Außen herum ist das natürlich alles beeindruckend. Es ist ein liebevoll detailreiches Haus aufgebaut, mit zehn Zimmern im Retro-Look (blassrote Sesselgarnitur, kaltblaue Fließen im Fitnesskeller). Es spielen 23 Darsteller mit. Es sitzen zehn Hauptverantwortliche an Computern und Mischpulten. Seit Mitte März wurde an der Gastspielstätte für das Theatertreffen draußen in den festspielfernen Rathenau-Hallen von Oberschöneweide gewerkelt. Was für ein herrlicher Luxus.

Auch eine Art Erlösung

Und Üppigkeit ist ja auch das Thema dieses dreistündigen Abends aus Dortmund. Das Theater will hier Gesamtgroßkunstwerk sein. Will Film, Musik, Schau- und Maskenspiel vereinen, lässt den Zuschauer zu zwei Seiten des Bühnenhauses sitzen (hier der Blick ins Innere, dort der auf die Straße davor), zeigt auf Leinwänden, was der Kamerawagen bei seiner steten Kreisfahrt einfängt (immer begleitet vom aufgeregten Oberspielleiter und Dortmunder Intendanten Kay Voges), befeuert das Publikum mit allerlei Zitaten (Goethe! Nietzsche! Deleuze!).

Die Inszenierung ist sehr samtig auf einen triefenden Klangteppich (Brahms! Bowie! Bach!) gebettet, bedient sich bei der guten alten Kraft des Wallfahrens und Gemeinschaftssingens (mit dem Ohrwurmsound der amerikanischen New-Wave-Truppe Tuxedomoon und ihrem Song „In A Manner of Speaking“), hantiert dabei mit allerlei Theaterinsiderhinweisen (Vinge! Marthaler! Schlingensief!) und will so in Szene setzen, was das Dasein im digitalen Zeitalter vorgeblich bedeutet, nämlich mentale Dauerüberforderung, Informations- und Reizüberschuss, der das Bewusstsein verbunkern und die Aggressionen wachsen lässt. Am Ende wird hier entsprechend geschossen und gestorben.

Brainwash-Theater

Das ist auch eine Erlösung von einem Brainwash-Theater mit hypnotischen Wirkungen. Von den zu Beginn ausgegebenen Regeln soll die fünfte die wahrnehmungswegweisende sein: „Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben. Wie auch sonst im Dasein.“ Klingt toll.
Nur stimmt das nicht. Es stimmt nicht, dass das Dasein im schieren Erleben aufgeht.

Es stimmt auch nicht, dass diese unsere Gegenwart das erste Zeitalter ist, das unter Bild- und Informationsübermaß leidet (manchmal hülfe ein bisschen historisches Bewusstsein dem Theater eben doch). Es stimmt auch nicht, dass es hier nichts zu verstehen gäbe.

Behauptungen

Die Theatertreffen-Jury behauptet von diesem Abend, dass er eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse sei, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Stimmt auch nicht.

Denn eine Reflexion ist das gerade nicht, sondern stumpfe Gegenwartsbeschwörung, eine Anbetung der Gleichzeitigkeit. Das ergibt ein Total-Theater, das nie auf den Gedanken kommt, seine eigene Weltwahrnehmung zu hinterfragen, das die Rede von der medialen Überforderung blindlings wiederkäut, das Wirklichkeitsabmalen schon für Gestalten, das Zitieren bereits für Begreifen hält. Das zudem mit philosophischen Brocken würfelt, bei denen man lieber nicht genauer nachfragen sollte, was sie bedeuten. (Was tut da die Frau in Burka? Was soll diese Schar von Lolitas, was der häufige Hinweis auf die Schöpfungsgeschichte?)

Im Mulm gewühlt

Wühlt man damit nicht eher in reaktionärem Mulm als das digitale Dasein zu erfassen? Ist dieses schiere Entgegensetzen von Erleben und Verstehen nicht selbst schon eine politisch aufgeladene Behauptung und keineswegs bloß eine Zustandsbeschreibung? Ich fürchte das. Und was wird eigentlich gewollt, wenn man glaubt, den Zuschauer in seinem vermeintlichen Daseinsempfinden abholen zu müssen, um ihn in eben diesem Empfinden fortwährend zu bestätigen? „Ein Loop um das, was uns trennt“ ist der Untertitel dieser Inszenierung. Ihr Ziel aber ist, uns in eine homogene Gefühlsmasse zu verwandeln.