Früher lief oft Herr Neumann durch unsere Straße. Und zwar hin und her. Er murmelte zumeist, zuckte immer wieder und schrie manchmal explosiv einige Schimpfworte. Herrn Neumann gehörten mehrere Häuser in der Straße, hatte mir die Friseurin einmal gesagt. Er verwalte sie gemeinsam mit zwei Brüdern und habe auch eine Frau und Kinder. Auf der Straße aber sah ich ihn immer allein.

Mit drei Menschen wie Herrn Neumann, Menschen mit Tourette-Syndrom, hat Helgard Haug vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll jetzt ein Stück gemacht. „Chinchilla Arschloch, waswas“. Die Premiere war Mitte April in Frankfurt am Main. Das zwanghafte Ausstoßen von Beleidigungen und Obszönitäten gehört nicht notwendig zu dieser Nervenstörung, ist aber das bekannteste, weil gefürchtetste Symptom. Denn was macht man, wenn in der U-Bahn plötzlich vulgär attackiert wird? Ignorieren? Zurückpöbeln? Beruhigend sagen: „Na, na“?

In der Theaterarbeit von Helgard Haug treten drei Experten des Tourette-Alltags auf: der Web-Designer Christian Hempel, der Musiker und Altenpfleger Benjamin Jürgens und der SPD-Politiker Bijan Kaffenberger. Alle drei gehen offen mit ihrem Syndrom um und haben Medienerfahrung.

„Chinchilla Arschloch, waswas“ thematisiert die Angst vor der Entgleisung

Jetzt stehen sie gemeinsam auf der Theaterbühne, dem Refugium der Körper-und Textkontrolle und der absolut verlässlichen Absprachen unter Kollegen. Tics indessen sind der Inbegriff der Entgleisung. Dass es in „Chinchilla Arschloch, waswas“ eigentlich nicht um das Tourette-Syndrom gehe, wie der Pressetext versichert, glaubt man sofort. Das Stück handle „vom Publikum, vom Theater und der Angst vor dem Kontrollverlust“.

Am gleichen Ort hat einige Tage später „De Living“ (Das Wohnzimmer) vom NT Gent seine deutsche Premiere. Das NT Gent, NT wie Niederländisches Theater, wird seit 2018 von dem Schweizer Regisseur Milo Rau geleitet, der sein Amt mit einem Manifest im Gepäck angetreten hat, das ihn offenbar davor bewahren soll, einfach ein weiterer Stadttheaterintendant zu werden und das NT Gent zu nichts weniger als einem Modell für ein Stadttheater der Zukunft machen soll.

Der Zehnpunkteplan schreibt unter anderem fest, dass literarische Adaptionen „verboten“ sind. Vielmehr müssten 80 Prozent des verwendeten Textes neu erarbeitet werden, wobei die Autorschaft als kollektive anzusehen sei.

"De Living" - Ersan Mondtag musste nach den zehn Geboten des NT Gent arbeiten

Auch müssen mindestens zwei Sprachen auf der Bühne gesprochen werden, mindestens zwei der Darsteller müssen Laien sein, ein Viertel der Probenzeit soll außerhalb des Theaters stattfinden, und mindestens eine Produktion jeder Saison soll in einer Konflikt- oder Kriegszone ohne jede kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden. Das „oder“ finde ich in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert.

Insgesamt scheint Rau darauf zu bauen, dass, wenn man alle Heiligen Kühe des deutschsprachigen Staats- und Stadttheaters schlachtet, sich die ästhetische Avantgarde schon irgendwie einstellen werde. Hat er daran gedacht, dass man von Türen, die man zuhält, selbst nicht wegkommt?

Wie der Berliner Regisseur Ersan Mondtag die Auflagen erfüllt hat, kann man ab Mittwoch nachzählen. Der Punkt mit den beiden Laien auf der Bühne (der nebenbei auch den Monolog als Form-Möglichkeit erledigt) kann schon mal abgehakt werden: Doris und Nathalie Bokongo Nkumu, die in „De Living“ spielen, sind aus der Hip-Hop-Szene kommende Tänzerinnen und Choreographinnen aus Brüssel.

Müssen weibliche Figuren in Stücken des Kanons am Ende eigentlich immer sterben?

In dem Stück, das Mitte Mai Premiere hatte, soll der weibliche Selbstmord des dramatischen Kanons infrage gestellt werden. Hätten Antigone, Ophelia oder Hedda Gabler wirklich so weit gehen müssen? „De Living“ zeigt als einziges Geschehen offenbar Vorbereitungen für einen (Doppel-)Selbstmord, aber bewusst ohne zu erzählen, aus welchem Kontext heraus er erfolgen wird.

Kontextloses Abschiednehmen einer Frau von sich selbst im Wohnzimmer – mich persönlich erinnert das ja an „Wunschkonzert“ von Franz-Xaver Kroetz. Aber einfach dieses Stück zu inszenieren, wäre nicht nur wegen des Kanon- und Solo-Verbotes ja gar nicht gegangen. Man hätte auch eine Möglichkeit finden müssen, in mindestens zwei Sprachen zu schweigen.