Köln - Ja, das Lied singt er auch. Zuerst nur von einer traurigen Trompete begleitet, denn, sagt Boy George, über die Jahre sei der Song zu einem Blues geworden. Dem Blues seines Lebens. Und seine Stimme klingt nach Leben – keinem Leben in der Vorstadt, sondern mit Heroin, Sexskandalen und Haftstrafen - ist dunkler, belegter als in den Jahren des  ersten Ruhms. Aber immer noch schön und voller Persönlichkeit. Dann steigt die ganze Band ein, und plötzlich ist es wieder 1982.

Sowieso ein sehr gutes Jahr für die Popmusik und für Boy George der Moment, in dem er mit seiner Band Culture Club aus der Londoner New-Romantic-Szene plötzlich in jedes Kinderzimmer der westlichen Welt katapultiert wurde. „Do You Really Want To Hurt Me?“, lautete die Frage. Und wir hatten sie damals rundheraus mit „Nein“ beantwortet, völlig hingerissen von dem charmanten Zwischenwesen, das dort sein Liebesleid zum jamaikanischen Offbeat klagte.

David Bowie und Grace Jones mögen Jahre zuvor mit ihrem jeweiligen androgynen Image gespielt haben, aber Boy George spielte nicht, er war einfach so wie er war, ein exhibitionistisches Mauerblümchen, ein bezopfter Mann mit Hüftschwung, eine Dame mit überschminkten Bartschatten. Im Kölner Gloria-Theater trägt er, 32 Jahre später, nun wirklich Bart, konterkariert von Liz-Taylor-artigen Augen-Make-up mit Applikationen aus Blattgold. Dazu schwarzen Hut, schwarzes Jackett und eine Art Hosenrock im orangenen Camouflage-Stil. Er folgt also immer noch seinem inneren Stilberater.

Schlank und offenbar drogenfrei

Das Publikum besteht zu 90 Prozent aus der LGBT-Crowd. Hella von Sinnen drängt sich durch die ersten Reihen, im astronautensilbernen Overall,  eine gut gelaunte Kanonenkugel, bewundernd zur Bühne blicken, wie alle anderen auch. In den 80ern war Boy George eine Pop-Ikone auch für Heranwachsende, die keinen Gedanken daran verschwendeten, welchem Geschlecht der Sänger denn nun zugeneigt sei. Er war anders als die anderen und trug das mit lässiger Selbstverständlichkeit zur Schau.

Auch 2014 scheint ein gutes Jahr für den 52-jährigen Boy zu werden, er ist wieder schlank und offensichtlich drogenfrei, sein aktuelles Album „This Is What I Do“ ist durchwegs positiv besprochen worden und selbst das Touren mit Nightliner und die Auftritte in kleineren Clubs scheinen ihm Spaß zu machen. Was noch lange nicht heißt, dass er sich alles gefallen lässt. Gleich beim dritten Song, seiner reggaefizierten Version des Bread-Klassikers „Everything I Own“, unterbricht er seine Band und schimpft über die hochgehaltenen Smartphones. Man könne diesen verdammten Augenblick nun mal nicht festhalten. Auch nicht mit Handykameras, doziert der Altstar. Ob man ihn nicht einfach zusammen genießen könne? Es ist ein Kampf gegen digitale Windmühlen. Aber er hat ja so Recht.

Danach läuft das Konzert störungsfrei und zumeist im Reggae-Rhythmus weiter. Einmal, bei „It’s Easy“ wagt sich Boy George gar in entspannte Country-Gefilde. Und wer hätte schon gedacht, dass diese Ikone schwulen Glams nur zur Gitarrenbegleitung Bob Dylan covern würde? „It Ain’t Me, Baby“ singt er mit Hingabe und ohne den Zynismus des näselnden Meisters. Dann gibt es noch ein paar Culture-Club-Klassiker, „Victims“ und „Karma Chamäleon“ – und die Gewissheit, dass man seinem Karma als drogengebeutelter Ex-Star noch einmal entkommen kann.