Vor 36 Jahren wurde Tom Cruise mit der Rolle des sonnenbebrillten, Lederjacken tragenden, Motorrad fahrenden, dauerpubertierenden und testosteronverschwitzten Kampfpiloten Pete „Maverick“ Mitchell zum teenieumschwärmten Superstar. Weltweit und selbstverständlich auch in Deutschland, zumindest im Westen: So avancierte der flotte Amerikaner bei der über Jahrzehnte unvermeidlichen Bravo schnell zum beliebten Titel- und Posterboy – wenngleich ihm das Jugendmagazin erstaunlicherweise nie einen Starschnitt gönnte. Egal!

„Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ hieß der action- und explosionssatte, vom US-Verteidigungsministerium umfassend geförderte Werbefilm für kalte Krieger mit heißem Herzen. An diesem Mittwoch kommt nun endlich die Fortsetzung „Top Gun: Maverick“ nach Jahren des coronabedingten Aufschubs in die Kinos. Sie ist eine exakte Kopie des Originals, nämlich ein sinn- und nervenstrapazierendes Machwerk mit eben deshalb unübertroffenem, zumal popcornprallem Unterhaltungswert. Das Warten hat sich also gelohnt.

Wie Tom Cruise zu „Top Gun“-Maverick wurde: ein ganzer Kerl

Und im Zentrum des Geschehens steigt Tom Cruise als neuer Film-Heiland empor. Eine ganz besondere Auferstehung: Damit alles beim Gleichen bleibt, musste der Mann ein vollkommen anderer werden. Das ist vielleicht die eigentliche Geschichte von „Top Gun“ mit all ihrem sonstigen Irrwitz. Denn seit dem Kino-Coup von 1986 hat Cruise, der hier beinahe noch wie ein muttersöhnchenverwöhnter Milchbart erscheint, alles daran gesetzt, sein wirkliches Leben, also sein öffentliches Auftreten, nach dem Vorbild Mavericks zu formen.

Dazu musste Cruise sich allerdings durch etliche Filmrollen kämpfen, vom autorenkinohaften „Geboren am 4. Juli“ und „Eyes Wide Shut“ bis zum „Mission Impossible“-Schmonzes, er musste zweimal die „Goldene Himbeere“ gewinnen, musste sich bei Scientology durch etliche Thetan-Ränge zur Unbesiegbarkeit erheben, durch einige Ehen und viele Affären gehen, allerpeinlichste, da hormongetriebene Liebesschwüre in Talkshows absondern, als Fallschirmspringer, Hubschrauberpilot oder Astronaut die Schwerkraft besiegen

Eben der ganze toxische Maverick-Männer-Murks. So gesehen stellt „Top Gun“ Anfang und Schluss einer Karriere dar: Erst jetzt sind der reale Cruise und der fiktive Maverick eins geworden und damit auch die irritierende Glaubwürdigkeitslücken des Originals verschwunden. Kurzum, Tom Cruises „Mission Impossible“ war stets die unbedingte Authentizität, er wollte immer das Fiktive und das Reale zusammenzwingen. Und musste 59 Jahre alt werden, um mit diesem Projekt jetzt als jugendlicher Hitzkopf zu enden. Als Mann und Militär, als Soldat.