Die heilige Therese wäscht dem Trinker (gespielt von Ron Wyn Jones) die Füße. 
Foto: Jean-Pierre Estournet

BerlinProfane Bilder des Saufens sind ja in Berlin allgegenwärtig. Auch auf dem Weg in die Tempelhofer Ufa-Fabrik kommt man an Spätis mit Bierflaschenpyramiden vorbei. Doch ein besonderes Zeichen klebt im Klo eines nahen griechischen Restaurants: Ein Aufkleber der „Herthaner gegen Light Beer“ wirbt mit dem Slogan „Fahne pur“ und einem Bild von Harald Juhnke. Berlins heiliger Trinker hatte die Rolle im Leben und vor Kameras gespielt, so in der Verfilmung von Hans Falladas „Der Trinker“. Auch Joseph Roth hat, wie Fallada, seine eigene Alkoholsucht literarisch verarbeitet. Seine „Legende vom heiligen Trinker“ gilt als eine Art Testament, geschrieben 1939, wenige Monate vor seinem elenden Tod im Pariser Exil.

Sein Fazit: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“, beendet auch die Aufführung des Ton-&-Kirschen-Wanderthaters unter dem Dach des Open-Air-Theaters der Ufa Fabrik, bei zugigem Grog-Wetter. Die Version von Margarete Biereye und David Johnston nimmt den melancholisch-märchenhaften Ton von Joseph Roth auf und ist alles andere als ein anklagendes oder mahnendes Sozialdrama.

Trinker Andreas, gespielt vom Waliser Ron Wyn Jones, begegnet immer wieder Wundern und Zufällen, die ihn aus dem Abwärtssog herausreißen könnten. Jemand schenkt ihm Geld, ein anderer gibt ihm Arbeit, im gekauften Portemonnaie steckt ein großer Geldschein. Doch auf dem Weg zur Erlösung durch eine Spende an die Heilige Therese stellt sich ihm immer wieder ein Weißwein oder ein Pernod und ein Saufkumpan in den Weg: Fahne pur.

Die sieben Akteure spielen so variantenreich wie von dieser Theatertruppe gewohnt. Drei kippbare Wände liefern die Pariser Kulissen, sind mal Bistro, mal Hotel, mal Kirche. Ob Puppenspiel mit der heiligen Therese, ob Slapstick-Einlage des wankenden Trinkers – alles geschieht mit wenigen Mitteln. Nelson Leon als Fußballstar und Jugendfreund von Andreas braucht gar keinen Ball, um seine Talente anzudeuten. Ein Umzug, bei dem Andreas mit anderen in einer Reihe als Kistenschlepper jobbt, wird von David Johnston als witzige Dressurnummer mit Peitsche in Szene gesetzt. Immer wieder lassen die Ton-&-Kirschen-Leute die Grenzen der Sprachen und des Alters hinter sich. Prinzipalin Margarete Biereye ist Jahrgang 1945, ihre Mitspielerin Zina Meziat noch nicht mal 20 – und die beiden tanzen nebeneinander als Pariser Amüsiermädchen. Das zieht den Zuschauer, der sich in seiner wetterfesten Jacke verstecken will, immer fester ins Geschehen hinein, das berauscht auch ganz ohne Alkohol.

Die Legende vom heiligen Trinker, 28., 29. 8., 20 Uhr in der Ufa-Fabrik; 5. 9. im Jagdschloss Grunewald, danach bis Ende Oktober auf wechselnden Bühnen in ganz Brandenburg, Tourneeplan unter tonundkirschen.de