Das helle Tageslicht, das durch die Fenster der Frankfurter Paulskirche fällt, ruft immer wieder aufs Neue das vornehme Pathos des Gründungsortes des deutschen Parlamentarismus ins Gedächtnis. Die Paulskirche ist so etwas wie die heimliche Bühne der Geistesrepublik Deutschland.

Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, für den die Stadt Frankfurt gut zwei Monate nach dessen überraschenden Tod am Freitag eine Trauerfeier abhielt, hat oft vor der rötlich-grauen Marmorwand in der Paulskirche gesprochen. Als Laudator zu Ehren der Empfänger verschiedener Kulturpreise, als Gepriesener, zum Beispiel zur Verleihung des Börne-Preises 2009 – und als Trauerredner für seine großen FAZ-Kollegen und Vorgänger Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest.

Nicht wenige mögen sich bei dem Gedanken ertappt haben, dass Frank Schirrmacher gleich an das Pult treten werde, um feurig das Wort zu ergreifen. Seine radikale Gegenwärtigkeit wurde von allen Rednern gerühmt, eigens in Erinnerung rufen musste man sie ohnehin niemandem in der in Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck abgehaltenen Feierstunde. An diesem 5. September wäre Frank Schirrmacher 55 Jahre alt geworden.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann verwies in seiner Begrüßung auf den besonderen Frankfurter Geist eines gelebten Bürgertums und sah Schirrmacher als dessen herausragenden Repräsentanten. Sein Scharfsinn und seine Sprachmacht wurden gerühmt, nicht zum letzten Mal an diesem Vormittag. Dass seine Stimme für immer verstummt sei, so Feldmann, habe man gerade erst begonnen zu begreifen. Routiniert nannte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier Schirrmacher einen wichtigen Protagonisten von Zukunftsdebatten.

Schirrmacher war ein Skeptiker

Kein Kulturpessimist sei er gewesen, aber doch ein Skeptiker. In einem seiner letzten Texte habe er notiert, jeder wisse, wie man ein Smartphone bedient, aber kaum jemand wisse, wie man es verhindert, von Smartphones bedient zu werden. Das publizistische Geschäft des Mahnens also. Schirrmacher war wohl auch dabei in der ersten Reihe. Aber wie passt das zu der unbändigen Lust am Klatsch, von der Mitherausgeber Holger Steltzner berichtete, seiner aufreizenden Lässigkeit, mit der er die Sitzungen des Herausgebergremiums der FAZ zu leiten pflegte? Und ja. Als Kollege war es schier unmöglich, mit ihm immer einer Meinung zu sein.

Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, war es jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich Frank Schirrmacher immer wieder mit großer Leidenschaft für die Schutzbedürfnisse der deutschen Juden eingesetzt habe. In der so irritierenden Beschneidungsdebatte ergriff Schirrmacher als einer der Ersten das Wort, um die gefährdete religiöse Praxis der jüdischen Gemeinden zu verteidigen. Die Justiz, so habe Schirrmacher lakonisch geschrieben, die sich nun für Jahrtausende zuständig erklärt, hätte sich lieber in den zwölf Jahren regen sollen, als das jüdische Leben in Deutschland vernichtet werden sollte.

Plötzlicher Herztod am 12. Juni

Vieles von dem, was Frank Schirrmacher war und was man ihm nachsagte, stand in den Nachrufen, die in allen wichtigen Blättern nach dessen plötzlichem Herztod am 12. Juni erschienen waren. Ein unruhiger Geist, ein Überwältiger, ein Mann der schöpferischen Zerstörung, reich an Widersprüchen, in gleich mehreren Nachrufen wurde das Dämonische und Schirrmachers Faszination von allen Aspekten der Macht angesprochen.

Und es war gewiss kein bloß akademisches Interesse an Macht. Jetzt, so viele Wochen später, schienen die Lobpreisungen nur mehr weitere Aufgüsse desselben zu sein. Eine nachgetragene öffentliche Manifestation des publizistischen Kraters, den Schirrmachers Tod gerissen hat. In aller Stille war Frank Schirrmacher bereits Mitte Juni in der Sacrower Heilandskirche in Potsdam beigesetzt worden.

Wäre da nicht der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht gewesen, ein Freund, der doch meinte anmerken zu müssen, dass man sich auf den Begriff allerdings nie verständigt habe. Schon mit den ersten, sich zunächst herantastenden Worten, gelang es Gumbrecht, den Verstorbenen für den Moment gegenwärtig zu machen. Es sei nicht allzu lange her, dass eine schöne Greisin, mit der Schirrmacher sich im Gespräch befand, aufgeschaut und gefragt habe: Sind Sie der wirkliche Herr Schirrmacher?

Schirrmacher als umtriebiger Intellektueller

Die Frage war auch das Leitmotiv der zugleich intellektuell scharfen wie warmherzigen Auseinandersetzung mit dem Freund. In drei begrifflichen Annäherungen ließ Gumbrecht Schirrmacher als Mensch und als umtriebigen Intellektuellen in Erscheinung treten. Als erstes sei seine Ungeschliffenheit zu nennen.

Er war einer, der im Büro auch schon einmal die Füße auf den Tisch legt. Anhand der herumstehenden Aschenbecher sei nicht zu erkennen gewesen, ob er sich gerade das Rauchen abgewöhnte oder ob er bereits wieder zu rauchen angefangen habe. Unideologisch sei er gewesen, aber in der kairotischen Zeit des Urteilens doch ausgestattet mit einer bemerkenswerten Urteilskraft. Schirrmacher schrieb laut, szenisch und gestisch.

Der zweite Begriff, mit dem Gumbrecht Schirrmacher kennzeichnete, war Pathos. In diesem sei zugleich die Authentizität einer nicht vergehenden Jugendlichkeit aufgehoben gewesen. Aber Frank Schirrmacher, so arbeitete Gumbrecht mit literaturwissenschaftlichem Gespür hervor, sei auch ein Mann der Sorge gewesen. Ein beträchtlicher Teil seines Temperaments sei auf einen spielerischen Unernst zurückzuführen.

Nie konnte man sich wohl sicher sein, ob Frank Schirrmacher den Schirrmacher nur spielt. Das aber sei letztlich nur die Camouflage einer tief empfundenen Sorge gewesen. Der Sorge um die Familie, wie er sie in seinem Buch „Minimum“ zum Ausdruck gebracht habe. Vor allem aber auch der Sorge, die er seiner eigenen kleinen Familie entgegengebracht habe. Es wäre schlecht, so schloss Gumbrecht, für die deutsche Gesellschaft, wenn sie vergäße, wer Frank Schirrmacher war.