Die Nobelpreisträgerin Toni Morrison während eines Events in New York in 2008.
Quelle: imago images / Zuma Press

Berlin - Als die Schriftstellerin Toni Morrison 1993 den Literaturnobelpreis erhielt, entrüsteten sich viele Schriftsteller-Kollegen. Charles Johnson nannte Morrison eine „Nutznießerin guten Willens“ und bezeichnete ihre Ehrung als fehlgeleiteten „Triumph der political correctness“. Die Schriftstellerin Erica Jong mutmaßte, der Preis sei Morrison nicht nur aus künstlerischen Erwägungen verliehen worden: „Müssen wir Künstler denn inzwischen als Abzeichen unserer Fortschrittlichkeit ausstellen?“ Der Lyriker Stanley Crouch bezeichnete Morrisons Schreiben gar als eine „plumpe Protestliteratur“.

Man mag das als Neid abtun, vermutlich ist es das. Doch es zeigt auch: Schwarze Schreibende, mögen sie noch so virtuos sein, sehen sich in der Bewertung ihrer Arbeit oft mit einer harschen Doppelmoral konfrontiert. Einerseits erwartet man, dass sie die Sprache neu erfinden. Dass sie das in schwarzer Identität begriffene Leid genauso einfangen wie die Schönheit – idealerweise in leuchtender, beschwörender, die Grenzen des Sagbaren überschreitender Prosa. Andererseits aber verachtet man sie, wenn sie jenes Bewertungsraster bespielen, das gern abfällig Identitätspolitik genannt wird: das vermeintliche Hängenbleiben der Sprache und Zeichen in Kategorien wie Race und Gender, Ethnie und Geschlecht. 

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