Wie hat er das gemacht? Kaum habe ich den Buchladen „leselieber“ in Friedrichshagen betreten, habe ich schon drei Wunsch-Bücher in meinem Schoß. Und wieso sitze ich überhaupt?

Am 1. April hat Christoph Berger in der schnuckeligen Bölschestraße seinen Buchladen eröffnet. Samt Regalen und scheußlichem Beleuchtungssystem übernahm er die zweitletzte Berliner Filiale der Wohlthat’schen-Buchhandlungen. Inzwischen sind die alle zu.

Die BHG, die Buch Handels Gesellschaft GmbH von Hugendubel und Weltbild, hatte 2006 die damals noch bundesweit 54 Wohlthat-Läden übernommen und bis 2011 zügig auf 26 Geschäfte geschrumpft. Ein Teil (16) der offenbar nicht mit der „Multichannel-Strategie“ des Unternehmens kompatiblen, sprich nicht mehr profitablen Läden wurden in die DHB Tochter Jokers und in Weltbild integriert, die verbliebenen zehn sollten im letzten Jahr zunächst als Paket, dann einzeln verkauft werden. Erfolglos. Jetzt sind alle geschlossen, die Mitarbeiter entlassen. Christoph Berger kennt das, hat der akademische Quereinsteiger doch zuvor in der Buchhandlung Lehmanns im Hardenberghaus gearbeitet, die im August ebenfalls dicht macht.

Fast 300 Läden in Berlin

Wie kommt einer, zumal ein echter Oberschwabe wie der 44-jährige Berger, dazu, einen neuen Buchladen zu eröffnen in Zeiten eingehender Buchhandelsketten und schrumpfender Umsätze? Nur noch 48 Prozent beträgt der Marktanteil der traditionellen Sortimentsbuchläden am Buchvertrieb, den wachsenden Brocken sacken Onlinehändler ein. Damit ist noch nicht die Konkurrenz des E-Book bedacht, das durch zusehends smartere Telefone und Tablettgeräte erwartbar an Beliebtheit zunehmen dürfte.

Berger sieht dem gelassen entgegen. Die vielen Kunden seines Ladens bestätigen seinen Glauben an das Buch zum anfassen, riechen und blättern. Aber er hat auch kein Problem mit Amazon, statt selber online zu handeln, nutzt er den scheinbaren Erbfeind aller Buchhändler lieber. Freundlich weist er eine Kundin darauf hin, dass der von ihr gewünschter Titel ein „Book on demand“ sei, dessen Auslieferung schon eine Woche dauern kann. Macht nichts, sagt die junge Frau und hinterlässt ihre Handynummer.
3800 Buchhandlungen gibt es laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels derzeit noch in Deutschland. Da zählen aber auch Bahnhofskioske, Kaufhäuser und Schreibwarenläden dazu. Unabhängige, heißt „inhabergeführte“ Buchhandlungen gibt es etwa 700, davon in Berlin allein 295.

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Das Überraschende: Tendenz steigend! Ein Dutzend Neugründungen hat der Börsenverein seit 2010 in Berlin registriert. „Das ist der Berliner Kiezbonus“, meint Verlegeraktivist Stefan Weidle dazu. Denn im Rest Deutschlands kann von der Wiederkehr des Buchladens um die Ecke derzeit (noch?) keine Rede sein. Als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung für Unabhängige Verlage fordert Weidle deshalb eine finanzielle Unterstützung des stationären Buchhandels durch den Staat. Ähnlich wie die Programmkinos sollen Buchhändler, die soziale und kulturelle Aufgaben „gegen die Verödung der Städte und Verblödung ihrer Bewohner“ übernehmen, nach einem Prämiensystem gefördert werden.

Im Gegensatz zur eher peinlichen Plakat-Aktion des Börsenvereins („Vorsicht Buch!“) und der privatwirtschaftlichen „Buy-Local“-Kampagne (der orangefarbene Aufkleber mit dem Eichhörnchen) begrüßt Christoph Berger die Initiative der Kurt-Wolff-Stiftung sehr. Und wie zum Beweis für die wunderbar soziale Funktion seines Buchladens, lässt sich Herr H. auf den Holzstuhl neben mir nieder. Der pensionierte Philologe (Russisch und Latein) hat gerade eine Ausgabe der Neuen Rundschau von 1987 gefunden. Der bibliophile, radfahrende Rentier schaut fast jeden Tag im „leselieber“ vorbei: „Man hat ja Nachholbedarf!“

Fast 60 Jahre lang, erzählt der gesellige Herr H., war er Kunde der Volksbuchhandlung am S-Bahnhof Friedrichshagen. „Da gab’s den Schopenhauer ja nur im Giftschrank!“ Einmal stand sogar Franz Fühmann dort neben ihm. Das „preussischen Arkadien“ (Günter de Bruyn) am Müggelsee ist für seine Dichterkreise legendär. Nach Erich Mühsam und Johannes Bobrowski wohnt heute etwa der Filmregisseur Leander Hausmann („Haialarm am Müggelsee“) in der wohlhabenden, etwas pittoresk verschroben wirkenden Gegend. Zur Nachbarschaft gehören auch die 85-jährige Schriftstellerin Rosemarie Schuder oder die Buchillustratorin Constanze Guhr, die ihre Werke selber im Laden vorbeigebracht haben. Überflüssig zu sagen, dass der überaus freundliche Berger auch Vertreter kleiner Verlage empfängt. Guhrs wirklich „(Mein) wunderbares Gartenbuch“ (Gerstenberg Verlag) liegt nun auf einem liebevoll drapierten Tisch voller Kräuter-, Garten- und Ernährungsbücher. Das geht gut hier im grünen und gutsituierten Friedrichshagen. Aber auch der „Wohlthat-Style“ – das moderne Antiquariat aus verbilligten Bücher vergangener Saisons und Remittenden, die in roten Kisten auf dem Bürgersteig ausliegen – lockt ein generationenübergreifendes Publikum an, das neugierig durch die Schnäppchen blättert.

"Geistige Tankstelle"

In den gerade mal gut zwei Monaten, die es „leselieber“ gibt, hat sich der „reingeschmeckte“ Schwabe so prima in die Friedrichshagener Nachbarschaft eingeführt und eingefühlt, dass er fast nicht mehr wegzudenken ist. Für Stammkunden wie den philosophiehungrigen Herrn H. oder die energiesprühende Dame, die Geschichten aus ihrem Urlaub oder von einem kranken Bekannten loswerden muss, für den pubertären Krimifan und die elegante Dame, die ein Buch gleich dreimal kauft – „für meine drei Nichten“, ist „leselieber“ ein pulsierender sozio-kultureller Treffpunkt.

Während der eineinhalb Stunden, die ich dort herumsitze, vom charmanten Buchhändler wie von einer überaufmerksamen Mama stetig mit neuen Büchern und Mineralwasser versorgt, stöbern immer mindestens eine handvoll Leute in den Regalen und auf den Tischen herum. Etwa zwanzig kaufen ein Buch, viele mehrere. Herr H. begnügt sich schließlich – „meine Frau!“ – mit nur einem Exemplar von Georg Steiners „Warum Denken traurig macht“. Das hat Berger hier schon fünf Mal verkauft. Merkwürdig? Eigentlich ist es jedoch Fernando Pessoa, ohne den es Bergers Buchladen „gar nicht gäbe“. Zu Ehren des 125, Geburtstages des „Hilfsbuchhalters“ der portugiesischen Melancholie, gibt es denn auch am Donnerstag eine Lesung mit portugiesischen Weißwein. Eine gute Buchhandlung ist eben, wie Helmut Schmidt einmal gesagt hat, eine „geistige Tankstelle“.

Pessoa-Lesung: „leselieber“, Bölschestr. 79, Friedrichshagen, 13.6.2013, 19.30 Uhr. Eintritt frei.