Berthold Seliger ist Tournee-Veranstalter mit Sitz in Berlin, der zu allem eine Meinung hat. In den 1980er-Jahren war er Politiker der Grünen in Hessen, dann verließ er die Partei, doch von kommunaler Kulturpolitik versteht er bis heute mehr als die meisten Abgeordneten. Auch über kulturelle Belange der Bundespolitik könnte er Stunden referieren. Seine Energie und das akkumulierte Wissen fließen in Texte für Medien sowie in launige Rundbriefe an seine Anhänger. Aber eigentlich geht Seliger, 53, ganztags und meist auch nächtens dem Geschäft des Konzertveranstalters nach. Zum Jubiläum veranstaltet er ein Festival in der Zitadelle.

Herr Seliger, Sie haben im Sommer 1988 Ihr erstes Konzert organisiert. In Ost-Berlin pilgerten damals 160.000 Menschen zu Bruce Springsteen, aber Sie waren in Fulda – haben solche Ereignisse Sie überhaupt erreicht?

Aber ja, ich arbeitete mit dem Toningenieur Horst Bernhard zusammen, dessen Tochter bei Springsteen auf der Bühne getanzt hat. Ich wollte damals als Veranstalter die Kultur nach Fulda holen, die mir dort fehlte. Natürlich eine Schnapsidee, es gab ja Gründe, dass die fehlte – die wollte keiner hören. Ich habe viel Lehrgeld gezahlt. Damals haben wir – friedenspolitisch engagiert im grenznahen Gebiet – auch ein paar DDR-Liedermacher eingeladen. Leute, die eine andere DDR wollten. Ich hatte also neben Gerhard Polt auch Barbara Thalheim oder Gerhard Schöne auf der Bühne. Dazu Stephan Krawczyk, was aber der DDR-Künstleragentur verheimlicht werden musste, weil der ja inzwischen im Westen lebte. Also, in Fulda hat uns die DDR schon durchaus beschäftigt.

Besucher-Massen interessieren Sie aber bis heute nicht. Sie ziehen die kleinen Hallen dem Stadion vor. Warum wollen Sie nicht reich werden, verweigern Sie sich dem Wachstumsgesetz des Kapitalismus?

Gar nicht! Ich liebe die Gesetze des Kapitalismus! Meine Künstler von Pere Ubu bis Van der Graaf Generator sollten in der Waldbühne spielen und von 20.000 Leuten gehört werden. Ich staune, dass das noch nicht geklappt hat. Nein, im Ernst: Unser Ziel ist durchaus nicht das Verbleiben in kleinen Klubs – wobei man dort dank der Nähe zu den Künstlern und der unverwechselbaren Stimmung oft die besten Konzerte erleben kann.…

Sie veranstalten nur Musik, die Sie mögen.

Sicher, das ist das Prinzip meiner Agentur. Es ist dann oft ein langer Weg, auch andere davon zu begeistern. Aber so erfolglos bin ich auch nicht. Tortoise habe ich als Tourveranstalter übernommen, als sie kein Mensch kannte, das ist eine schwierige, anspruchsvolle Musik, aber plötzlich ging sie in die Charts und tausend Leute kamen, auch schön.

Nicht alle, denen Sie auf den Weg geholfen haben, sind treu geblieben – weil das Geschäft ist, wie es ist?

Ich erlebe immer noch starke Loyalität der meisten Künstler. Aber es hat sich schon gewandelt. Früher gab es eine größere Loyalität, vor allem aber andere Strukturen. Inhabergeführte Agenturen mit Leuten, die gebrannt haben für die Musik, die sie vertraten. Dann kam CTS dazu, zunächst eine Ticketfirma, die später Tournee-Veranstalter aufkaufte, Lieberberg, Semmel, Rieger. Firmen wie Live Nation, CTS, Deag sind Konzerne und Aktiengesellschaften, sie müssen Profit machen. Sie haben andere Interessen als Firmen, die Konzerte unter ausschließlich künstlerischem Aspekt veranstalten.

Wie groß ist der Goliath?

Das Marktverhältnis ist vielleicht 90 zu 10. Wie bei den Indies im Plattenbereich: Drei Weltkonzerne decken 80 Prozent der Musikproduktion ab. Der Rest teilt sich auf. Eine anspruchsvolle, interessante, sich irgendwie anders definierende Musik ist früher bei den sich ebenfalls irgendwie anders definierenden Tourveranstaltern gelandet, heute landen diese Bands auch meistens bei den Großkonzernen.

Sie beklagen, dass so die Vielfalt der Kultur in Gefahr gerate. Das wirkt wie kulturpessimistische Attitüde – man gewinnt doch den Eindruck nie dagewesener Genre- und Künstlervielfalt, wenn man sich nur den Berliner Konzertkalender ansieht.

In Berlin, ja, aber wo wird denn diese Vielfalt in den Medien abgebildet? Das Pop-Feuilleton der Berliner Zeitung ist die Ausnahme, das findet sonst kaum irgendwo statt. Die Radiolandschaft besteht überwiegend aus Formatradio, im Fernsehen herrscht Quotenterror. In der ARD gab es gerade zur besten Sendezeit eine Helene-Fischer-Show, danach ein Porträt, das wirkte wie ein Werbebeitrag. Offenbar interessiert das die Leute. Gut, dann sendet aber bitte eine Woche später das Gleiche über interessanten amerikanischen HipHop, über Indierock, Dubstep und klassische Musik. Dass mal jemand eine unbekannte Band veranstaltet oder im Radio spielt, weil er an die glaubt, wo gibt es das noch?

Bei den Konzertveranstaltern ist das generell so?

Mein Modell ist jedenfalls auf Nachhaltigkeit und Langfristigkeit ausgerichtet. Wenn ich mich für eine Band wie Lambchop entscheide, dann, weil ich an deren Qualität glaube. Die ersten drei Tourneen waren die personifizierte Erfolglosigkeit, aber nach fünf, sechs Jahren wurden die plötzlich in England und Norwegen berühmt, nach zehn Jahren endlich in Deutschland. Das war ein schönes Gefühl für einen, der sich als Kulturvermittler versteht.

Sie müssen Verluste einplanen. Künstler und Kulturarbeiter verdienen ja gewöhnlich lausig – können Sie Ihre Leute anständig bezahlen?

Ich denke doch. Ich zahle jedenfalls nur volle Festgehälter mit korrekter Sozialversicherung. Keine Scheinselbstständigen, die sich irgendwie prekär durchschlagen müssen. Praktikanten nehme ich allenfalls studienbegleitend für 400 Euro. Wir arbeiten zu dritt, das glaubt einem fast keiner bei bis zu 300 Konzerten im Jahr. Als Unternehmer kann ich mich selbst ausbeuten, wenn es mal nicht läuft. Ich fahre Fahrrad, brauche keinen Luxus. Die Prekarisierung in der Musikbranche geht letztlich zurück auf verantwortungsloses Business.

Gerade kleinere Veranstalter scheinen immer mehr und mehr Konzerte zu machen, mit unendlich vielen Praktikanten. Das wirkt nicht wie ein stabiles Modell.

Nein, das ist oft Manchester-Kapitalismus. Die Agenturen nehmen viele Bands unter Vertrag und gucken, was läuft, wer übrig bleibt. Ich mache möglichst wenige Bands, die aber richtig, und sorge dafür, dass die Bands von ihren Konzerten möglichst auch leben können. Die Bands sollen sich auf uns verlassen können.

Viele Veranstalter klagen , dass manche Konzerte nur in Berlin gehen.

Berlin ist mittlerweile der mit Abstand stärkste Konzertmarkt, ganz anders als noch in den Achtzigern und Neunzigern. Aber selbst Berlin wäre auch heute für eine bestimmte Sorte Musik undenkbar ohne etwa das Berghain. Es kommt auf kontinuierliche Angebote an, auf Veranstaltungsorte, auf eine „Szene“. Man kann ja nicht einfach im luftleeren Raum Konzerte anbieten.

Sie kommen aus der Politik, was würden Sie als Kultursenator abschaffen?

Wieso nur Senator? Ich hatte gehofft, Sie würden mir den Bundeskulturminister anbieten, allerdings mit weitergehenden Kompetenzen als der jetzige Amtsinhaber. Dann würde ich Verdummungsmaschinerien wie das Privatfernsehen oder Facebook abschaffen. Aber wirklich nur Senator? Dann müsste ich als erstes gegen die Prekarisierung vorgehen, für stabile und bezahlbare Mieten, für Mindestlöhne und Mindestgagen sorgen. Vor allem aber würde ich mich für eine flächendeckende musikalische Ausbildung einsetzen. Jedes Kind sollte ein Instrument lernen, es braucht Musikunterricht von der ersten bis zur letzten Klasse. Junge Menschen müssen die Möglichkeit haben, selbst Musik zu machen, brauchen das Handwerkszeug, um Bach, Miles Davis oder Dubstep beurteilen zu können. Sicher gibt es so viel Musik wie nie, aber wer hat denn die Möglichkeit, die zu verstehen? Wer von der Ausübung und der Aneignung von Kultur ausgeschlossen ist, dem fehlt in der Regel auch das Bewusstsein, ausgeschlossen zu sein. Aber man muss nicht auf Justin Bieber reinfallen. Man kann lernen, künstlerische Qualität zu erkennen – der Rest ist Geschmackssache.

Sie gelten als einer der schärfsten Gema-Gegner, wollen Sie eine reformierte Urheberrechtsgesellschaft oder gar keine?

Ich kann mir auch eine Welt ohne Gema vorstellen. Eine Welt mit bedingungslosem Grundeinkommen, in der Künstler sich zusätzlich Geld mit Konzerten oder Platten verdienen. Warum muss das über eine Gesellschaft mit bürokratischem Wasserkopf und undemokratischen Strukturen erfolgen mit einem Modell, das vor allem die Großkünstler bedient? Es ist falsch, Kultur nur nach Masse zu definieren. Kafka hatte zu Lebzeiten Auflagen von 800 bis 2 000 Büchern, ganz erfolglos. Wer nimmt sich heute solcher Kleinauflagen an? Geht es um Masse oder um Qualität? Um Vielfalt zu erhalten, sollte es viele Bezahlsysteme geben, unabhängig von der Quote, die heute alles diktiert. Wir haben ja eine Struktur mit umfassendem Urheberrecht, mit Gema und allem, was sich die Verwertungsindustrie so vorstellt – und dennoch liegt das Durchschnittseinkommen von Musikern laut Künstlersozialkasse bei nur 1000 Euro, während die Gema-Bosse mehr verdienen als die Bundeskanzlerin, und während der CTS-Chef neuerdings von Bloomberg als Dollar-Milliardär geführt wird. Ganz offensichtlich funktioniert das bestehende System nur für einige wenige, nicht aber für die übergroße Mehrheit der Musiker. Und weil das so ist, kann man doch nicht so tun, als ob alles in Ordnung sei und man alles so lassen kann, wie es ist.

Viele Künstler tun immer ganz erstaunt, wenn sie hören, was ihre Konzerte an Eintritt kosten.

Manche tun so, ja. Aber es geht auch anders. Bei Calexico könnten wir als Veranstalter 50 Prozent mehr verlangen, aber die Band will nur 26 Euro. Herbert Grönemeyer schaut auch auf günstige Ticketpreise. Und gerade war Kid Rock gegen den Wucher bei Ticketpreisen erfolgreich – und hat Live Nation auf Kartenpreise von 20 Dollar statt 50 runtergehandelt, all inclusive ohne zusätzliche Gebühren. Dann hat er 50 bis 100 Prozent mehr Karten verkauft, letztlich mindestens genauso viel verdient, sich aber mit diesen fairen Preisen gegen den mächtigen Ticketkonzern durchgesetzt. Künstler sind die Einzigen, die an dem Geschäftsgebaren auf dem Konzertmarkt etwas ändern könnten. Sie haben die Macht.

Das Gespräch führten Birgit Walter und Jens Balzer.