Dem interessierten Publikum war Reinhard Rürup als Mitbegründer und langjähriger Direktor der Berliner Stiftung „Topographie des Terrors“ bekannt und als zurückhaltender, doch stets entschiedener geschichtspolitischer Berater der Berliner Senate aller Farben. Mit Lea Rosh verband ihn wenig, mit dem vormaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann nicht viel. Nicht, weil er sie nicht hätte leiden können oder gegen das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gewesen wäre – im Gegenteil.

Jedoch hielt er historische Fragen, zumal dann, wenn sie den Nationalsozialismus betrafen, für zu ernst, um sie dem tagespolitischen Krawall zu überlassen. Das galt auch für modische Betroffenheitsinszenierungen, zum Beispiel im Washingtoner Holocaust-Museum. „Dort gibt es“, so kommentierte Rürup vor 20 Jahren, „einen Gang, der bis unter die Decke voll gehängt ist mit Fotografien. So eindrucksvoll das ist, ich selber würde Fotos von Ermordeten nie als Tapete benutzen.“

Er war Leiter der "Topographie des Terrors"

Freundliche Distanz, kühles Urteil, westfälisches Understatement – das waren Tugenden, die der Historiker Reinhard Rürup vorlebte und die ihn von vielen seiner Kollegen so angenehm unterschieden. Eitelkeiten, branchenübliches Platzhirschgetue, Konferenzen-Jetset, die Begründung einer „Rürup-Schule“ – all das blieb ihm ziemlich fremd. In seinen Vorträgen verzichtete er auf jeden Effekt, auf jede kühne Behauptung, er fesselte allein durch Präzision, an guten Tagen mit einer leichten Prise Ironie verfeinert. 1975 wurde Rürup zum Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin ernannt. Ein Glücksfall. Denn als konservativer Linksliberaler verband er die Vorzüge der alten Schule – sowohl in den Umgangsformen wie in der wissenschaftlichen Methodik – mit dem Willen zur Reform.

Er strahlte Autorität aus, ohne autoritär zu sein. So baute er das Fach Geschichte an der TU Berlin auf. 1982 trug er entscheidend dazu bei, dort das Zentrum für Antisemitismusforschung zu schaffen. Er hatte 1978 die Sozialhistorikerin Karin Hausen als Professorin an die TU geholt und mit ihr später gemeinsam den Plan vorangebracht, dort 1995 das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung zu gründen – das erste seiner Art in Deutschland. Zudem leitete er von 1989 bis 2004 die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“.

Ein wissenschaftliches Werk von beachtlicher Qualität

Prinzipiell las Rürup die Seminararbeiten seiner Studenten und Studentinnen selbst, kommentierte sie noch im laufenden Seminar allgemein und dann eine Woche später mit dem Verfasser unter vier Augen. Anders als viele seiner Kollegen hat sich Rürup dieser Mühe jahrzehntelang unterzogen, und das, obwohl er seit vielen Jahren an einer tückischen Augenkrankheit litt. Die Ergebnisse sprachen für sich: Die Geschichtsstudenten der TU waren in Berlin diejenigen, das sprach sich bald herum, die die beste Ausbildung erfahren hatten. Wohlgemerkt: hatten! Als Reinhard Rürup 1999 als Ordinarius verabschiedet wurde, stand sein Lebenswerk bereits auf der Liste des Sparzwangs. Eine kleine, weit überdurchschnittlich gut funktionierende Institution wurde zerstört, um den amorphen, ausbildungsfeindlichen, in sich zerstrittenen Großinstituten der anderen beiden Berliner Universitäten nicht ans Leder gehen zu müssen.

Über den hervorragenden akademischen Lehrer und Wissenschaftsorganisator und umsichtigen Neuerer wird Rürups wissenschaftliches Werk leicht vergessen. Es ist nicht übertrieben umfangreich, aber von beachtlicher Qualität – insbesondere seine Untersuchung „Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur ,Judenfrage’ in der bürgerlichen Gesellschaft“ (erschienen 1975). Das Werk handelt hauptsächlich von süddeutschen Verhältnissen und Debatten zur Judenfrage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist mit großer Sorgfalt vorwiegend aus den Quellen des Badischen Generallandesarchivs in Karlsruhe gearbeitet.

Es ist acht Wochen her, dass mir Reinhard Rürup – nach einem Krankenhausaufenthalt – noch einen sehr netten Brief zu der Frage schrieb, warum das zentrale Werk Raul Hilbergs „The Destruction of the European Jews“ so lange nicht ins Deutsche übersetzt worden war. Zuvor hatte ich ihm die beiden Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte übersandt, die 1963 und 1980 wesentlich dazu beigetragen hatten, eine deutsche Hilberg-Ausgabe zu verhindern. Er bezeichnete sie als „wirklich sehr erschreckend“. Am vergangenen Freitag ist Reinhard Rürup im Alter von 83 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Ehre seinem Andenken.