Bei Hitze und Gewitter fand am Wochenende zum fünften Mal das Torstraßenfestival statt. In zehn verschiedenen Bars, Clubs und Galerien rund um die Torstraße konnten die Besucher am Sonnabend 35 verschiedene Bands, Künstler und Künstlerinnen begutachten. Wie jedes Jahr sollte die Einbindung verschiedenartiger lokaler Veranstaltungsorte Gentrifizierungs-Gräben überbrücken. Schön, dass der eher linksalternativ orientierte Ackerstadtpalast nach einer Pause im letzten Jahr wieder bespielt wurde – eben neben geschniegelteren Läden wie dem St. Oberholz.

Ebenfalls wie jedes Jahr ergab sich für die Besucher das Problem der Gleichzeitigkeit: Passend zur Multitasking-Existenz des kreativen Menschen im urbanen Spätkapitalismus musste man ständig bei mehreren Konzerten gleichzeitig sein – jedenfalls wenn man den Anspruch hatte, einen umfassenden Überblick darüber zu erhalten, was der popmusikalische Zweig der „internationalen Bartträger“ – so eine Freundin über das spätkapitalistische Berliner Jungkreativmilieu – eigentlich so macht.

Repräsentativ war somit die Berliner Band Deaths, deren Mitglieder aus Russland, Japan, Slowenien und Frankreich stammen. Im Roten Salon spielten sie auf abgedunkelter Bühne und erzeugten dabei eine kompetente Version jener fragil-verhallten Einsamkeits- und Todessehnsuchtsklänge, wie man sie etwa von The xx kennt. Etwas früher hatte man in der Gaststätte Prassnick den kanadischen Wahlberliner Jack Chosef mit gleichermaßen verhalltem Elektropop hören können, der an den großen nihilistischen Crooner John Maus erinnerte.

Das war hübsch, doch kam die Frage auf, ob es denn nicht doch langsam mal genug ist mit all dem modisch verhallten, postironischen Croonen in der Popmusik. Manchmal (es war sehr heiß!) verschwamm einiges, und man konnte sich nimmer erinnern, welchen Hall-Künstler man nun dieses und welchen letztes Jahr gesehen hatte – was vielleicht auch daran lag, dass die letzte Ausgabe des Festivals erst etwa neun Monate zurückliegt; aufgrund der wachsenden Berliner Festivaldichte am Sommerende war es in diesem Jahr vorverlegt worden.

Postrock-Elektronik, Punk und Folk

Es wurde auch verhallt geschrien, nirgends prächtiger als am Ende des Auftritts von Soft Grid, einem frisch gegründeten Berliner Trio, das man ebenfalls im Roten Salon bewundern konnte. Theresa Stroetges, Jana Sotzko und Sam Slater verbanden dabei kühle Postrock-Elektronik mit Spaß und Punk-Haltung, eine seltene Leistung! Stroetges war wenig später auf der selben Bühne mit ihrem Solo-Projekt Golden Diskó Ship zu sehen.

Verhalltes Trällern und Quieken hingegen wurde im Grünen Salon von Arone, der Sängerin des Duos Buke and Gase, dargeboten. Auf Saiteninstrumenten spielten die Brooklyner eine Art hektischen Prog-Folk fürs 21. Jahrhundert. Ungewollt verhallt hingegen war vermutlich die Stimme von Polina Lapkovskaja, der Sängerin der Münchener Party-Band Pollyester: Sie hatte wohl im hektischen Soundcheck vor ihrem Auftritt im Bassy Club um etwas Hall auf der Stimme gebeten und sehr viel mehr als nur etwas davon bekommen. Während der Schlagzeuger ordentlich Druck machte und sich der Keyboarder eindrücklich wie ein Hometrainer-Werbungsmann bewegte, klang Lapkovskaja wie ein Kindercartoon im Weltraum.

Die beste Auswärts-Band kam indes aus der Wutbürger-Stadt Stuttgart: Das Quartett Human Abfall verlegte den Hall von der Stimme auf die Gitarre und wummerte im tradierten Post-Punk-Stil großartige Wut-Musik ins Acud. Das Ganze kulminierte im wiederholten Bellen des schönen Wortes „Sicherheitsdienst“. Fantastisch! Wortbewusst war auch die Berliner Londonerin Xana, die sich im St. Oberholz Worte aus dem Publikum zurufen ließ, um diese dann zu frisch gelooptem Human Beatboxing zuFreestyle-Raps zu verarbeiten. In der Sparte „wortbewusst“ dürfen natürlich Liedkünstler wie Jens Friebe oder die romantische junge Gitarrenpoprockband Isolation Berlin nicht unerwähnt bleiben; beide spielten im besonders heißen Bassy-Club.

Viel gab es noch zu erleben – etwa den Community-Workshop-Space-Jazz von Idris Ackermore & The Pyramids im Roten Salon sowie das toll groovende Krautrock-Projekt Cavern of Anti-Matter um den ehemaligen Stereolab-Mann und Wahlberliner Tim Gane im Kaffee Burger. Aber nicht alles konnte begutachtet werden, die Fahrrad-unterstützten Multitasking-Skills des Korrespondenten sind eben auch limitiert. Am Sonntag kulminierte das Festival mit dem Auftritt der Young Fathers in der Volksbühne, dazu an dieser Stelle morgen mehr.