Wer ein Buch liest, tut das, um sich von der Arbeit zu erholen, der Welt zu entfliehen, stimmt’s?

Nicht, wenn man ein Buch auf dem Kindle-Reader von Amazon liest. Da macht einen der ehedem kontemplative Akt des Lesens zu einem geschäftigen Heloten in den Datenminen des Internet-Unternehmens. Per Nutzungsbedingungen genehmigt sich die Firma das Recht, das Leseverhalten seiner Kunden zu beobachten und aufzuzeichnen: Wie lange braucht der Leser, um ein Buch zu lesen? Welche Stellen überspringt er, welche streicht er an? Mit solchen Erkenntnissen will man zukünftige Bücher verbessern. Bis vor Kurzem präsentierte Amazon seine Einsichten darüber, welche Buch-Passagen besonders oft angestrichen wurden, sogar noch stolz auf seiner Website.

Wie solche leseverhaltensoptimierten Bücher aussehen dürften, kann man in der Installation „Networked Optimization“ von Sebastian Schmieg und Silvio Lorusso sehen, die beim Medienkunstfestival Transmediale im Haus der Kulturen der Welt gezeigt wird. Die beiden Künstler haben drei Bestseller aus dem Amazon-Sortiment so nachgedruckt, dass nur die Stellen übrig geblieben sind, die sich besonders viele seiner Leser angestrichen hatten. Wenn man sich für andere interessiert, interessieren die sich auch für einen selbst, war eine der Einsichten aus einem Internet-Marketing-Ratgeber, die sich besonders viele Leser markiert hatten.

Das passt zu einer Veranstaltung, die uns dazu bringen will, uns für diejenigen zu interessieren, die sich brennend für uns und unsere privatesten Informationen interessieren. Nicht nur Geheimdienste wie die NSA, sondern auch Firmen wie Facebook, Google oder eben Amazon wollen so viel wie möglich über ihre Nutzer wissen. Ihr vampiristisches Geschäftsmodell besteht genau darin, die Daten, die sie ihren Kunden abzapfen wie Blutspenden, zu Geld zu machen – je mehr, desto besser. „Capture all“ ist daher auch das Motto der diesjährigen Transmediale.

Wenn jemand mit meinen Daten Geld verdient, hat sich da die britische Künstlerin Jennifer Lyn Morone gedacht, dann doch bitte ich selbst. Sie hat sich selbst als Unternehmen registrieren lassen, und wer Daten von ihr möchte, kann sie von ihrer Firma kaufen. So soll der Wert derartiger Informationen geklärt werden. Bei der Transmediale ist ein PR-Video des Unternehmens zu sehen, bei dem sie ihren Service erklärt, den man über ihre Website bestellen kann.

Mit ihrem Daten-Körper beschäftigt sich auch die Arbeit „Body Scan“ der griechischen Künstlerin Erica Scourti. Die hat mit dem Smartphone ihren eigenen Leib fotografiert und füttert mit den Akt-Selfies die Software Camfind. Das kommerziell erhältliche Programm kann Bildinhalte „erkennen“ und gibt die so entdeckten Stichwörter in eine Suchmaschine ein. Die liefert zu Scourtis Selbstbildnissen eine Flut von mal mehr, mal weniger passenden Internet-Funden. Nah-Aufnahmen ihrer Haut führen zu Haut-Texturen aller Art. Aber ein Foto von ihrer Scham will das Programm partout nicht erkennen und liefert stattdessen Bilder von schwarzen Kissen, schwarzer Wolle und anderen schwarzen Knäulen – auch Software hat also eine eingebaute Schamgrenze.

Vollkommen zu digitalen Daten geworden ist eine Kunstfigur, die unter dem Namen Laturbo Avendon firmiert und möglicherweise nur im Netz existiert. Die 3D-Figur tauchte zunächst in dem Online-Environment Second Life auf. Inzwischen kommuniziert sie im Internet per Facebook mit ihrer Gefolgschaft und wird inzwischen zu richtigen Ausstellungen eingeladen: Wer ihre 3D-Objekte im Galerieraum sehen will, muss sich allerdings eine Datenbrille wie Oculus Rift aufsetzen.

Ganz auf seine Vorstellungskraft verlassen muss sich, wer die Werke von Jonas Lund betrachten möchte. Der Schwede hat aus allen Beschreibungen von Kunstwerken, die in den letzten Jahren bei der Transmediale gezeigt wurden, mit einem Computerprogramm neuen Kunstsprech generieren lassen. Den kann man sich an in der Ausstellung markierten Punkten von einem Audioguide vortragen lassen. Mit etwas Fantasie entsteht dann vor dem geistigen Auge eine „minimalistische, kubische Plastik, die die Materialität von Daten erfahrbar macht“.