Über „Oceane“, die neue, am Sonntag an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführte Oper von Detlev Glanert, lässt sich viel Gutes sagen: Das Stück ist nicht zu lang, zwei Stunden mit Pause, und langweilt nicht. Es erfindet die Oper nicht neu – Beat Furrer behauptete etwa bei der Uraufführung von „Violetter Schnee“ an der Staatsoper Unter den Linden, dies sei die erste reine Ensemble-Oper, was das Stück nicht interessanter machte. Und „Oceane“ wälzt auch keinen exzeptionell grandiosen Stoff – so wie Jörg Widmanns ebenfalls an der Staatsoper gespieltes „Babylon“ auf ein Libretto des obligat vollmundigen Peter Sloterdijk.

Oceane: Eine geheimnisvolle junge Frau

„Oceane“ beruht auf einem Romanfragment von Theodor Fontane und wurde von Hans-Ulrich Treichel zum Libretto bearbeitet. Es geht um eine geheimnisvolle junge Frau namens Oceane von Parceval, die die Gäste eines heruntergekommenen Strandhotels an der Ostsee irritiert. Der junge Geschäftsmann Martin von Dircksen verliebt sich in sie. Beim gemeinsamen Gesellschaftstanz gerät Oceane in wenig gesellschaftstaugliche Raserei und wehrt Martins Werben ab.

Als am nächsten Morgen nach einem Sturm ein toter Fischer am Strand gefunden wird, reagiert Oceane auffällig empathiefrei; mit einem Mal lässt sie sich auf Martins Antrag ein – aus dem Bedürfnis heraus, „normal“ zu erscheinen? Aus Neugier auf das, was die Leute „Gefühle“ nennen? Alsbald löst sie das, was Martin als „Verlobung“ missversteht. Allerdings nur durch hartnäckiges Schweigen, das die Gesellschaft als abnormes Verhalten einstuft und die Frau aus ihren Reihen ausstößt.

Was sind Gefühle?

Die Oper beginnt in der Inszenierung von Robert Carsen bei geschlossenem Vorhang, mit Frauenstimmen aus dem Graben, mit der zunächst unscharfen, dann immer deutlicheren Projektion eines Frauenkopfs, in dessen herangezoomten Auge man das Meer wogen sieht. Die Stimmen schaukeln sich mit dem Orchester zu einem beeindruckenden Naturklang auf. Oceane ist eine Art Melusine, ein Elementarwesen, das Anschluss an die Menschen sucht und zurück muss in ihre Welt.

Wenn die Frau nicht zu Willen ist, wird sie herabgestuft zu einer nicht ganz menschlichen Lebensform: Außerhalb des konservativen Opernbetriebs führt derlei von männlichem Begehren bestimmtes Frauenbild mittlerweile schnell zu Widerstand – aber welche Frauenfigur in der Oper wäre keine männliche Projektion? Wagners Erlöserinnen, Verdis Töchter, Puccinis einfache Mädchen, Janáceks unterdrückte Frauen, Bergs Lulu: Lauter Opfer männlichen Trieblebens, mal offen, mal verleugnet in der Idealisierung zur „hohen Frau“.

Destilliertes Schema: Tenor begehrt Sopran

Auch in dieser ideologischen Hinsicht bekennt sich Glanert zur Oper des 19. Jahrhunderts: Zu einer Gattung, in der ein Tenor einen Sopran begehrt und am Ende nicht bekommt. Dieses Schema erscheint in „Oceane“ gleichsam destilliert, es wird nichts angelagert, was man als „Geschichte“ bezeichnen würde: Weder sind gesellschaftliche Schranken zu überwinden, noch Nebenbuhler aus dem Feld zu schlagen.

Die gesellschaftliche Staffage um das Hotel der Madame Luise, der das Geld für den Betrieb ausgeht, samt Pastor Baltzers düsteren Reden vom Zorn Gottes: Sie wirft dramaturgisch keinen Nutzen ab, sondern scheint vor allem nötig, um die Oper konventioneller wirken zu lassen.

Großer Applaus für alle Mitwirkenden von „Oceane“ 

Die burlesken Gesellschaftsmomente schaffen Kontrast zu den ernsten Szenen und geben Gelegenheit zu Chören und Ensembles. Die Tanzszene mit Kapelle auf der Bühne spielt auf vergleichbare Szenen in „Don Giovanni“ oder „Wozzeck“ an. Wenn Oceanes Tanzrausch wenig Ekstase verbreitet, sondern in einem groben Walzeridiom steckenbleibt, scheint der Komponist gefangen in seinen stilistischen Maskierungen, die er ansonsten virtuos handhabt.

Die Aufführung, vom Publikum mit großem Applaus für alle Mitwirkenden und vor allem auch Detlev Glanert bedacht, lässt kaum Wünsche offen: Carsens Regie vermittelt das Stück visuell stark vor grau brauender Meereskulisse und in der Personenführung so schlüssig wie lebendig, Donald Runnicles sowie Chor und Orchester der Deutschen Oper entfalten den klanglichen Reichtum der Partitur zwischen Tuttisturm und zarten Gespinsten. Maria Bengtsson versieht die Titelpartie klangschön und geheimnisvoll, Nikolai Schukoff singt den Martin mit großem Engagement, das nicht nur angesichts der hohen Lage seiner Partie nötig ist, Albert Pesendorfer gibt dem Pastor imponierende Düsternis. Wunderbar ist die Besetzung der Madame Luise mit Doris Soffel: Ironie, Überheblichkeit, Sorge – all das vermittelt diese große Sängerin mit einer reich gefärbten und souverän darstellenden Stimme.

Oceane 3., 15., 17., 24.5., 19.30Uhr, Deutsche Oper, Karten unter Tel.: 34384343 oder im Internet: deutscheoperberlin.de