Berlin - Manchmal hatte man für einen kurzen Moment das Gefühl, Tori Amos würde gleich von ihrem Klavierhocker stürzen, so kippelnd und wackelnd saß sie auf selbigem. „Pass auf Tori“, wollte man rufen, „gleich kippst du hinten über und tust dir weh“.

Das tat die Dame in ihrem rosafarbenen wallenden kimonoartigen Kleid am Dienstagabend im fast ausverkauften Tempodrom dann aber doch nicht. Sie muss auf ihren Konzerten wohl immer so herumturnen, anders kann man sich nicht erklären, dass nichts passierte.

„Unrepentant Geraldines“ heißt ihr 14. Studioalbum, das sie in einer bizarren Show vorstellte. Man möchte meinen, sie spielt nicht einfach nur Klavier – in diesem Fall sogar Flügel, E-Piano und Orgel, und das von Zeit zu Zeit auch parallel. Nein! Sie ficht eigentlich mit ihren Instrumenten einen Kampf um Leben und Tod aus: Mal springt sie auf wie eine aufgescheuchte Katze, singt, fast flüsternd, zarte leichte Töne, drückt ihren Rücken dann in einen Buckel, nur um gleich danach auf ihren Sitz zurückzufallen, die Füße samt spitzen Absätzen in die Luft zu rammen, die rote Mähne nach hinten zu schmeißen und ihre düster-tiefen, fast schon schreienden Zeilen unters hölzerne Dach des Saals zu jagen und dem Ganzen mit einem Faustschlag auf den Flügel ein dramatisches Ende zu setzen. Kawumm! Welch’ Theater! Die Akustik im Tempodrom nimmt einen derartigen Donner dankbar an.

Manchmal ein bisschen viel des Guten

Umso verstörender wirkt es dann fast, wenn Tori Amos nach so einem überlebten Todeskampf aufspringt und so tut, als sei nichts gewesen: dem Publikum aufgekratzt winkt, es pantomimisch umarmt und auf der Bühne auf und ab hüpft. Eine Verschnaufpause zum Gefühle einsammeln gestattet sie nicht.

Doch eigentlich braucht Tori Amos diese Show gar nicht. Gerade die leisen Songs, die zerbrechlichen sind es, die berühren und so tief treffen, dass es fast weh tut und man unweigerlich Seufzen muss.

Genau das brachte ihr 1992 mit „Little Earthquakes“ und dem folgenden Album „Under The Pink“ den Durchbruch. Viel hat Tori Amos seitdem ausprobiert: Für „Night of Hunters“ bediente sie sich der Melodien der Klassik, auf „Gold Dust“ nahm sie ihre alten Songs mit Orchester auf und produzierte mit „Midwinter Graces“ ein reines Weihnachtsalbum. Das war alles ein bisschen viel des Guten.

Dabei sind es genau Songs wie das alte „Winter“, „Leather“ oder „Cornflake Girl“ und die neuen wie „Wild Way“, „Unrepentant Geraldines“ und „Weatherman“, die auch am Dienstagabend das Publikum schon bei den ersten Tönen entzückt aufjauchzen lassen. Lieder, in denen sich Tori Amos auf Stimme, Gefühl und Melodie fokussiert. Das eben, was sie am besten kann, was sie einzigartig macht, wo nichts verloren geht. Ihr neues Album erscheint wie eine Rückbesinnung.