„Tromp l‘ amour“ an der Volksbühne: Auf der Suche nach dem Loch

Berlin - Man wüsste schon gern, wie man auf diese Premiere geblickt hätte, wären ihr andere Umstände beschert gewesen. So aber erfährt man eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn, dass der regieführende Schauspieler Martin Wuttke – auf den man sich doch vor allem gefreut hatte – sich selbst vom Besetzungszettel gestrichen hat. Und offenbar in letzter Sekunde, so dass sein Name noch ins Programmheft gedruckt und nun in liebevoller Kleinarbeit überklebt wurde.

Sibyllinisch verlautet, Wuttke habe auf den Proben gemerkt, wie schwierig es sei, als Regisseur und als Darsteller gleichzeitig tätig zu sein. Im Foyer wird gemunkelt, Hausherr Frank Castorf habe die letzten Proben übernommen. Von Volksbühnen-Seite heißt es vielsagend, Castorf habe „geholfen“. Aha! Was war da nun wieder los? Die Erwartungen jedenfalls fallen im Nu deutlich unter Null.

Aasiger Sätze aus angewiderter Distanz

Gegeben wird eine Bearbeitung von Honoré de Balzacs grandiosem Schundroman „Glanz und Elend der Kurtisanen“. Weil René Pollesch jedoch schon zu Beginn der Spielzeit eine seiner Diskurs-Polleschiaden mit diesem Titel tarnte (und darin niemand anderen als Martin Wuttke zur Höchstform anstachelte), musste ein anderes Label her: „Trompe l’amour“ – „Täusche die Liebe“ heißt das Ganze nun. Wenn die Sache anrollt – und sie rollt erst einmal in Form einer schönen alten Kutsche auf die Bühne –, dann sucht der um den Schauspieler Martin Wuttke geprellte Zuschauer unwillkürlich nach einem Loch: So einfach kann sich doch ein Hauptdarsteller nicht aus einer Inszenierung entfernen lassen.

Im Zentrum von Balzacs Buch steht ja eine teuflische Gestalt, ein Zuchthäusler im Priestergewand, ein Strippenzieher, der skrupellos Menschen und Kurtisanen (falls man da unterscheiden möchte) zu seinen Werkzeugen formt. Diesen Herrera oder Collin oder Vautrin – das Böse hat viele Namen – hätte Wuttke wohl gespielt. Seine Textpassagen werden nun zum Großteil von dem französischen Tänzer und Schauspieler Jean Chaize bewältigt, der aasig seine Sätze formt und mit angewiderter Distanz aus sich heraustropfen lässt. Das macht er ziemlich gut. Ein dämonisches Kraftzentrum aber, wie es Wuttke vielleicht hätte sein können, ist Chaize nicht. Oder täuscht einen hier die Liebe zum Darsteller Wuttke?

Wie nun immer die Endgestalt der zweistündigen Aufführung zustande gekommen sein mag: Sie fühlt sich jedenfalls sehr nach Castorf an. Ein bisschen wirkt es so, als würden sich die bewährten Volksbühnen-Mittel von alleine inszenieren: Per Live-Video sind wir auch bei zugezogenen Vorhängen zu den Geschehnissen im Inneren der Kutsche zugeschaltet oder werden ganz nah an die Diwane und Toilettentische der Halbweltdamen und Kammerzofen herangezoomt.

Unterhaltsamer Eklektizismus

Die Drehbühne, die von Bert Neumanns für diese Spielzeit entworfenem Lamettavorhang umsäumt ist, dreht sich so routiniert wie spektakulär, um das technische Setting zu enthüllen, und die Schauspieler – starke Typen allesamt – chargieren sich gewohnt ironisch mit herrlich affektiertem Mienenspiel in ihre Rollen hinein. Seien wir ehrlich: Hätte bei Regie Castorf gestanden und wäre Wuttke nie auf dem Besetzungszettel aufgetaucht, es wäre einem nichts weiter aufgefallen. Volksbühnen-Business as usual.

Und auch das sei eingestanden: Man wird von diesem eklektischen Abend sogar ganz gut unterhalten. Weil die hochenergetische Britta Hammelstein und die vom Wiener Burgtheater herbeigeeilte, sehr schnutensichere Jasna Fritzi Bauer großartige Soli haben, jeweils als übel betrogene und tief verzweifelte Edelkurtisane Esther. Weil Franz Beil als zum Werkzeug des Bösen mutierter Dichter Lucien so wunderbar fahrig im Berliner Dialekt daherkoddert. Und weil es am Ende den denkbar lustigsten Kollektivselbstmord zu bestaunen gibt, den Hendrik Arnst als gefoppter Bankier mit dem lakonischen Ausruf „Mir ist auch nicht gut“ auf die komische Spitze treibt.

Zum Schlussapplaus kam Martin Wuttke dann doch auf die Bühne. Er war also da. Immerhin.

Trompe l’amour 27.4.; 2.5. 19.30Uhr Volksbühne, Karten: 24065777