Tony Parsons öffnet eine Flasche Mineralwasser. „Darf ich?“ Fragend hält er ein Glas hoch. Vor einer Stunde ist er in Köln gelandet. Jetzt hockt er ein wenig müde in einem Büro des Lübbe-Verlags, ein schmaler Mann in Jeans und Pullover. Neben seinem Mund haben sich zwei Falten tief in die Haut gegraben. 64 ist Parsons im vergangen November geworden. Man sieht ihm sein Alter an.

In seiner Heimat ist der Mann aus London eine Berühmtheit. Musikkritiker, Punk, Boulevardjournalist, Kolumnist des „Daily Mirror“. Hochgehypter Bestsellerautor. Ein paar Jahre war er mit Julie Burchill verheiratet, mit der er 1978 das Buch „The Boy Looked at Johnny – ein Nachruf auf den Rock’n’Roll“ schrieb, das für das Schreiben über Musik von ähnlicher Bedeutung war wie die Sex Pistols für die Musik selbst.

Zwölf junge Frauen sterben in Londons Chinatown

In Deutschland kennt man Parsons vor allem als Krimiautor. Eben ist der vierte Band seiner Reihe über den Ermittler Max Wolfe in deutscher Übersetzung erschienen: „In eisiger Nacht“ (Bastei Lübbe), eine knallharte Geschichte über Prostitution und Menschenhandel. Zwölf junge Frauen sterben in Londons Chinatown in einem Kühlwagen, Flüchtlinge aus Afrika und Europa, die ihr letztes Hemd hergegeben haben für eine Reise in den Tod.

Die Idee zu diesem Buch sei ihm 2015 in Deutschland gekommen, sagt Parsons. „Ich war gerade auf Lesereise, als in Österreich ein Kühllaster mit 71 erfrorenen Flüchtlingen gefunden wurde.“ 71 Tote. Dann sei da noch dieses merkwürdige Erlebnis an einer Londoner Tankstelle gewesen. „Ich wollte mein Auto waschen, aber die Waschanlage war abgebaut. Stattdessen stürzten 20 dunkelhäutige Männer auf mich zu und boten mir ihre Dienste an.“ Der Tankstellenbesitzer habe erklärt, Menschen seien billiger als Maschinen.

Parsons schüttelt den Kopf, als könne er das Ganze noch immer nicht glauben. „Damals habe ich angefangen über die vielen Menschen nachzudenken, die illegal nach Großbritannien kommen, weil sie in ihrer Heimat keine Chance haben. Ich bin wie ein Staubsauger. Ich sauge Inspirationen auf. Gefühle. Stimmungen. Und irgendwann wird ein Buch daraus.“

Zwölf-Stunden-Schichten in der Gin-Brennerei

Schon als Kind habe er Schriftsteller werden wollen, auch wenn die Voraussetzungen dafür reichlich mies gewesen seien. „Wir waren nicht gerade ein Intellektuellenhaushalt, aber Schreiben war außer Fußballspielen so ziemlich das einzige, was ich gut konnte. Mein großes Vorbild war Jack Kerouac, das wilde, freie Leben.“

Parsons ist 1953 in Romford in Essex geboren, im Nordosten von London, in einer Satellitensiedlung für das Pendlerprekariat. „Meine Eltern haben mit 14 die Schule beendet, keiner in unserer Familie hatte einen Beruf.“ Parsons beendet seine Schulkarriere mit 16. Heute bedauert er das. „Ich hatte einfach keinen Bock mehr, obwohl ich eine Empfehlung für eine weiterführende Schule hatte. Es war so eine Teenagersache. Ich habe damals einfach auf alles geschissen.“

Er heuert in der „Gordon’s Dry Gin Distillery“ in Islington an, ein Punk mit schwarz gefärbten Haaren, der sich durch die Nächte säuft. „Wir schoben Zwölf-Stunden-Schichten und bekamen als Wegzehrung ein paar Flaschen Gin“, erzählt er. Im Sommer 1976 wendet sich das Blatt. Parsons, der Bad Boy aus der Gin-Fabrik, antwortet auf eine Stellenanzeige des Musikmagazins New Musical Express, kurz NME, in der nach „hip young gunslingers“ gesucht wird – und bekommt den Job.

Er schreibt eine erste Titelstory über The Clash, jazzt die Sex Pistols zum neuen Ding hoch. Er interviewt Größen wie David Bowie und Bruce Springsteen. „Es war eine wilde Zeit. Alle nahmen Drogen. Ich habe mit Bob Marley gekifft und mit Keith Richards Heroin genommen. Das war damals einfach so. Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Wenn du mit Leuten wie Keith oder Iggy Pop abhängst, trinkst du kein Mineralwasser.“

Manches von dem, was damals geschehen sei, bedaure er heute, sagt Parsons, der heute mit seiner zweiten Frau und einer heranwachsenden Tochter im feinen Londoner Stadtteil Hampstead lebt. „Vor allem die Sache mit den Drogen. Wenn mich heute jemand fragte, was ich anders machen würde, wenn ich könnte, würde ich wahrscheinlich antworten: alles.“ Doch er wolle sich nicht beklagen. „Ich habe Erfolg und ein gutes Leben, und das weiß ich zu schätzen. Ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme.“

Drei Jahre arbeitet Parsons für den New Musical Express, anschließend schlägt er sich als freier Musikjournalist durch. „Ich hatte ein Zimmer für sechs Pfund die Woche, eine Bruchbude in einer eher rauen Gegend. Heute könnte ich dort nicht mehr leben“, sagt er. Erst Anfang der 90er-Jahre geht es wieder bergauf: Parsons landet mit einer Biografie über George Michael einen Bestseller, auch wenn sich der Popstar wenig später mit ihm überwirft.

Gescheiterte Ehe mit Julie Burchill

Auch seine Ehe mit Julie Burchill fährt gegen die Wand. Er hatte sie als 17-jähriges Mädchen beim NME kennengelernt – auch sie eine jener „hippen jungen Revolverhelden“, nach denen das Blatt seinerzeit gefahndet hatte. Die beiden werden zu ebenso großen Stars wie die, über die sie schreiben. Der Spiegel nennt sie die „Bonnie und Clyde des Punk“. Doch irgendwann ist der Rausch vorbei. Und Burchill lässt Parsons mit dem gemeinsamen vierjährigen Sohn sitzen, um den amerikanischen Schriftsteller Cosmo Landesman zu heiraten.

Parsons verarbeitet diese Erfahrung auf seine Weise: Er schreibt ein Buch über sein Leben als alleinerziehender Vater. „Man and Boy“ (in Deutschland: „Männlich, alleinerziehend, sucht …“) nennt er das Buch – es verkauft sich weltweit rund zwei Millionen Mal. Selbst in China verschlingt man die anrührende Vater-Sohn-Geschichte, die Parsons 2001 den „British Book Award“ für das beste Buch des Jahres einbringt.

Weitere Romane folgen, Liebes- und Familiengeschichten wie „One for my Baby“, „Men from the Boys“ und „Man and Wife“. Bücher über „ganz normale Männer mit ganz normalen Problemen“, wie er sagt. Männer wie er selber. „Ein Roman basiert auf eigenen Erfahrungen, auf Recherche und einer gewissen Vorstellungskraft“, sagt er. „Jeder Schriftsteller setzt einen anderen Schwerpunkt. Für mich ist die Erfahrung das Wichtigste.“

Ein schnörkelloser, hartgesottener Thriller

Doch irgendwann ist das Thema durch und der Punk-Chronist in einer Ecke mit Cecilia Ahern und Ildikó von Kürthy. So macht er erneut einen radikalen Schnitt – und endlich das, was er von klein auf wollte: Er veröffentlicht seinen ersten Kriminalroman. „Dein finsteres Herz“ heißt er, ein schnörkelloser, hartgesottener Thriller um den Londoner Detective Max Wolfe, der den Killer einer Reihe früherer Elite-Schüler jagt und dabei einen Sumpf aus Sex, Machtmissbrauch und mafiösen Machenschaften in der britischen Upperclass trockenlegt. Inspector Barnaby wohnt hier eher nicht.

Inzwischen ist der fünfte Band der Reihe fertig, ein sechster in Planung, das Angebot für eine TV-Adaption liegt auf Parsons’ Tisch. „Ich habe schon immer gern Krimis gelesen. Vor allem die Bücher von Ian Fleming hatten es mir als Jugendlicher angetan. Irgendwann begann ich darüber nachzudenken, selber einen Thriller zu schreiben. Doch mein Held sollte anders sein als James Bond.“

Detective Max Wolfe, gibt Parsons zu, sei ein wenig wie er selber. Auch Wolfe ist von seiner Frau verlassen worden und muss sich mit den Problemen eines alleinerziehenden Vaters herumschlagen. „Er ist mein shadow brother, mein Schattenbruder“, sagt er. Mit einer Einschränkung: „Wolfe ist sensibler und netter als ich. Man könnte sagen, er ist eine bessere Version von mir selber.“