnen studiert und die fleißigen Gliederfüßer dafür in riesigen Vitrinen in seinem Berliner Atelier fantastische Netz-Architekturen spinnen lassen. Einer dieser Glaskästen ist in einem abgedunkelten Nebenraum der Galerie aufgestellt.

Darin eine eigenartig in der Luft schwebende, silbrige Gespinst-Landschaft, halb Märchen, halb Laboratorium. Als Saraceno die Spinnen bei ihrer Arbeit beobachtete, kam er auf die Idee, ihre Vibrationen nachzuahmen. „Vielleicht haben sie uns etwas zu sagen. Vielleicht gibt es da eine Welt, die wir immer noch nicht kennen. Wir wissen nicht, mit wem wir in unseren Häusern zusammenwohnen. Es ist ein erster Schritt, zu bemerken, dass es auf diesem Planeten etwas gibt, das schon lange vor uns da war.“

Das war die Initialzündung für seine hallenfüllende Netz-Installation. Damit verfolgt er nicht nur eine ästhetische Mission. Es geht auch um die Schönheit des Alltäglichen, auch Lästigen. Etwas, das der Mensch beseitigt – die verstaubten Netze jener Tierchen, vor denen sich Kinder und auch Erwachsene – mitunter sogar ziemlich abergläubisch – gruseln. Saraceno bewegt sich zwischen Kunst und Wissenschaft, Ökolobbyismus und Esoterik.

Alles ist mit Allem verbunden

Alles ist mit allem verbunden. Er macht diese Binsenweisheit so originell wie sinnlich erfahrbar. Fast wird er damit zum Propheten: Wir sollten von den klugen, fleißigen Spinnen lernen, wie wir als menschliche Gesellschaft miteinander leben könnten, wie unsere Zukunft sein sollte, um zu überleben.

Dieser politisch wie poetisch agierende Künstler, den in Berlin nur der Hamburger Bahnhof mal zu einer musealen Schau einlud, träumt von einer neuen Ethik, einem Leben ohne Grenzen und ohne fossile Brennstoffe, die Luft und Klima ruinieren. Die Hörfähigkeit der Spinnen – auf viel niedrigerer Frequenzen als die der Menschen – überträgt er als Schwingungen der Netze zu einem faszinierenden Klangteppich. Wie eine kosmische Jamsession.

Der Künstler

Tomás Saraceno kam 1973 in Tucuman, Argentinien, zur Welt. Er studierte erst in Buenos Aires   Architektur, danach an der Städel-Schule Frankfurt am Main. In den vergangenen zehn Jahren arbeitete er mit dem  Institute of Technology Massachussett, dem deutschen Max-Planck-Institut, der Nanyang-Universität und in London mit dem Naturgeschichtlichen Museum und dem Imperial College zusammen. Der Wahlberliner war der erste Künstler, der von Spinnen gewebte Lebensräume scannte und als begehbare Kunstwerke rekonstruierte. Er besitzt die erste  dreidimensionale Spinnweben- Sammlung.

Die Ausstellung „Algo-r(h)i(y)thms“

ist in der Galerie Esther Schipper zu sehen: Potsdamer Str. 81 E. Bis 21. Dezember, Di–Sa 11–18 Uhr.  Tel.: 374 43 31 33, www.estherschipper.com