Frankfurt - Sie hätte ihm gefallen. Leidlich zumindest. Ja, diese Trauerfeier, dieser Abschied von Marcel Reich-Ranicki wäre beim Geehrten selbst positiv aufgenommen worden. Denn kaum etwas fand der große Literaturkritiker schlimmer, als gelangweilt zu werden. Und so gaben denn alle, die sprachen in der Trauerhalle des Frankfurter Hauptfriedhofs, ihr Bestes.

Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber, erinnerte daran, dass der Verstorbene Trauerfeiern immer gerne besucht und „rezensiert“ hatte. Ein klassischer Satz von ihm war: „Eine Beerdigung, bei der nicht Polizeiautos vor der Tür stehen, taugt nichts.“ Auch da wäre er auf seine Kosten gekommen: Die Polizei sperrte ganze Straßenzüge, weil zu den Ehrengästen auch Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin gehörten. Sie verneigten sich als Erste vor dem schlichten Sarg aus hellem Holz, der im merkwürdigen Gegensatz stand zum überbordenden Blumenschmuck.

Dass der höchste Repräsentant des deutschen Staates seinen Respekt erwies, hätte Reich-Ranicki als konsequente Erfüllung seines Lebensweges genommen. Denn ausgerechnet er, der den deutschen Mördern nur knapp entronnen war, brachte „den Deutschen ihre verbrannten und verfemten Dichter zurück“, so sagte es die Literaturkritikerin Rachel Salamander in ihrer Rede.

Ein letztes „Adieu“

Um diese Frage kreiste die Feier, zu der die Familie, an der Spitze Sohn Andrew Reich-Ranicki, geladen hatte. Wie konnte der Überlebende des Warschauer Ghettos nicht nur die Kraft aufbringen weiterzuleben, sondern auch noch zum Künder deutscher Literatur zu werden? Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, gewann in den Jahren seiner engen Freundschaft eine eigene Überzeugung. „Um zu überleben, hatte er eine Palisade um sein Innerstes errichtet, die er nie ganz abbaute.“

Korn berichtete aber auch von dem anderen Reich-Ranicki, dem privaten, der unter vier Augen „liebevoll, empfindsam, gefühlsbetont“ gewesen sei. Und er erzählte vom Abschied, vom letzten Besuch bei einem Mann an der Schwelle des Todes, der noch einmal die Augen geöffnet und die Kraft zu dem Wort „Adieu“ gefunden habe.

Alle, die sprachen, fassten sich kurz und widerstanden der Versuchung, ihre Sätze mit Arabesken auszuschmücken. Auch das hätte dem Kritiker gefallen. „Er wollte sich nicht ein zweites Mal mundtot machen lassen“, glaubte Rachel Salamander. Sie fand ein bemerkenswertes Bild für das 93 Jahre währende Leben des Toten. „Der Ruhm ist ein Mittel heimatloser Menschen, sich wieder eine Heimat zu schaffen.“ Und Salamander gab auch ein Versprechen: „Dass die Literatur immer im Gespräch bleibt, dass wir immer Neuigkeiten parat haben und ja nicht langweilen.“

„Gewalt und Hass sind nicht das letzte Wort“

Wie um dieses Motto zu untermauern, hatte Frank Schirrmacher ans Rednerpult den Lieblings-Roman Reich-Ranickis mitgebracht: „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Ein Buch, auf das der Literaturliebhaber sein Leben lang zurückgekommen war. Schirrmacher zitierte aus einer Passage, in der es um eine Beerdigung geht und um den Toten, eine „Person, deren Stimme nicht mehr im allgemeinen Stimmenkonzert mitklingt“. Für Reich-Ranicki werde das nicht gelten: „Seine Stimme wird überall dort zu hören sein, wo Literatur ist.“

Und die Politiker? Zu ihnen hatte der Kritiker ein distanziertes Verhältnis. Doch sie zogen sich achtbar aus der Affäre. Die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth erinnerte mit Ironie an den Opern-Liebhaber, der so manches Mal vernichtende Urteile fällte. „Das war nicht Mozart, das war Firlefanz.“ Und wenn ihm dann ein Abend einmal gefallen habe, habe er gleich dafür gesorgt, dass die Oberbürgermeisterin nicht übermütig wurde: „Das hat mit Ihnen gar nichts zu tun!“

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier würdigte Reich-Ranickis „Einsatz gegen Vergessen und Gleichgültigkeit“. Der Kritiker habe bewiesen: „Gewalt und Hass sind nicht das letzte Wort.“ Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sprach von der „nie verheilenden Wunde der Judenvernichtung“ in dem langen Leben des Literaturliebhabers.

Gottschalk umschiffte intellektuelle Klippen

Hehre Töne, die von der Musik gerahmt wurden, die Reich-Ranicki geliebt hatte. Puccinis „La Bohéme“ etwa oder die Präludien von Johann Sebastian Bach. Hellmuth Karasek war gekommen, den der „Literaturpapst“ im „Literarischen Quartett“ oft genug vor den Fernsehzuschauern fast zum Stichwortgeber herabgewürdigt hatte. Die Schriftstellerin Eva Demski, eine langjährige Freundin, saß ebenso unter den Trauergästen wie der hochbetagte Politikwissenschaftler Iring Fetscher.

Und dann ging ein Mann aus der ersten Sitzreihe zum Rednerpult, auf dessen Auftritt vor allem die vielen Fotografen gewartet hatten. Thomas Gottschalk, mittlerweile schon fast die Vaterfigur der deutschen Entertainment-Szene. In seinen Shows war Reich-Ranicki mehrfach aufgetreten. Und Gottschalk war auch dabei, als der Kritiker 2008 die Entgegennahme des Deutschen Fernsehpreises verweigert hatte – aus Abscheu über die intellektuellen Zumutungen in der Gala um ihn herum. Andrew Reich-Ranicki, der Sohn, hatte den Unterhaltungs-Star eigens gebeten, vor der Versammlung zu sprechen.

In der Trauerhalle des Frankfurter Hauptfriedhofs erwarteten viele jetzt den Absturz: Gottschalk, das kann doch nur peinlich sein. Doch der Entertainer umschiffte intellektuelle Klippen. Und präsentierte sich allen Ernstes als „Vertreter der geistigen Mittelklasse“. Reich-Ranicki habe das Zeug zum Publikumsliebling gehabt, er sei bereit gewesen, „den Elfenbeinturm zu verlassen“, urteilte der Showmaster. Seine Autobiografie habe ihn, so Gottschalk, erst dazu gebracht, sich „unserer Vergangenheit zu stellen“. Und während noch einige den Atem anhielten in der Trauerhalle, stand der Entertainer schon vor dem Sarg und verneigte sich.

Ein Land nahm Abschied

So also hat Frankfurt, hat Deutschland Abschied genommen von Marcel Reich-Ranicki. Draußen lauerten Dutzende von Fotografen und etliche Schaulustige hinter schwarz-gelben Absperrbändern. Der Vertreter der geistigen Mittelklasse gab vor dem Tor des Hauptfriedhofs die ersten Interviews, Fernsehteams umkreisten ihn.

Vor zweieinhalb Jahren war an gleicher Stelle Reich-Ranickis Ehefrau Tosia zu Grabe getragen worden. Es war das Ende einer jahrzehntelangen engen symbiotischen Beziehung gewesen. Sie hatte ihm die Kraft gegeben, nicht nur ein Freund der Literatur, sondern auch der Menschen zu sein.