Berlin - So wanderten wir denn in mondloser Nacht über die Heide und suchten nach der Ahnen Spur; seufzend raschelte das tote Gestrüpp; unter unseren Füßen; gelegentlich wimmerte von ferne ein Geist oder wehte ein altes Ammenlied herüber; fremde Sternbilder erhoben sich über dem dunklen Gebirge. Das bislang tollste Konzert des CTM Festivals hat es am Donnerstagabend im HAU 1 zu hören gegeben. Hier bot das britische Ensemble Cyclobe mit wenig Elektronik, aber vielen verschiedenen handgeschnitzten, -gehauenen und -genähten Holz-, Fell- und Metallinstrumenten heidnische Ritualmusik dar.

Mit Drehleier und Dudelsack

Zwei Drehleiern gab es zu hören, auf denen mal in ruhig kreisender Weise, mal aber auch mit ruckartig-roboterhafen Bewegungen geleiert wurde; ein geschütteltes Büschel aus raschelndem Reisig klang wie ein vertrocknetes Weizenfeld in widrigem Wind; auf elektrisch verstärkten Stahlsaiten wurde mit Ketten gerasselt und mit Feilen gefährlich ruckartig geratscht; es wurde auf langen Flöten geblasen und auf kurzen Flöten sowie auf Flöten mittlerer Länge; man hörte Radiokurzwellengefiepe, das in konvulsivische Fumpgeräusche mündete; ein großer Gong wurde geschlagen und ein rostiges Ofenblech aus dem vorletzten Jahrhundert; dazu sah man über der Bühne ineinander verfließende Bilder von Einsiedlerhütten vor dunklen Wäldern, Freimaurerzeichen, ein wunderschönes Jungfrauenantlitz mit einer äußerst haarigen Riesenspinne davor; aus blutbunten Fleckenbildern blickte einen wissend lächelnd der Leibhaftige an; schließlich wurden milchig schimmernde Sternennebel aus einer besonders entlegenen, ungemütlichen Gegend am Rand der Galaxie eingeblendet.

Auch zwei Dudelsäcke wurden geblasen, die kürzlich noch im Besitz eines dudelsackbesessenen Druiden aus Cornwall waren: was für wunderbare Instrumente! Wenn ich gestern an dieser Stelle gefordert hatte, dass man für Avantgarde-Pop-Veranstaltungen wie das CTM Festival erst einmal ein mehrjähriges Drone-Moratorium ausrufen sollte, dann möchte ich diese Forderung heute dahingehend relativieren, dass Dudelsackdrones davon ausdrücklich ausgenommen sind! Ebenso übrigens wie Drehleierdrones: An den beiden schönsten Stellen des Abends gab es dann auch noch ein Drehleierduett zu hören sowie ein von vier von den sechs musizierenden Männern in der lieblichsten Weise bei gleichzeitigem Verlöschen des Bühnenlichts dargebotenes Blockflötenquartett.

Cyclobe wurden Ende der Neunzigerjahre von Stephen Thrower und Ossian Brown gegründet; beide hatten zuvor in der legendären Industrial-Band Coil gespielt, die sich auf Platten wie „Scatology“ oder „Horse Rotorvator“ einerseits mit den psychoaktiven Wirkungen von Sound sowie andererseits mit der rituellen Erforschung der männlichen Sexualenergie befasste. Mit Cyclobe war es ihr erstes Berlin-Konzert überhaupt: Stephen Thrower sah mit Anzug, Schlips, gut gestutztem Bart und Bibliothekarsbrille wie ein harmloser Privatgelehrter aus, der sich mit der Erforschung und Archivierung von Jean-Luc-Godard-Filmen und italienischen Nonnenpornos befasst (was übrigens auch der Realität entspricht), während Ossian Brown auf seinem kahlgeschorenen Schädel eine Robin-Hood-Mütze trug sowie ein kürzlich aus einem gerade erst zugeschaufelten Grab entwendetes, leicht angewestes leinenes Leichenhemd. Schick!

Mit abgespreiztem Finger

Mit seiner heidnisch-naturbelassenen Unaufgeräumtheit bildete das Konzert von Cyclobe auch einen interessanten Kontrast zu dem zuvor ebenfalls im HAU 1 zu sehenden Soloauftritt von Robert Lowe alias Lichens. Ein kontemplativ-kurzweiliges Dreiviertelstündchen lang drehte der Künstler – der aus Chicago kommt und in Berlin zuletzt als Tambourazupfer bei den minimalistischen Bassmusikmetaphysikern von Om zu sehen war – an den Knöpfchen eines Modularsynthesizers herum und sang und hauchte zu den pluckernden Rhythmen und sphärischen Sounds mit sich selber im Chor. Dies alles tat er allerdings in der ordentlichsten und grazilsten Weise, die man sich nur vorstellen kann. Alle Gerätschaften, die Lichens gebrauchte, lagen fein säuberlich auf einem mit einer bunten Decke bedeckten Tisch vor ihm aufgereiht und wurden nach Gebrauch sogleich wieder ordentlich abgelegt; und wenn er ein Mikrofon hielt oder ein Knöpfchen drehte, so tat er dies durchweg mit einem abgespreizten kleinen Finger.

So befanden sich die fortgesetzte kulturelle Verfeinerung von Lichens und die Sehnsucht nach dem Archaischen, wie sie sich bei Cyclobe ausdrückte, in der schönsten Zwiesprache. Beide waren von einer sonderbaren Traurigkeit umflort. Bei Lichens rührte sie aus der Melancholie des einsam um sich selbst kreisenden Subjekts; bei Cyclobe entsprang sie dem unerfüllbaren Wunsch, in der kollektiven Trance zurück in einen naturreligiösen Zustand zu finden, den es in Wahrheit niemals gegeben hat. Aber schöner ist Metaphysik ja nie als im Moment ihres Sturzes.