Berlins gesündestes Popmusik-Festival ist noch gesünder geworden! Bei der diesjährigen Ausgabe des Torstraßenfestivals, das am Samstagnachmittag und -abend kleine Veranstaltungsorte auf und in der Nähe der Torstraße in Berlin-Mitte bespielte, sind zwei neue Veranstaltungsorte in der Chausseestraße hinzugekommen; durch diese Expansion Richtung Westen haben sich die Distanzen, die zwischen einzelnen Konzerten abzuradeln waren, im Vergleich zu Vorjahren mitunter verdopppelt! Wie immer spielten viele Acts gleichzeitig, und um sich einen umfassenden Überblick über das Werk der in Berlin angesiedelten internationalen Jungkreativszene sowie einige ihrer externen Kontakte zu verschaffen, strampelten sich Ihr Korrespondent und Fotograf bei Gluthitze die Schenkel aus dem Leib!

Lucrecia Dalt im Grünen Salon

Vermutlich aufgrund eben dieses Wetters war das Festival etwas weniger gut besucht als in Vorjahren; schade, denn es handelte sich um eine besonders lohnende Ausgabe. Schon am frühen Nachmittag entlockte die Berliner Kolumbianerin Lucrecia Dalt im Grünen Salon der Volksbühne ihrem elektronischen Instrumentarium eine elegante Meditation; rhythmisierte Luftzüge und insektenhaftes Summen flimmerten in wackelige Synthesizer-Figuren hinein und evozierten Experimente von Delia Derbyshire und Laurie Anderson. Doch verlieh ihnen Dalt die melancholische Kälte, die viele kulturschaffende Reaktionen auf unsere aktuellen Verhältnisse charakterisiert.

Angeekelte Wutwallungen

Verärgerte Hitze hingegen beim Konzert der Indie-Band Trucks im Grünen Salon, die in der Chausseestraße 131 (so hieß der Laden!) spielte: Bei etwa 50 Grad kanalisierte das Quartett die frühe Hamburger Schule und skandierte zu Indie- und Postrock à la Slint nicht sehr gut verständliche Texte, in denen oftmals wiederholte Worte wie etwa „türkis“ mit besonders angeekelten Wutwallungen des zweifelsohne von seiner Entfremdung erzählenden Vokalisten bedacht wurden. Nett, wie die Jugend von heute so etwas immer noch als adäquate Reaktion auf (siehe oben) unsere aktuellen Verhältnisse ansieht, doch sehnte man sich dann doch bald nach etwas weniger Retroseeligkeit.

Klitclique im Roten Salon

Also schnell wieder alles zurückradeln zum Roten Salon der Volksbühne, um auf keinen Fall das Wiener Art-Rap-Duo Klitclique zu verpassen; wie die Damen G-UDIT und $CHWANGER zu Trap-Beats ihre Verachtung des männerdominierten Kunstbetriebs in Autotune-Kanäle hineinrappten, total schluffig und super-tight zugleich, war das Highlight des Tages. Besonders in der Forderung nach Literaturauszeichnungen für Stefanie Sargnagel die Worte „Ingeborg-Bachmann-Preis“, Südstaaten-Style mit Wiener Akzent gerappt – große Kunst, die sagte: Feminismus macht Laune! Auch über den Wiener Aktionismus mokierten sich die beiden, passend dazu gab es im Acud eine Nacktperformance zu Drone-Musik und viel Nebel – der chinesische Performancekünstler Tianzhuo Chen zeigte imaginäre Rituale, allerdings ohne Blut und Fäkalien wie damals in Wien.

Cuntroaches im Acud

Müll immerhin spielte nebenan im Konzertraum des Acud eine Rolle: Hier gab, an das Bandnamen-Vaginalthema der Klitclique anknüpfend, die Berliner Thrash-Punk-Metal-Formation Cuntroaches das lauteste Konzert des Tages, zu dessen Beginn Sängerin und Gitarristin Martina eine große Mülltüte Altpapier und Plastikabfall ausleerte. Darufhin verbrachte sie viel Zeit damit, im Müll herumzuwüten und bestialisch zu schreien. Auch das geht noch als Reaktion auf die Verhältnisse unserer Zeit durch.

Die ukrainische Band Nisantashi Primary School spielte im Café Burger

Viele Auftritte gäbe es noch zu besprechen, existierte der Platz: den ghanaischen Kologo-Spieler King Ayisoba im Ballhaus Berlin etwa, oder die ukrainische Band Nisantashi Primary School, deren Jeans-Team-trifft-Kreidler-Vibrationen im Kaffee Burger die Berliner Neunzigerjahre aufleben ließ, ganz zu schweigen von den eindrücklich jammerzarten Elogien von MIKEY oder Dan Bodan.

Jammern, wüten, rappen, radeln, und nur einmal Tinnitus-Lautstärke: Gesund und lehrreich war das Torstraßenfestival zweifellos auch in diesem Jahr.