Tommaso (Willem Dafoe) versucht, ein guter Vater zu sein. Die Filmtochter Deedee wird von Anna Ferrara gespielt, der Tochter des Regisseurs. 
Foto: Neue Visionen/Peter Zeitlinger

RomDer Filmregisseur Tommaso lebt mit seiner jüngeren Frau Nikki und der dreijährigen Tochter Deedee in Rom, dem Nabel der Alten Welt. Doch das mit dem Familienvater-Dasein hatte er sich anders vorgestellt, harmonischer, befriedigender, leichter. Die Frau hat ihren eigenen Kopf und will sich seinem Willen nicht unterordnen, und das Kind wacht natürlich ausgerechnet dann auf, wenn es zwischen ihm und ihr endlich mal wieder knistert.   

Tommaso hat wilde Zeiten hinter sich, er war lange das Enfant terrible der Szene; inzwischen  besucht er Meetings der Anonymen Alkoholiker und tauscht sich mit anderen Süchtigen aus. Alpträume plagen ihn, Torschlusspanik. Zu alledem kommt die Fremde; seinem Namen zum Trotz nämlich ist Tommaso in den USA geboren und aufgewachsen, in New York, um genau zu sein, dem Nabel der Neuen Welt.  Italien ist ihm, obzwar dort die Wiege seiner Vorfahren stand, ein unbekanntes Land und Italienisch eine Sprache, die er erst lernen muss. Selbst in seinem  Zuhause fühlt er sich mitunter ausgeschlossen – etwa dann, wenn seine Frau mit der gemeinsamen Tochter in ihrer Muttersprache redet, von der er nicht ein Wort versteht.

Trailer mit deutschen Untertiteln.

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Von wem ist hier eigentlich die Rede? Von der Filmfigur Tommaso? Oder von Abel Ferrara, dem Regisseur (und Drehbuchautor) des Films, dem diese Figur den Titel gibt? Oder gar von Willem Dafoe, der diesen Tommaso in Abel Ferraras Geschichte darstellt? Die Frage nach der Einwirkung der Wirklichkeit auf die Erfindung stellt sich insofern mit Nachdruck, als sowohl Ferrara als auch Dafoe ihre Zelte seit einiger Zeit (auch) in Rom aufgeschlagen haben, dort mit jüngeren Frauen leben und miteinander befreundet sind.

Vollends zur Dreifaltigkeit verdichtet sich die Personalie Tommaso-Abel-Willem, wenn man bedenkt, dass Ferraras Frau Cristina Chiriac den Part der Nikki übernommen hat und als kleine Deedee die gemeinsame Tochter Anna Ferrara agiert. Einer der Drehorte ist zudem die Wohnung der Ferraras, und wenn Dafoe zum Einkaufen in einen Bioladen und anschließend auf einen Espresso geht, dann ist das dokumentarisch gefilmt. Da spannt sich also ein flirrendes Unschärfefeld zwischen Realität und Fiktion auf – und Tommaso heißt jener, der hier zu navigieren versucht, auch nicht umsonst.

Wie der ungläubige Thomas aus dem Neuen Testament

Denn etymologisch wurzelt der Name Thomas in dem aramäischen Wort für Zwilling. Auch der ungläubige Thomas aus dem Neuen Testament gesellt sich herbei, jener der zwölf Apostel, der von der Auferstehung Jesu erst überzeugt war, nachdem er seinen Finger in dessen Wunde  gesteckt hatte. Tommaso also als ein Stellvertreter, ein Doppelgänger, der die Ungläubigkeit seines Schöpfers angesichts von dessen eigener, neuer Realität widerspiegelt.

Der staunende Zeuge einer unwahrscheinlichen Auferstehung aus der Hölle des Exzesses, hier: der Rettung aus Drogensumpf und egoistischem Wüten. Abel Ferrara – katholisch erzogen, was man seinen leidenschaftlich unbotmäßigen Filmen immer ansieht – sei, so heißt es, mittlerweile Buddhist geworden. Also muss er seine Helden nicht mehr verdammen, er flicht sie vielmehr aufs Rad der Wiedergeburt, das die verschiedenen Ebenen der Wahrheit von „Tommaso“ ineinander mahlt.

Tommaso und der Tanz der Geister, I/GB/USA/GR 2019. Regie, Drehbuch: Abel Ferrara, Kamera: Peter Zeitlinger, Musik: Joe Delia, Darsteller: Willem Dafoe, Cristina Chiriac, Anna Ferrara u.a., 115 Minuten, Farbe, FSK: ab 12