Trevor Paglen auf Transmediale: Die Unmöglichkeit der Geheimhaltung

Trevor Paglen versucht sichtbar zu machen, was verborgen bleiben soll. Mit gewaltigen Teleobjektiven nimmt der Künstler Spionagesatelliten der NSA oder militärische Drohnen auf. Bei Nacht fotografiert er aus dem Helikopter das NSA-Hauptquartier in Fort Meade oder lichtet Personen ab, die geheime Gefangenentransporte der CIA organisieren.

An diesem Donnerstag tritt Paglen beim Medienkunstfestival Transmediale auf. Vorab hat er uns in einem Telefoninterview sein ästhetisches und aktivistisches Programm erläutert. Es gehe ihm, sagt er, um den grundlegenden Widerspruch, der der Geheimhaltung innewohne: Die Dinge, die unsichtbar bleiben sollen, sind aus dem gleichen Stoff gemacht wie alle anderen Dinge in der Welt. Sie können nie komplett verschwinden. „Ein geheimes Flugzeug kann nicht in einer unsichtbaren Fabrik gebaut werden.“ Vier Millionen Menschen arbeiten in den USA an geheimen Dingen, hat Paglen recherchiert – mehr als in zivilen Behörden. Das Budget des geheimen Staates beträgt 100 Milliarden US-Dollar. „Es kann nicht in einem Vakuum verschwinden, sondern erschafft eine Landschaft.“

Das Archiv der Universität Berkeley lenkte Paglens Aufmerksamkeit auf diesen Raum, den das Geheime produziert. Paglen, der nicht nur einen Abschluss der School of Art in Chicago hat, sondern auch in Berkeley in Geografie promovierte, sah dort Satellitenaufnahmen durch – und merkte, dass gewaltige Flächen fehlten.

Mit einem Freund fuhr er in die Wüste Nevadas, an die Grenzen der weißen Flecken auf der Karte – zu Orten, hinter denen das Sperrgebiet der Militärbasen beginnt. Selbst mit einem Fernglas sind sie aus 20 oder 30 Meilen kaum zu sehen. Was würde passieren, wenn man sie mit Teleobjektiven aufnimmt, wie Astronomen sie einsetzen, fragte sich Paglen. Die Basen werden sichtbar. Zugleich entstehen über solche Entfernungen optische Verzerrungen, einige Fotografien wirken wie impressionistische Gemälde. Paglen sagt: „Mich interessiert das Spannungsverhältnis dazwischen – dass man versucht, etwas zu sehen, und dazu aber nicht fähig ist.“

Einige seiner Fotografien zeigen gewaltige Wolkenformationen im Morgenlicht. Erst bei sehr genauem Hinsehen, entdeckt man eine todesbringende Drohne. Andere Bilder sehen aus, als würden Sternschnuppen über den Himmel ziehen. Dabei sind es Spionagesatelliten, ausgerüstet mit Objektiven, die aus dem Orbit die Gesichter von Menschen aufnehmen können. Paglen fotografiert sie, indem er auf Datenbanken von Hobbyastronomen zurückgreift und ihre Flugbahn berechnet.

In der Tradition der Gemälde der Romantik sieht Paglen diese Fotografien. Auf eine Ästhetik des Sublimen, des Erhabenen, ziele er mit diesen Bildern, sagt er. Schönheit, der das Unheilvolle eingeschrieben ist. In Anspielung auf William Turners Gemälde „Der Engel vor der Sonne“ hat Paglen eine seiner Drohnen-Fotografien „Reaper in the Sun“ genannt. Wenn Paglen die Drohnen fotografiert, kann es passieren, dass ihn ihre Kameras ins Visier nehmen. „Irgendwo anders auf der Welt wäre man in diesem Moment wohl tot“, sagt er.

Das Unheilvolle in Paglens Bildern ist zugleich Metapher für die Bedrohung, die er in dem Ausbau des Überwachungsstaates für die Demokratie sieht. Mit den Überwachungsprogrammen sei nicht nur die Fähigkeit dafür geschaffen worden sei, auf Knopfdruck einen autoritären Staat zu erschaffen, sagt Paglen. „Die NSA-Programme machen eine andere Zukunft kaum möglich.“

Die wachsende ökonomische Ungleichheit, der Abbau der sozialen Sicherungssysteme und der Klimawandel gehörten zu den Krisentendenzen, sagt Paglen, die es geradezu garantierten, dass der Schalter zu einem autoritären Staat umgelegt wird. Verschärften sich diese Krisen, werde sowohl eine liberale als auch eine konservative Regierung den Überwachungsstaat als das Instrument der Wahl einsetzen, um sie zu beenden. „Die Institutionen des Überwachungsstaates stellen – anders als der Terrorismus, mit dem ihr Ausbau gerechtfertigt wird – tatsächlich eine essenzielle Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar.“

Es ist ein düsterer Ausblick. Doch Paglen sagt auch: „Diese Entwicklung ist nicht unvermeidlich. Es ist bloß die Richtung, auf die es zuläuft, wenn wir nichts unternehmen.“ Das Sichtbarmachen des Überwachungsstaates, sagt er, könne zum Nachdenken darüber beitragen, wie sich die Entwicklung aufhalten lässt. Insofern wirkt die Überwindung der Geheimhaltung bei Paglen auch als ein Akt der Ermächtigung gegen die übermächtig erscheinenden Institutionen der Geheimdienste. Es sei unproduktiv, zwischen Kunst und Aktivismus zu unterscheiden, sagt Paglen. Beide Begriffe seien dafür zu schwammig.

Die Möglichkeit zur Veränderung des geheimdienstlichen Schattenstaates legen besonders die Werke nahe, die im Kontrast zu den entrückt wirkenden Fotografien der Geheimbasen und NSA-Spionagesatelliten stehen und die Verwobenheit des geheimen Staates mit dem Alltagsleben zeigen. Wie ein investigativer Journalist spürt Paglen etwa die Tarnfirmen auf, die die Logistik für die geheimen Gefangenentransporte der CIA stellen. Eine der Tarnfirmen, Premier Executive Transport Services, verfolgte er zu einer Adresse in Dedham Massachusetts – einem Büro von Scheidungsanwälten. Bei einer anderen Tarnfirma gelang es Paglen, die Vorstandsmitglieder in ihren Reihenhäusern in Vorstadtsiedlungen zu fotografieren. Ihre echten Namen waren versehentlich in einem Gerichtsprozess bekannt geworden, bei dem es um die unbezahlten Rechnungen geheimer Gefangenentransporte ging. Die Firma flog neben CIA-Gefangenen auch Sportmannschaften herum. Die extreme Gewalttätigkeit des Schattenstaates gehe mit einer Ultra-Banalität einher, sagt Paglen.

Nirgendwo wird der Widerspruch zwischen Geheimhaltung und der Unfähigkeit dazu so sichtbar wie in den Stoffabzeichen der geheimen Einheiten. Paglen hat sie in einem Buch gesammelt. Die Abzeichen unterliegen nicht der Geheimhaltung, doch oft verraten sie Details von geheimen Programmen für Spionagesatelliten und Spähflugzeuge – und geben tiefe Einblicke in die Denkweise der Geheimdienste. Das Abzeichen einer NSA-Spionagesatelliteneinheit zeigt etwa einen Drachen, dessen Flügel aus der US-amerikanischen Flagge bestehen. Mit seinen scharfen Klauen umfasst er die Weltkugel.

Paglen nähert sich als Künstler der geheimen Schattenwelt von außen, doch er ist selbst in ihr aufgewachsen. Sein Vater arbeitete bei der Armee, Paglen trank als Teenager Tequila mit Freunden, die ihm nicht sagen durften, wo sie gerade herkamen und was sie gemacht hatten. „Wenn man in dieser Umgebung aufwächst, fällt es leichter, die Schattenwelt zu erkennen“, sagt Paglen. „Sonst kann man sie leicht übersehen.“ Seine Herkunft gibt ihm zugleich einen differenzierteren Blick für die Institutionen des geheimen Staates. Paglen betont, dass sie keine einheitlichen, homogenen Gebilde sind. „Die schärfsten Kritiker der NSA sind in der NSA,“ sagt er.

Obwohl er den Geheimstaat herausfordert, hat Paglen nie ernsthafte Probleme mit den Behörden bekommen. Zwar operiere ein massiver Teil des Staates in Geheimhaltung und weitgehend außerhalb der Gesetze, sagt Paglen. Doch zugleich seien die Vereinigten Staaten der vielleicht offenste Land der Welt in der Hinsicht, dass es keine Geheimhaltungspflicht für Zivilisten gebe. „Dieser Widerspruch ist das Fundament meiner Arbeit. In Großbritannien würde ich dafür ins Gefängnis kommen.“