Noch ist die Festivalsaison nicht ganz vorbei. Die Lollapalooza-Kirmes ist mit selbstlaufenden Acts wie Billie Eilish, Courtney Barnett, aber auch dem Rapper Dendemann und seinem Kollegen Marteria zuverlässig okay besetzt. Daher ein Ausblick aufs Torstraßenfestival am Samstag, den 7.9., das in einer gerafften Version stattfindet. Statt die Torstraßenclubs und Bars zu bespielen, findet alles wegfreundlich entspannt, wenn auch dicht getaktet in der Volksbühne statt, sechs Stages alles in allem, dazu ein Independent- Label-Markt im Eingangsfoyer.

The Chap darf man auf dem Torstraßenfestival nicht verpassen 

Unverpassbar ist dabei natürlich der Auftritt von The Chap aus London und Berlin, die ja mit Johannes von Weizsäcker in einer zentralen Position eine Art Hausband der Berliner Zeitung sind. Ihr letztes Werk, „The Show Must Go“, liegt vier Jahre zurück, ihr klasse Indiepop-Hit „We Work in Bars“ noch etwas länger. Aber da die fünf im Grunde seit 2003 die gleiche jeweils unberechenbare und verzwickte Mischung aus diversen Popstilen fortentwickeln, darf man vielleicht von zeitloser Kunst sprechen. Das letzte Werk scheint dabei die beunruhigende Dynamik noch zuzuspitzen, die sich zwischen „We Are The Best“ von 2011 und dem Selbstbewusstseinssturz von „We Are Nobody“ abzuzeichnen schien.

Dessen ungeachtet wirbeln sie mit viel Energie durch motorisch-instrumentalen Post-Punk mit Frippertronic-Gitarre, stellen sich der unterschätzten Frage „What Are People For“ (offenes Ergebnis) oder beschwören durch asymmetrisch verkanteten Funkpunk oder durch stur abgestumpften Geräusch-Punk mit Sprechgesang die „Joy in Depression“, bis sie schließlich bei einer kritischen Pop-Punk-Würdigung von „The Youth“ landen. Sehr gut.

Auch dabei ist Singer/ Songwriterin Tara Nome Doyle 

Auch dabei sind zwei Singer/ Songerwriterinnen, die hier im Frühjahr schon auftraten, die ich aber gerne nochmal empfehle. Die Musik von Jessica Pratt nenne ich der Einfachheit halber Freakfolk, was ihren hauchzart verträumten bis gradwegs schwebend somnambulen Songs nicht ansatzweise gerecht wird. Tara Nome Doyle spielt einen raffinierten, warm verwuschelten Indiepop, den sie mit einer soulfähigen, sehr hellen Stimme fein besingt. Sie veröffentlicht auf Martin Hossbachs Label Martin Hossbach, von wo auch Michaela Meise kommt, die ich mit ihren Alexandra-meets-Nico-Indiechansons nicht weniger bezaubernd finde als mit ihrem aktuell neu aufgelegten „Preis dem Todesüberwinder“-Programm, worauf sie allein mit der Ziehharmonika antike Kirchenlieder im unmodernen Heilsarmee-Gewand bringt.

Die Berliner Festspiele präsentieren in einer zweiten Runde ihr mobiles Planetarium mit den Installationen und Konzerten des Projekts „The New Infinity“. Da es erst am Donnerstag vorgestellt wird, kann ich noch nicht viel über das neue Programm sagen. Aber beim letzten Mal fand ich die – gratis und auch kinderfreundlich – purzelnd immersive Installation des Computerdesigners David O’Reilly sowie Holly Herdons musikalisch-performerischen Beitrag im 360°-Setting sehr gelungen bis bewegend, ohne dass sie jeweils in die Falle von Erhabenheitskitsch gerieten, die angesichts der unendlichen Weiten von Sternenhimmel und virtueller Irrealität immer gähnend sich öffnet.

Richard Reed Parry von Arcade Fire ist ebenfalls auf dem Torstraßenfestival zu hören

Diesmal ist neben der ausgezeichneten Ambient-/Techno-Klangkünstlerin Dasha Rush und dem immer interessanten Robert Lippok (mit Visuals von Lucas Gutierrez) auch Richard Reed Parry, multiinstrumentaler Gitarrist von Arcade Fire, dabei. Der hat im Kunstmag Monopol anlässlich der Hamburger Aufführung („The New Infinity“ ist eine Koproduktion mit dem Hamburger Planetarium) folgendes zur Inspiration hinter Sound und Visuals gesagt: „Es geht um die intensive Erfahrung in einem beglückenden und Angst einflößenden Moment. Die Erde wird sich öffnen und dich verschlucken. Du wirst ins Meer gespült und steigst zu den Wolken auf, und dann kommen die Partikel wieder als Regen herunter. Alles geht ohne uns weiter.“ Wohl wahr.

Short but sweet: Der große House/Techno-Produzent Laurent Garnier kommt für ein DJ-Set in die Stadt. Ich würde ihn gern als atmosphärisch dichten Deep-House-Künstler ankündigen, aber gerade in den DJ-Programmen zeigt er eine planetariumswerte 360°-Vision, die seit 25 Jahren die endlosen Weiten der elektronischen Tanzmusik erforscht. Mit einem sehr immersiven Ziel: Sich im Tanzen zu verlieren.