Köln - Wie Sinatra im Sands, wie Elvis im International Hotel beweist Justin Timberlake, dass die Las-Vegas-Phase einer großen Showbiz-Karriere nicht unbedingt mit dem künstlerischen Niedergang gleichzusetzen ist. Mädchen, die sich auf die Unterlippe beißen, während Wimperntusche wasserfallartig die Wangen herunterläuft, das ist längst vorbei. Ebenso die Phase des künstlerischen Freischwimmens. Die Marke ist gesetzt, für den neuen Sound sind Andere, Jüngere zuständig. Und dennoch, gibt es etwas Aufregenderes, als einem Künstler zuzuschauen, bei dem alles wie ein Spiel erscheint, was die Nachfolgenden noch Blut, Schweiß und Tränen kostet? Der Charisma beiläufig aus den Ärmeln seines Tom-Ford-Anzugs schüttelt?

Am Ostersonntag jedenfalls verwandelte Justin Timberlake die Kölner Lanxess Arena für gut zwei Stunden, eine Pause nicht mit eingerechnet, in den Konzertsaal eines Spielcasinos, ließ Klappsitze, Betonstufen und Plastikbecherbier vergessen und überantwortete die wuchtige Mehrzweckhalle einer schimmernden, augenzwinkernden Geschmeidigkeit.

Die zunächst leere Bühne wird von einer eierschalfarbenen Wand im Bienenwabenmuster abgeschlossen, es setzt sich noch oben als Decke fort, und erinnert ein bisschen an eine ins Gigantische aufgeblasene Kulisse einer Fernsehshow aus den 1970ern, die „Dean Martin Show“ oder „Musik ist Trumpf“. Hier dient sie als riesiger LED-Schirm, der Live-Bilder mit schicken, monochromen Animationen und Video-Ausschnitten mischt.

Und dann steht er auch schon auf der Bühne, hat den ganzen Weg vom Mickey-Mouse-Club zum Boyband-Mitglied, zum R'n'B-Sänger, zum Hollywood-Star beschritten, um hier, im perfekt sitzenden Smoking, eine Arena mit staunenden Gesichtern zu füllen und im Schein der Smartphonedisplays zu baden. Er singt die ersten Zeilen von „Pusher Love Girl“, von „Rock Your Body“, während seine Band aus der Unterbühne hochgefahren wird, die Blechbläser und die Background-Sänger jeweils hinter Schildern stehend, auf denen glitzernd die Initialen „JT“ prangen, wie sich das für ein Show-Orchester gehört. Sie spielen auf Hochdruck, all die Songs, die die Liebe mit sich bringen: „My Love“, „Like I Love You“, „Summer Love“, „LoveStoned“, „FutureSex/LoveSound“.

Der beste Tänzer aller Popgrößen

Timberlake tanzt dazu fast mehr als er singt, warum auch nicht, er ist ja auch von allen Popgrößen der beste Tänzer, andere können da nur traurig hinterher staksen. Und zu sagen gibt es ja nicht viel, es wird eben Liebe gemacht. Rhythmisch, athletisch, elegant, aber ohne langes Vorspiel, nur unterbrochen von ein paar deutschen Begrüßungsworten, die der Sänger charmanterweise auswendig gelernt hat. Diese erste Hälfte der Show überrollt das Publikum wie eine Tsunamiwelle, türmt sich schließlich zu einer epischen Version von „Cry Me A River“ auf, mit „Smells Like Teen Spirit“-Intro und ein paar eingestreuten Jay-Z-Versen. Erinnert sich noch irgendjemand daran, dass Timberlake dieses Lied für seine erste große Liebe schrieb und dass diese Liebe Britney Spears heißt? Heute ist Spears, ausgelaugt und abgewrackt, tatsächlich in Las Vegas angekommen, wo sie 50 Konzerte im Jahr gibt, in der heutigen, trüben Version der Wüstenstadt.

Timberlake dagegen läuft nach der Pause zur Form seines Lebens auf, stellt die 16-köpfige Band immer wieder scherzhaft als „JT and the Tennessee Kids“ vor, huldigt seinen Südstaatenwurzeln in Memphis auch mit einer Coverversion von Elvis' „Heartbreak Hotel“, mit umgehängter Gitarre, allein auf einer kleinen Bühne im hinteren Teil der Halle stehend. Wie er dahin gekommen ist? Auf angemessen spektakuläre Weise. Auf einem Laufsteg, hydraulisch angehoben und einmal durch die ganze Länge des Innenraums gefahren, über den Köpfen des Publikums tanzend, die links und rechts Sitzenden aus nächster Nähe zuzwinkernd. Nun fühlt sich endgültig jeder als Teil einer einzigen großen Entertainment-Wabe, Timberlakes Falsett wie süßen Nektar aufsaugend.

Auf Elvis folgt der andere Leitstern des Sängers, Michael Jackson, und die Interpretation von „Human Nature“ ist selbstredend hinreißend, wird nur noch getoppt vom eigenen „What Goes Around . . . Comes Around“. Die Background-Sänger umrunden die hintere Bühne wie ein Dolby-Surround-System, in der Mitte klagt Timberlake sein Liebesleid. Nein, für echten Schmerz ist an so einem Casino-Abend kein Platz. Aber für ausgeklügelten Pop, wie ihn in diesem Jahrtausend noch niemand besser hinbekommen hat.

Der Rest der Show - unter anderem „Suit & Tie“, „SexyBack“, ein Cover von Kool & The Gangs „Jungle Boogie“ - verfliegt im guten Groove. Zum Abschluss, als Cocktail-Kirsche, singt Justin Timberlake noch seine Power-Ballade „Mirrors“, lässt dem Pathos, das er zwei Stunden lang zurückgehalten hat, freie Fahrt, und 15.000 Zuschauer singen mit, geschüttelt und endlich auch gerührt. Am Dienstag, beim zweiten ausverkaufen Kölner Konzert, werden es wieder so viele sein. Und Justin Timberlake wird einmal mehr den Standard in perfekter Abendunterhaltung setzen, wie einst Sinatra und Elvis Presley.