Eine Locke ist nicht bloß eine Locke, für Yvette Mumanyi ist sie eine Ansage. Mit den Fingerspitzen entrollt sie zwei Haarsträhnen, die sie am Vorabend wie eine Kordel umeinandergeschlungen und als Knoten auf ihrem Kopf befestigt hat. Achtzehn solcher Bantu-Knoten hatte sie über Nacht. Nun löst sie einen nach dem anderen, und die Haare fallen ihr in Kringeln auf die Schulter. Eine natürliche Dauerwelle, ohne Lockenwickler, Klammern, Spray. Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtet sie sich im Spiegel. Es sind ihre eigenen Haare, und das ist nicht selbstverständlich. Denn Yvette Mumanyi hat afrikanische Haare, Typ 4c, z-förmig.

Haare werden in drei ethnische Gruppen unterteilt: asiatisch, europäisch-kaukasisch und afrikanisch. Glaubt man dem Starstylisten Andre Walker, der unter anderen Oprah Winfrey betreut, ist das wichtigste Merkmal die Krümmung: 1 (gerade), 2 (gewellt), 3 (gelockt) und 4 (zickzack), jeweils mit den Unterkategorien a, b, c. Asiatische und europäisch-kaukasische Haare haben eine Krümmung zwischen 1a und 3b. Bei 3c beginnen die afrikanischen Haare, und da wird aus einem Badezimmerthema plötzlich Politik.

Yvette Mumanyi setzt sich in ihrem Wohnzimmer auf einen Sessel und klappt ihr MacBook auf. Sie ist 22 Jahre alt, studiert Massenkommunikation und wohnt mit ihrer Familie in Karen, dem wohlhabenden Stadtteil von Nairobi, einer Stadt mit Palmen und Wolkenkratzern, in der sechzig Prozent der Einwohner in Slums leben und Passanten manchmal am helllichten Tag eine Pistole an die Schläfe gehalten wird.

Vor einer Woche hat Yvette angefangen, einen Blog zu schreiben: „Mane Attraction“, Attraktion Löwenmähne, nennt sie ihn. Ihr Thema: afrikanische Haare. Ihr Ziel: Sie will anderen Afrikanerinnen beibringen, ihre natürlichen Haare zu pflegen und zu frisieren. Kaum eine kann das. Die meisten Kenianerinnen, wie auch die Frauen in anderen Ländern Afrikas, glätten ihre Afrokrause. Weil es von ihnen erwartet wird.

Das geht so: Die Haare werden in Büschel getrennt, die Glättungscreme wird auf dem Ansatz verteilt und wirkt je nach Haardicke zehn bis fünfzehn Minuten ein. Die Chemikalien dringen in die Wurzel vor und weichen das Haar auf, sodass es nicht in Zickzackform, sondern gerade aus der Kopfhaut wächst. Schwangeren wird empfohlen, damit aufzuhören, weil die Chemikalien so giftig sind. Wenn man die Creme zu kurz einwirken lässt, bleibt der Effekt aus.

Wenn man sie zu lange einwirken lässt, verbrennt die Kopfhaut. Zu Hause selbst zu glätten, ist schwierig und riskant. Also muss man jede oder zumindest jede zweite Woche einen Profi aufsuchen. „Wer anfängt zu glätten, wird zur Sklavin des Salons“, sagt Yvette. Aber vielen Frauen ist es die Mühe wert. Denn das Ergebnis sind glatte, seidig glänzende Haare. Wie Beyoncé Knowles, Tyra Banks und Michelle Obama sie tragen. Haare, wie die Weißen sie haben.

Mit den Menschen, die Afrika verlassen haben, ist auch die Haarfrage in andere Teile der Welt emigriert. Salons für afrikanische Haare gibt es nicht nur in Nairobi, es gibt sie in Baltimore, in Lyon, in Berlin. Überall werden die gleichen Glättungscremes aufgetragen und ähnliche Perücken und Extensions verkauft.

Schwarze Menschen, die ihr krauses Haar zeigen, sind noch immer eine Seltenheit. Man hält sie für Drogensüchtige, politische Aktivisten oder im besten Fall für Künstler. Als die schwarze Wettermoderatorin Rhonda Lee sich im Dezember 2012 auf Facebook gegen Beleidigungen ihrer Frisur verteidigte, wurde sie von ihrem Sender ABC in Louisiana gefeuert. Als Bill de Blasio Bürgermeister von New York werden wollte, nutzte sein Wahlkampfmanager die Afrokrause von de Blasios Sohn Dante, der eine afroamerikanische Mutter hat, um den Vater als progressiven Politiker zu positionieren.

Viele Kommentatoren hielten die Strategie für riskant, da der Afro in den Augen von Weißen noch immer ein Zeichen schwarzer Aggression sei. De Blasio gewann – auch weil er die Afroamerikaner auf seiner Seite hatte. Als Barack Obama als erster Schwarzer für das Amt des Präsidenten kandidierte, veröffentlichte die Zeitschrift New Yorker eine Titelgeschichte darüber, wie seine Gegner versuchten, ihn als Terroristen zu verunglimpfen. Der Karikaturist zeichnete ihn im Taliban-Umhang mit Turban und Sandalen. Daneben steht Michelle Obama, mit Kalaschnikow und wilder Afrokrause. Natürliche afrikanische Haare als Zeichen von Rückständigkeit, Kriminalität, Gefahr.

Wenn junge Afrikanerinnen wie Yvette Mumanyi gegen dieses Stereotyp ankämpfen, dann geht es nicht nur um verschiedene Interpretationen von Schönheit. Es geht auch um Rassismus, Identität und sehr viel Geld. Der afrikanische Markt für Kosmetik- und Hygieneprodukte hat laut der Unternehmensberatung Roland Berger ein Volumen von 7,8 Milliarden Euro. Bis 2017 dürfte es auf 12 Milliarden Euro anwachsen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie sich Yvette Mumanyi von bestehenden Konventionen befreit.